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F.A.Z.-Serie: Gehirntraining : Verändert Schönheit unser Gehirn?

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Frühere Generationen von Neurobiologen haben sich gescheut, Fragen folgender Art zu stellen: „Wie stellt sich ideale Schönheit in den Hirnaktivitäten dar?“, „Welche Beziehung besteht zwischen Schönheit und Belohnung oder Lust?“, „In welchem Verhältnis steht sie zum Schmerz?“, „Wie ist das Verhältnis zwischen Hirnaktivität und Kreativität?“. Moderne Neurobiologen begrüßen die Möglichkeit, solche Fragen in einem streng wissenschaftlichen Rahmen zu untersuchen, vor allem da wir in den letzten zwei Jahrzehnten so viel über das Gehirn einschließlich des emotionalen Gehirns gelernt haben.

Der Orbitallappen kann nicht trügen

Für sie ist Farbe, wie alle übrigen Wahrnehmungen, eine subjektive Empfindung, und Philosophen haben den Zusammenhang zwischen ihr und anderen Arten subjektiver Erkenntnis einschließlich der aus der Kunst abgeleiteten schon früher hergestellt. In der Vorrede zur zweiten Auflage seiner Abhandlung „Über das Sehen und die Farben“ schrieb Arthur Schopenhauer 1854, dass „eine genauere Kenntnis und festere Überzeugung von der ganzen subjektiven Wesenheit der Farbe beiträgt zum gründlicheren Verständnis der Kantischen Lehre von den ebenfalls subjektiven intellektuellen Formen aller unserer Erkenntnisse und daher eine sehr passende philosophische Vorschule abgibt“.

Viele Arbeiten aus jüngerer Zeit zeigen, dass wir heute die Fähigkeit besitzen, subjektive Empfindungen objektiv und quantifizierbar darzustellen. Wir wissen, dass die Stärke der Aktivität in zumindest einigen Hirnarealen in quantifizierbarer Weise mit der vom Probanden angegebenen Stärke der Empfindung korreliert. Das Erleben von Schönheit, das mit der Aktivität in einer gut abgegrenzten Hirnregion, dem Orbitallappen, zusammenfällt, ist ein gutes Beispiel. Wenn Probanden erklären, sie fänden ein Gemälde schön, ist die Aktivität dort stärker als in Fällen, in denen sie es als neutral oder hässlich empfinden.

Viele Dinge auf einmal

Es handelt sich hier um sehr radikale Entwicklungen in der Neurobiologie. Sie erlaubt es zum ersten Mal, der naturwissenschaftlichen Forderung zu genügen, wonach wir in der Lage sein sollten, Phänomene nicht nur zu beobachten, sondern auch zu quantifizieren und aus solchen Studien Voraussagen abzuleiten. In einem gewissen Sinne ist die Hirnforschung eine philosophische Forschung, die allerdings experimentell verfährt. Ich war schon immer der Auffassung, dass eine der ältesten Funktionen der Kunst tatsächlich die Erweiterung einer der Hauptfunktionen des Gehirns darstellt, nämlich des Wissenserwerbs. Platon, Kant und Schopenhauer – viele haben so gedacht und sich in ihren Schriften ausgiebig dazu geäußert.

In der Naturwissenschaft geht es um viele Dinge gleichzeitig: um definierbare Probleme, um Messung, um Genauigkeit, um die unvoreingenommene Prüfung empirischer Daten, um die Fähigkeit zur Voraussage. Aber vielleicht geht es vor allem um Neugier. Bei dem Versuch, unsere Neugier zu stillen, den Intellekt zu beschäftigen und Schönheit zu suchen und dabei auch die neurobiologischen Grundlagen unseres Menschseins zu ergründen, wird die Neuroästhetik neben vielen anderen Quellen auch die Erkenntnisse nutzen, die Künstler und Geisteswissenschaftler über die Jahrtausende gewonnen haben.

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