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Ernährung : Wenn der Doktor die Kalorien zählt

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Viele Patienten haben eine völlig andere Einschätzung, was die Bedrohlichkeit der Erkrankung angeht, als ihre Ärzte Bild: AP

Abnehmen leicht gemacht, solche Parolen bewahrheiten sich selten. Ärzte könnten die Diätaussichten verbessern, wenn sie die alten Debatten vergessen. Die neuen Regeln guter Ernährungsberatung.

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          Beim Essen geht es nicht nur um Sättigung. Geschmackliche Erwartungen sollen befriedigt, das psychische Wohlbefinden und die Lebensqualität gesteigert werden. Die wenigsten Programme zur Gewichtsreduktion, die für Patienten mit krankhafter Fettsucht angeboten werden, berücksichtigen das. Sie gehen daher am Leben der Betroffenen vorbei. Der Erfolg ist meist nur von kurzer Dauer. In Studien nehmen die Patienten vorübergehend ab, nur um nach einem Jahr wieder zuzulegen. Die Unzufriedenheit kommt dann oft auch bei den Ärzten an, und deshalb sind auch sie gefordert, wenn es darum geht, den Leidgeplagten Lösungen anzubieten. Auf dem diesjährigen Internistenkongresses in Wiesbaden sind die Möglichkeiten der ärztlichen Intervention nun ausführlich diskutiert worden. Der erste Grundsatz dabei lautete: Eine eigenständige ebenso wie die von Ärzten angeleitete Ernährungsumstellung müsse zuerst alltagstauglich und einfach sein, wie Volker Schusdziarra vom Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in München forderte.

          Seit Jahrzehnten dreht sich die Diskussion darum, ob man durch Senkung des Anteils von Fetten („low fat“) oder Weglassen der Kohlenhydrate („low carb“) schneller abnehmen kann. Auf den Kongressen streiten sich Anhänger der jeweiligen Konzepte. In wissenschaftlichen Untersuchungen erwies sich jedoch keines als überlegen. Die Art der Diät sei zweitrangig, meinte Schusdziarra. Wichtiger sei die langfristige Änderung der Gewohnheiten.

          Dialog zwischen Darm und Gehirn

          Dem Gefühl von Hunger und Sättigung liegt ein kompliziertes Geflecht von sich teils gegenseitig beeinflussenden Mechanismen zugrunde. Der Ernährungswissenschaftler Andreas Pfeiffer aus Potsdam spricht vom Dialog zwischen Darm und Gehirn. In den vergangenen Jahren wurden eine Reihe von Hormonen entdeckt, die im Magen und Dünndarm gebildet werden. Sie wirken unter anderem auf Kerngebiete im zentralen Nervensystem, im Hypothalamus ein. Dabei entfaltet die Mehrzahl der Botenstoffe eine anorektische Wirkung, bremsen also die Nahrungsaufahme. Neben dem schon seit Anfang der neunziger Jahre bekannten Leptin sind dies etwa das Peptid Y, das dem Glucagon ähnliche GLP-1 und das Gastric-Inhibitory-Polypeptide, GIP. Das GLP-1 spielt auch bei der Regulation des Insulins eine bedeutende Rolle. Daher haben künstlich erzeugte, analoge Verbindungen dieser Substanz bereits Eingang in die moderne Therapie des Diabetes mellitus gefunden.

          Nur eines der zahlreichen Hormone stimuliert den Appetit: Ghrelin. Es ist im Jahre 2001 erstmals beschrieben worden. Es wird in den Parietalzellen des Magens gebildet, vornehmlich im nüchternen Zustand. Im Tierversuch verursacht die Gabe des Hormons eine Fettsucht. Die Tiere verzehren die doppelte Menge, wenn man Ghrelin intravenös spitzt.

          Es kommt auf die Energiedichte an

          Doch so faszinierend die Einblicke in das Zusammenspiel von Darm und Gehirn auch sind, bisherige Versuche, es pharmakologisch zu beeinflussen, haben sich als wirkungslos erwiesen. Unter den modernen Lebensbedingungen scheinen die psychischen Faktoren die biologischen Regelkreise zu überspielen. Das Essverhalten wird offenbar nicht über eine Messung der Kalorienaufnahme im Körper reguliert, stellte Schusdziarra fest. So zeigt die Analyse der Ernährung Fettleibiger, dass etwa der Gehalt an Kalorien der Hauptmahlzeiten nicht abnimmt, wenn die Patienten Zwischenmahlzeiten einnehmen. Bei der Ernährungsumstellung kommt es daher vor allem auf die Energiedichte an.

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