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F.A.Z.-Serie: Gehirntraining : Verändert Schönheit unser Gehirn?

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Für Cézanne war dagegen die entscheidende Frage die Modulation der Form durch Farbe, gleichfalls ein Problem, das für Neurobiologen äußerst interessant ist, wenn sie zu verstehen versuchen, auf welche Weise getrennte Form- und Farbsysteme im Gehirn zusammenwirken, so dass beide sich in unserer Wahrnehmung miteinander verbinden. Man könnte leicht weitere Beispiele finden. Wenn Künstler und Geisteswissenschaftler sich auf nichtobjektive und nicht quantifizierende Weise mit Themen auseinandersetzen, die auch Naturwissenschaftler interessieren, verliert ihre Arbeit dadurch nichts von ihrer Bedeutung für die Neurobiologie. Diese Arbeiten, ob aus der Literatur oder der bildenden Kunst, sind Hervorbringungen und Übungen des Gehirns, und durch ihre ernsthafte Erforschung lassen sich wichtige Erkenntnisse zur Organisationsweise des Gehirns gewinnen.

In der Entwicklung der kinetischen Kunst von Marcel Duchamp bis hin zu Jean Tinguely und Alexander Calder können wir feststellen, dass diese Künstler schrittweise reale Bewegung in das Kunstwerk selbst einbrachten und versuchten, Form wie auch Farbe gegenüber der Bewegung in den Hintergrund treten zu lassen. Hätte man die Arbeiten und Experimente kinetischer Künstler aufmerksam studiert, wäre man wahrscheinlich zu der Erkenntnis gelangt, dass die Bewegung ein gesondertes Merkmal der visuellen Wahrnehmung bildet und über ein eigenes Areal in der Großhirnrinde verfügt, dessen Zellen vor allem durch Bewegungsreize aktiviert werden, nicht aber durch Farbe und Form.

Lernen aus der Liebesliteratur

Solche Voraussagen (die man hätte machen können, aber nicht machte) werden heute durch physiologische Experimente bestätigt, die zeigen, dass es im visuellen Gehirn tatsächlich Areale gibt, die auf die visuelle Wahrnehmung von Bewegungen spezialisiert sind und auf Form oder Farbe nicht reagieren. Das heißt nicht, dass die Wissenschaft es sich erlauben sollte, ohne Experimente zu spekulieren, sondern lediglich, dass sie in den Künsten wichtige Anregungen finden kann. Diese künstlerischen Beschäftigungen, allesamt Hervorbringungen des Gehirns, bieten fundamentale Einsichten wie auch Anregungen für Untersuchungen, die den strengen Anforderungen der Naturwissenschaften eher entsprechen.

Ein weiteres Beispiel stammt aus der Erforschung einer äußerst überwältigenden Triebkraft – der romantischen Liebe. Über sie lassen sich zahlreiche Erkenntnisse gewinnen, wenn wir die Weltliteratur betrachten, die sich in allen Kulturen seit Platons Zeiten mit diesem Thema beschäftigt hat. Solch eine Studie lohnt sich für Neurobiologen, weil sie auf ein übergreifendes Verständnis von Liebe in allen Gesellschaften und Zeiten verweist. Das allein wäre für die Neurobiologie jedoch noch kein zureichender Grund für eine Erforschung der Liebesliteratur. Der Hauptgrund liegt in der Tatsache, dass solch eine Studie zu Konzepten führen könnte, die sich experimentell überprüfen lassen.

Schönheit im Neuronenfeuer

Die Neuroästhetik ist eine relativ junge Disziplin, die sich das Ziel setzt, Erkenntnisse aus der Erforschung der Künste und der Geisteswissenschaften für die Erforschung der Organisation des Gehirns nutzbar zu machen. Es handelt sich um eine experimentelle Disziplin. Sie ist keine Fortsetzung der Kunstgeschichte oder Kunstphilosophie, sie plant keine Übergriffe in diese Fachgebiete und ist auch nicht so arrogant zu glauben, sie könne die in den Geisteswissenschaften geleistete Arbeit anleiten oder beeinflussen. Ganz im Gegenteil. Für die Neuroästhetik lautet die entscheidende Frage im Augenblick eher, ob sie ihre erklärten Ziele überhaupt erreichen könnte, ohne sich auf die Geisteswissenschaften und die Künstler einzulassen, die sich schon sehr viel länger mit den von ihr behandelten Problemen befassen. Das zu tun hätte ebensowenig Sinn wie der Versuch, das musikalische oder sprachliche Gehirn zu verstehen, ohne die Musiktheorie oder die Sprachwissenschaft zu berücksichtigen, die beide tief in den Geisteswissenschaften verankert sind.

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