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Diesel-Debatte : Wie ungesund sind Stickoxide?

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Die EU legt sich dennoch mit der mächtigen Automobilindustrie an, weil sich inzwischen einiges an Belastungsmaterial angesammelt hat. Die amerikanische Umweltbehörde EPA hat Unmengen solcher Belege zusammengetragen und im vergangenen Jahr ein „Integrated Science Assessment“ über die Gesundheitsgefahren durch Stickoxide verfasst. Auf 1148 Seiten sind mehr als 1500 Fachartikel aufgeführt, darunter epidemiologische Studien, Tests mit gesunden oder erkrankten Teilnehmern sowie Experimente, für die Versuchstiere belastete Luft atmen mussten. „Und die meisten dieser Studien weisen in dieselbe Richtung“, sagt Barbara Hoffmann, Leiterin der Umweltepidemiologie am Uniklinikum Düsseldorf: „Stickstoffdioxid ist schädlich und schadet der Gesundheit auf zahlreichen Wegen.“

Warum Stickoxide den ganzen Organismus gefährden

Das bekommt zu spüren, wer einmal höheren Konzentrationen ausgesetzt ist: NO₂ ist ein Reizgas, führt zu Husten, einer reflektorischen Kontraktion der Bronchialmuskulatur. Weil es Säure und freie Radikale bildet, kann NO₂ außerdem die Wände in den feinen Ästen der Atemwege und den Alveolen verletzen. Nach entsprechender Belastung nehmen auch bei gesunden Personen die Entzündungswerte in der Lunge zu; Symptome treten zunächst keine auf, der schützende Flüssigkeitsfilm in den Lungenbläschen, Surfactant genannt, wirkt bis zu einem gewissen Grade als Puffer. Doch bei sehr hohen Konzentrationen hilft auch dieser nicht mehr. Würde man reines Stickstoffdioxid inhalieren, würde das schnell zum Tod führen, weil Wasser in die dadurch zerstörte Lunge dringt.

Noch empfindlicher reagieren alle, die an Asthma oder einem chronisch obstruktiven Lungenleiden erkrankt sind. Ihre Atemwege sind vorgeschädigt. Deshalb könnten schon Konzentrationen im Bereich der offiziellen Grenzwerte Asthmaattacken auslösen und Beschwerden wie Atemnot oder Husten verstärken, erklärt die Medizinerin Hoffmann. Eine halbe Stunde Autofahrt in einem vielbefahrenen Straßentunnel genügt, wie eine schwedische Studie ergab, damit Asthmatiker zum Beispiel früher und heftiger auf Allergene reagieren. Unter anderem deshalb weil diese durch NO₂ und ähnliche Stoffe chemisch verändert werden und dadurch aggressiver im Körper wirken, wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz nachgewiesen haben. Atemwegsinfekte und Lungenentzündungen treiben auch mehr Menschen zum Arzt, wenn die Stickstoffdioxidwerte etwa aufgrund einer Inversionswetterlage steigen.

Rätselhafte Zusammenhänge

Damit lässt sich allerdings noch nicht ausreichend erklären, warum Stickoxide laut Statistik die Lebenserwartung generell verkürzen. So hat die italienische Epidemiologin Annunziata Faustini vor drei Jahren im European Respiratory Journal die wichtigsten Studien zum Thema analysiert und berechnet: Die Zahl der jährlichen Todesfälle in der Bevölkerung nimmt um jeweils vier Prozent zu, wenn die jährliche Durchschnittsbelastung weitere zehn Mikrogramm NO₂ pro Kubikmeter ansteigt. Im Mittel beträgt die jährliche Stickstoffkonzentration in städtischen Wohngebieten zwanzig bis dreißig Mikrogramm. Aber an vielbefahrenen Straßen sind Anwohner laut Umweltbundesamt manchmal Konzentrationen ausgesetzt, die bis zu vierzig oder sogar sechzig Mikrogramm pro Kubikmeter darüberliegen. Und in Anbetracht dieser Belastung wirkt die rechnerische Darstellung der Italienerin zweifellos dramatisch.

Dieses allgemein erhöhte Risiko führen Experten vor allem auf einen negativem Einfluss aufs Herz zurück. Mit jeden weiteren zehn Mikrogramm NO₂ steigt die Zahl der tödlichen Herzattacken und -infarkte um dreizehn Prozent. Das hatte Faustini ebenfalls berechnet, aber warum dieser Zusammenhang besteht, ist nicht so einfach zu erklären. In den Blutkreislauf dringt Stickstoffdioxid eigentlich nicht vor, es verursacht dort auch keinen Anstieg der Nitrite oder anderer Reaktionsprodukte. „Wir gehen davon aus, dass Entzündungsbotenstoffe aus der angegriffenen Lunge für diese Wirkungen verantwortlich sind, die sich im Körper verteilen“, sagt nun Barbara Hoffmann.

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