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In England ist der Wurm drin : „Ingenieure des Bodens“

Der Regenwurm ist ökologisch ein noch größerer Knüller als gedacht. Bild: Foto Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

Nur Form- und lautlose Laubfresser? Im Gegenteil. Der erste Weltatlas der Regenwürmer hat überraschende Erkenntnisse zutage gefördert: Nur wenige Wildtiere sind ökologisch wertvoller als der Regenwurm.

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          Der Wurm ist blind, stumm und taub, und doch hat er zum wiederholten Mal die Wald-und-Wiesen-Biologie auf den Kopf gestellt. Alles anders, heißt es in einem Fachartikel, der soeben im amerikanischen Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht worden ist. Es geht um den Regenwurm – genauer: um Regenwürmer im weiteren Sinne. Denn der bekannte Gemeine Regenwurm, Lumbricus terrestris, ist hierzulande mit fast 50 Arten und weltweit sogar mit mindestens 7000 Arten von Wenigborster-Würmern verwandt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Um sie und um all die vielen Regenwurmverwandten, die wissenschaftlich immer noch nicht endgültig erfasst sind, geht es in der wohl wichtigsten Veröffentlichung seit Charles Darwins Werk „Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer“. Jawohl, Darwins letztes Buch, das er 1881 – 20 Jahre nach seinem bahnbrechenden Opus „Vom Ursprung der Arten“ – veröffentlichte, war einzig und allein den Regenwürmern gewidmet. Und es war auf dem Buchmarkt fast genauso erfolgreich wie sein Meisterwerk zur Evolutionstheorie.

          141 Regenwurmforscher in 57 Ländern

          Es gab für die Biologie also gute Gründe, anzunehmen, dass im Reich der Regenwürmer vielleicht noch ein revolutionäres Potential ruhte. Und da in den vielen Jahrzehnten nach Darwin zwar viel Erstaunliches über die ökologisch wertvollen, aber alles in allem doch eher form- und lautlosen Laubfresser beschrieben wurde, es aber nichts wirklich Revolutionäres zu entdecken gab, konnte man gespannt sein, was die neue Regenwurmforschung ans Tageslicht bringen sollte. Geleitet wurde die weltumspannende konzertierte Aktion von 141 Regenwurmforschern in 57 Ländern von der am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Universität Leipzig tätigen Biologin Helen Phillips.

          Um es kurz zu machen: Der Regenwurm ist ökologisch ein noch größerer Knüller als gedacht. Bei der Zusammenstellung des Regenwurm-Weltatlas hat sich nämlich ein besonderes Muster ergeben: Das Paradies der Würmer sind nicht etwa die Tropen, wie man das von Vögeln, Säugern oder Insekten kennt. Vielmehr findet man die größte Wurmvielfalt und auch die größeren Populationen im Norden. Anders gesagt: Nicht am Äquator, sondern in Darwins England ist viel Wurm drin.

          Schrumpft die Erderwärmung die Populationen?

          Noch ist diese erstaunliche Umkehrung einer alten Biodiversitätsregel noch nicht endgültig abgesichert. Es gibt Datenlücken in den Tropen. Und doch ist der Trend eindeutig und die Überraschung groß. In den Tropen finden sich dem zufolge an einer Stelle immer weniger Arten als an Einzelstandorten im Norden. Das muss noch nicht bedeuten, dass die Artenvielfalt in den kälteren Regionen grundsätzlich größer ist. Eher sieht es so aus, als würden sich in den Tropen weniger Arten einen Standort teilen und als hätten die Arten dort kleinere Verbreitungsgebiete. Ganz offensichtlich aber sind unterirdisch andere evolutionäre Mechanismen am Werk als oben.

          Das dürfte auch Konsequenzen für den Naturschutz haben. Von ihm aus betrachtet, aber auch aus der Perspektive von Landwirten gibt es wenige Wildtiere, die ökologisch wertvoller sind als der Regenwurm. Er hält den Boden gesund, wenn täglich das Dreißigfache seines eigenen Körpergewichts durch seinen Magen geht, und er sorgt für Nährstoffe und Wasser, er verbreitet Samen und verringert die Erosion.

          Anderthalb Tonnen, das Gewicht zweier Kühe, bringen die Würmer auf einem Hektar Erde auf die Waage. Und deshalb ist auch ein weiterer Befund, den die Vermessung der Regenwurmwelt hervorgebracht hat, für die Forscher so beunruhigend: Die durchaus robusten Tiere reagieren, was ihre Vermehrungsfreudigkeit angeht, überall sensibel auf Regen- und Temperaturänderungen. Könnte also gut sein, dass die globale Erderwärmung dem Wurm künftig schwer zu schaffen macht.

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