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Kind im Mutterleib : Geschenke fürs ganze Leben

Was eine Schwangere zu sich nimmt, ernährt ihr Kind nicht nur; sondern prägt auch dessen Veranlagung. Bild: Thomas Fuchs

Erbgut ist nicht alles. Schon während der Schwangerschaft wird ein Kind durch seine Umwelt geprägt. Wie wichtig Epigenetik ist, wird immer deutlicher.

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          Lässt sich eine Schwangerschaft nicht unbeschwert genießen? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf bei der Lektüre von Ratgeberbüchern und einschlägigen Internetseiten, die ein umfangreiches Regelwerk für Schwangere bereithalten. Worauf sie nun achten sollen, was lieber lassen: Katzenkontakt zum Beispiel ist zu meiden, ebenso Alkohol, Nikotin und ein Übermaß an Koffein. Auch vor Sportarten wie dem Tauchen wird gewarnt. Der Verhaltenskodex für werdende Mütter ist rigide. Schließlich sollen weder Infektionen noch Gifte oder gar Sauerstoffmangel zur Bedrohung werden. Leihmüttern wird in Verträgen ohnehin vorgeschrieben, was sie dürfen und was nicht.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Empfehlung, welche Waschlotion zu bevorzugen ist, fehlt bisher. Aber selbst das könnte bald kommen, denn einige antibakterielle Zusätze stehen unter Verdacht, ins Hormonsystem einzugreifen und dem ungeborenen Kind zu schaden. Das will natürlich niemand. Trotzdem regt sich auch Widerstand gegen die einseitige Auslegung mancher Forschungsergebnisse. Sind denn allein die Mütter verantwortlich, wenn Studien darauf hinweisen, dass die Monate im Mutterleib den Nachwuchs lebenslang prägen und noch darüber hinaus, bis zu den Enkeln?

          Was ist Epigenetik?

          Mit der Frage, wie und mit welcher Wirkung sich dieses Erbe festschreibt, beschäftigt sich der Forschungszweig der Epigenetik. Sie kommt immer dann ins Spiel, wenn Umwelteinflüsse nicht direkt wirken oder die DNA-Sequenz verändern, sondern deren Kontrollmechanismen und damit die Aktivität des Erbguts blockieren. Verantwortlich dafür sind Methylgruppen, molekulare Plomben, die auf DNA-Ebene verhindern, dass manche Gene zum Einsatz kommen. Solche Veränderungen können zeitlebens auftreten, doch es gibt offenbar besonders empfängliche Phasen. Gerade in frühen Entwicklungsstadien dürften die Folgen weitreichend sein.

          „Rauchen kann zu Frühgeburten führen und das Wachstum des Kindes einschränken. Es kann auch die Neigung zu Asthma, Allergien und Übergewicht fördern“, sagt Carmen Marsit vom Dartmouth College im amerikanischen Hanover. Zusammen mit seinen Mitarbeitern entdeckte der Forscher, dass Rauchen auch epigenetisch prägt und so die Funktion der Plazenta beeinträchtigt. Dieses Organ dient unter anderem dazu, den Embryo mit ausreichend Sauerstoff und allen lebenswichtigen Substanzen zu versorgen und zugleich von schädlichen abzuschirmen.

          Marsit sagt, dass es inzwischen zahlreiche Belege dafür gibt, dass die Umweltbedingungen, welche Mütter während der Schwangerschaft erfahren, die Gesundheit von Kindern stark beeinflussen können. Die Vorliebe für Fettes und Süßes, spätere Depressionen, Allergien, Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen – schon im Mutterleib könnte das alles angefangen haben.

          Am besten für das Kind? Gesunde Ernährung!

          Nicht nur in Tierversuchen beobachten Forscher pränatale Einflüsse, die sogar über Generationen hinweg Bestand haben. Sondern auch bei Kindern, deren Müttern extreme Situationen erlebt hatten, etwa Hungersnöte oder Naturkatastrophen wie den verheerenden Eissturm 1998 in der kanadischen Provinz Quebec. Der Stress, dem schwangere Frauen damals ausgesetzt waren, beeinträchtigte das fetale Immunsystem vermutlich so sehr, dass zumindest ihre Töchter nun zu Asthma neigen. Das jedenfalls lässt eine epidemiologische Erhebung annehmen, die allerdings nur 68 betroffene Familien einbezogen hat. In anderen Studien konnten Psychologen der Universität Konstanz nachweisen, dass Misshandlungen während einer Schwangerschaft nicht nur die epigenetischen Muster der Kinder ändern, sondern auch deren Aufmerksamkeit und Gefühlsleben.

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