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Ernährung : Der Eiweiß-Effekt

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Proteine, zum Beispiel aus dem Frühstücksei, holt sich der Körper soviele wie er braucht Bild: FAZ / Dieter Rüchel

Zwei Insektenforscher glauben, einen Hebel gegen Übergewicht gefunden zu haben. Sie meinen, daß wir unseren Hunger nach Proteinen nicht gezielt stillen.

          Was tun gegen Übergewicht? Über diese Frage wird zur Zeit ein Glaubenskrieg geführt. Wenig Fett und viele Kohlenhydrate sagen die einen; wenige Kohlenhydrate und viel Fett propagiert die Gegenseite. Eiweiß spielte in der Diskussion bisher kaum eine Rolle. In Deutschland beispielsweise liegt der Proteinanteil an der Nahrung seit Jahren konstant bei 13 Prozent. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt sogar noch weniger. Genau das sei falsch, meint der Insektenforscher David Raubenheimer von der Universität Auckland. Heuschrecken brachten ihn und seinen Oxforder Kollegen Stephen Simpson auf die Idee vom Protein-Hebel.

          Herr Raubenheimer, seit Jahrzehnten glauben wir, daß zuviel Fett im Essen dick macht. In jüngster Zeit wird die Atkins-Diät mit viel Fett und wenigen Kohlenhydraten immer populärer. Warum hat sich bisher kaum jemand Gedanken über die Rolle von Proteinen bei Übergewicht gemacht?
          Es erscheint einfach logisch, daß "Fettsein" von zuviel Fett kommt. Außerdem hat Protein einen eher geringen Anteil an unserer Energieaufnahme. Und die Aufnahme von Protein ist ziemlich konstant geblieben in den letzten dreißig Jahren, deshalb war es nicht verdächtig.

          Sie sagen jetzt aber, Protein sei der Schlüssel zum Übergewichtsprolem?
          Das klingt paradox, weil Protein so einen kleinen Anteil an der Nahrung hat. Aber gerade das ist der Grund. Wir haben für die drei Makronährstoffe - Protein, Kohlenhydrate und Fett - sozusagen drei verschiedene Appetite. Das ist sinnvoll, denn es ermöglicht uns, Defizite in der Nahrung zu erkennen und auszugleichen. Marathonläufer etwa verlangt es nach Kohlenhydraten, um schnell wieder an Energie zu kommen, Bodybuilder und Kinder nach Proteinen, die beim Muskelaufbau aus dem Blut abgezogen werden. Alles kein Problem bei einer ausgewogenen Ernährung, die die Bedürfnisse nach allen drei Makronährstoffen im richtigen Verhältnis befriedigt.

          Auf die oft empfohlene kohlenhydratreiche Nahrung trifft das nicht unbedingt zu.
          Bei einem Überangebot an Kohlenhydraten oder auch Fett spüren wir, auch wenn wir schon genug davon haben, weiter Appetit und essen weiter, was wir kriegen können, auch Fett und Zucker, weil der Proteinanteil noch nicht abgedeckt ist. Wir haben in Verhaltensexperimenten mit Menschen herausgefunden, daß diese Regulation zugunsten des Proteins dominiert.

          Erforscht Ernährungsverhalten von Mensch und Tier: David Raubenheimer

          Welcher physiologische Mechanismus liegt dem zugrunde?
          Das wissen wir noch nicht. Es ist wohl etwas sehr Komplexes, was in unserem Gehirn stattfindet.

          Wir holen uns auf jeden Fall so viel Protein, wie wir brauchen, und Kohlenhydrate und Fett reisen im Schlepptau?
          Ja, und das Ergebnis ist: mehr Kalorien im Körper, die wir dann in Fettpolstern speichern. Gerade weil eine ausgewogene Ernährung nur etwa 15 Prozent Protein enthält, bedeutet das, daß schon ein geringfügig kleinerer Proteinanteil im Nahrungsangebot dazu führt, daß wir deutlich mehr Kalorien aufnehmen, bis der Protein-Appetit gestillt ist. Wir nennen das den "Protein-Hebel-Effekt".

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