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Experimente mit H7N9 : Gefahr aus dem Labor

Hier in Rot dargestellt: H7N9-Viren Bild: Heinz G. Beer

Influenzaforscher planen riskante Experimente mit dem Vogelgrippevirus H7N9: Sie wollen einen für Menschen hochgefährlichen Virusstamm entwickeln, um H7N9 besser erforschen zu können.

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          Das Vogelgrippevirus H7N9 ist plötzlich wieder in den Schlagzeilen, aber nicht, weil die Gefahr einer Pandemie durch das in China aufgetretene Influenzavirus größer geworden wäre, sondern weil die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, die Zeit gekommen sehen, die Risikoforschung zu intensivieren. Ein Auslöser der Berichterstattung ist eine Veröffentlichung chinesischer Forscher in der renommierten Medizinzeitschrift „British Medical Journal“, in dem ein Fall von Mensch-zu-Mensch-Übertragung vom März dieses Jahres in Ostchina dokumentiert wird. Seit Monaten gilt diese seltene Übertragung bei intensivem und längerem Kontakt mit Infizierten als sehr wahrscheinlich. Die weitaus meisten Menschen haben sich allerdings direkt bei Vögeln, meist auf Geflügelmärkten, angesteckt. Von bislang 133 registrierten Infizierten sind 43 gestorben. Allerdings kam es zuletzt nach teils radikalen Bekämpfungsmaßnahmen der chinesischen Behörden auf den Geflügelmärkten immer seltener zu Klinikeinweisungen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das öffentliche Interesse an der Vogelgrippe war deshalb merklich zurückgegangen. Nicht so bei den Influenzaforschern. Sie haben ihre Arbeiten an dem neuen Influenzatyp intensiviert, nachdem sich in verschiedenen Experimenten genetische und klinische Eigenschaften des Virus gezeigt hatten, die es zu einem potentiellen Pandemie-Erreger machen. Und hier nun kommt der zweite Auslöser für das wieder erwachte öffentliche Interesse ins Spiel: In der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichen nun, knapp einen Tag danach – und passend zum Artikel im „British Medical Journal“ – zwei prominente Influenzaforscher ihre Pläne, mit gentechnisch veränderten H7N9 neue, sogenannte Gain-of-function-Experimente vorzunehmen.

          Bei den Versuchen im Hochsicherheitslabor geht es darum, die entscheidenden Virengene so zu verändern, dass der Erreger gefährlicher wird – was anschließend an Frettchen als Säugetiermodell getestet werden soll. Auf die Weise will man herausfinden, welche und wie viele genetischen Veränderungen im H7N9-Virus dazu führen könnten, dass sich der Erreger zu einem auch für Menschen hochgefährlichen Virusstamm weiterentwickelt. Solche gentechnischen Experimente sind allerdings umstritten.

          Dieselben Wissenschaftler, Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin-Madison hatten mit ähnlichen Experimenten mit dem H5N1-Virus im Spätjahr 2011 heftige Diskussionen hervorgerufen, nachdem anfangs auch von amerikanischen Überwachungsbehörden die Sorge geäußert worden war, dass sich fatale Laborunfälle nicht ausschließen ließen und nach einer Veröffentlichung „Bauanleitungen“ für Biowaffen jedermann zugänglich gemacht werden könnten. Ein freiwilliges Moratorium folgte. Anfang dieses Jahres wurde es von den Forschern offiziell für beendet erklärt.

          In einer zweiten Kurzveröffentlichung zu den neuen H7N9-Versuchen haben die drei betreffenden amerikanischen Gesundheitsbehörden nun erläutert, warum sie die inzwischen neu eingerichteten Zusatzbestimmungen zur Begutachtung und zur Aufsicht solcher potentiell gefährlichen Laborexperimente grundsätzlich für ausreichend halten, um die Biosicherheit zu gewährleisten – und weshalb sie solche Experimente für sinnvoll halten.

          Auch der deutsche Influenzaforscher Thorsten Wolff vom Robert-Koch-Institut in Berlin, der mit einem Patienten-Isolaten des H7N9-Virus aus China arbeitet, hält die Versuche unter entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen für „wichtig, weil sie die Grundlagen für die Risikobewertung verbessern“. Allerdings werde mit gezielten genetischen Veränderungen, die in der Natur exakt so gar nicht eintreten müssen, die Prognose eines Pandemieausbruchs keineswegs sicherer. „Solche Experimente helfen uns aber, Muster zu erkennen, was das Virus gefährlich machen könnte.“ So weiß man bisher, dass sich der Erreger für ein niedrig pathogenes Vogelgrippevirus zwar ungewöhnlich gut in der menschlichen Lunge  vermehrt, aber was seine bislang eher schwache Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch und sein noch moderates krankmachendes Potential (Virulenz) steigern könnte, ist unbekannt. Wolff: „Insgesamt wissen wir bisher einfach noch zu wenig über das Virus.“

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