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Evolution : Die frühen Experimente am Menschen

Die fünf rekonstruierten Homo-erectus-Schädel von Dmanisi Bild: Ponce de Léon, Christoph Zollikofer, Universität Zürich

Was immer uns Kultur bedeutet, die Natur war zuerst da. Und die Evolution formt uns weiter - schneller und radikaler, als viele denken. Der Aufgalopp der Gattung Homo, und was es außer niederländischen Riesen noch so an Überraschungen gibt.

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          Zuerst hat man sie auf der ganzen Linie angezweifelt, dann zürnte man ihren Vordenkern, bis man zähneknirschend akzeptieren und bald erkennen musste: Die biologische Evolution ist eine gewaltige Macht, die den Menschen im Inneren wie Äußeren mehr formte, als manchen lieb ist. Nichts steht still. Ob wir wollen oder nicht, auch der Mensch, dieses egomanische Kulturwesen, unterliegt dem starken selektiven Wandel der Natur - möge er sich auch noch so emanzipiert fühlen und seine Instinkte am liebsten in eine stille evolutionäre Schmuddelecke mit dem Hinweis „Darwinismus, nicht berühren“ stecken.

          Oberschenkelknochen und Beckenfragment eines 1,9 Millionen Jahre alten Homo erectus, der morphologische Züge des grazileren Homo habilis trug.
          Oberschenkelknochen und Beckenfragment eines 1,9 Millionen Jahre alten Homo erectus, der morphologische Züge des grazileren Homo habilis trug. : Bild: Foto MU News Bureau
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Niederländische Herren dürften sich über die mächtige Biologie kaum beschweren. Von der einstmals kleinsten europäischen Armee ist man an die absolute Weltspitze geklettert. Im achtzehnten Jahrhundert waren niederländische Soldaten noch im Schnitt 1,65 Meter groß. In nur hundertfünfzig Jahren sind sie anschließend um zwanzig Zentimeter gewachsen. Nordamerikanische Männer, zum Vergleich, sind in derselben Zeit um gerade einmal sechs Zentimeter größer geworden. Und wie eine internationale Forschergruppe kürzlich in den „Proceedings B“ der Royal Society gezeigt hat, sind dafür nicht nur die bessere medizinische Versorgung oder die zunehmende Vorliebe der Niederländer für Milchprodukte verantwortlich. Auch der Genpool tendenziell größerer Männer hat sich deutlich vergrößert. Kurz gesagt: Größere Männer waren reproduktionstechnisch plötzlich massiv im Vorteil. Sie erzeugten überdurchschnittlich viele Kinder, viele auch vergleichsweise spät noch. Warum ausgerechnet die Niederländer so zulegten, obwohl das Größenwachstum im Rest der westlichen Welt eher gemächlich zunahm, ist dabei gar nicht so leicht zu erklären. Klar aber ist: Das niederländische Beispiel zeigt, wie hochgradig variabel die Anatomie des Menschen auch heute noch ist.

          Verändert sich die Umwelt, ändert sich der Mensch. Er ist nicht nur kulturell unglaublich flexibel, auch die Zusammensetzung seiner Gene und Genvarianten, seine Morphologie und Anatomie ändern sich unter dem Druck der Anpassung und im Zuge der Zivilisation mit erstaunlicher Geschwindigkeit.

          Fragen an Prof. Lortkipanidse : Ein schönes Bild des Homo

          Henry Harpending von der University of Utah hat schon vor ein paar Jahren überschlagen, dass sich die Variabilität der genetischen Ausstattung seit der Abspaltung von den affenartigen Vormenschen auf das Hundertfache gesteigert haben dürfte. Und die Mathematikerin Kelley Harris hat diese evolutionäre Beschleunigung nun untermauert. Sie hat sich in den Genomdaten aus dem „1000 Genomes“-Projekt ein Spektrum an Mutationen angesehen, das sich nach der Auswanderung des modernen Menschen aus Afrika in den unterschiedlichen Erdteilen etablierte. Der Hintergrund ist einfach: Seitdem der moderne Mensch in nördliche Erdteile übergesiedelt ist und die dunkle Hautpigmentierung verloren hat, ist er stärker den schädlichen UV-Strahlen der Sonne ausgesetzt; der molekulare Apparat im Zellkern, der für die Reparatur solcher DNA-Schäden sorgt, unterlag mit dem Auszug aus Afrika einem verstärkten Selektionsdruck. Harris kommt in ihrer Analyse von Dutzenden Mutationen zu dem Schluss: Die Mutationsrate variiert von einer Region zur anderen und hat sich seit der Abspaltung der asiatischen Linie von Homo sapiens bei den Europäern besonders stark erhöht - um mindestens 50 Prozent allein in den vergangenen 40 000 bis 80 000 Jahren, schreibt Harris in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften.

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