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Empirische Ästhetik : Oh Tannenbaum im Schallschutzraum

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Wenn zwei das Gleiche hören, ist es nicht unbedingt dasselbe. Und manchmal muss man selbst vorsorgen, damit die schiere Lautstärke die Musik nicht ungenießbar macht. Bild: dpa

Wie funktioniert ein Sommerhit? Und warum können wir auch das schönste Weihnachtslied irgendwann nicht mehr ertragen? Antworten sucht die empirische Ästhetik.

          Es ist wieder so weit. Kaum ist das Radio eingeschaltet, schallt uns schon bald „Last Christmas“ entgegen, ein Hit des britischen Popduos „Wham!“ aus dem Jahr 1984. Wechseln wir den Sender, ertönt Frank Sinatras „Let it snow“, in der Grundschule singt die Klasse „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, und der Kirchenchor übt für die Adventsgottesdienste.

          Weihnachten ohne Musik ist schwer vorstellbar. Auch den Rest des Jahres besuchen wir Konzerte, lassen beim Autofahren das Radio dudeln und erzählen von Songs, die wir beim Streamen entdeckt haben. Längst nicht immer ist es dieselbe Sorte Musik, die gefällt, vor allem im Vergleich unterschiedlicher Kulturkreise. Aber was ist es überhaupt, das wir in einem Stück als schön wahrnehmen? Warum ist das so? Und wieso werden wir selbst des besten Liedes irgendwann überdrüssig?

          Musik unter der Gummihaube

          Hirnforscher können einige dieser Fragen bereits beantworten. Die Studienteilnehmerin Elena Felker sitzt in einem schallisolierten Raum im erst kürzlich eröffneten Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt: vier Quadratmeter Grundfläche, die Wände blassgelb, die Rollläden des einzigen Fensters heruntergezogen. Die Musik, die sie jetzt aus zwei Lautsprechern hört, hat sie nicht selbst ausgesucht, es sind auch keine vollständigen Lieder, sondern lediglich vierzig bis fünfzig Sekunden lange Ausschnitte. Auf Rock folgt Klassik, auf einen Popsong amerikanischer Jazz. Im Nachbarraum beobachtet Diana Omigie, Neuropsychologin am MPIEA, auf einem Monitor, wie sich die Spannung an Felkers Schädeldecke verändert. Mit einer Gummihaube sind 32 Elektroden am Kopf der Probandin befestigt. Ein Brustgürtel misst ihre Atemfrequenz, eine Elektrode an ihrem Ringfinger den Puls, zwei weitere den Widerstand ihrer Haut und registrieren dafür jedes Schweißtröpfchen. Auf diese Weise will Omigie rekonstruieren, welche Hirnbereiche ihrer Probanden zu welchem Zeitpunkt des Liedes besonders aktiv waren, und herausfinden, was in unseren Köpfen vor sich geht, wenn wir Lieder hören, die wir mögen.

          Tatsächlich ist die gemessene Hirnaktivität erst der Schlusspunkt eines längeren Rezeptionsprozesses. Musik ist zunächst Schall, der sich wellenförmig in der Luft ausbreitet. Treffen die Schallwellen auf das Trommelfell im Mittelohr, versetzen sie die dünne Membran in Schwingungen, die über die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel an das Innenohr weitergeleitet werden. Dort findet die Umwandlung in ein Nervensignal statt. In der Hörschnecke, der sogenannten Cochlea, reagieren Haarzellen frequenzabhängig auf die eingehenden Schwingungen. Die Informationen werden von Nervenfasern bis in den Hirnstamm geleitet. Hier entsteht die eigentliche Musik. Das Gehirn prozessiert die Informationen über Tempi und Tonhöhen und setzt sie dadurch erst zu einer Melodie zusammen - und produziert schließlich die physikalisch messbaren Reaktionen unsere Körpers auf die Musik.

          Was haben Essen, Sex und Musik gemeinsam?

          „Wenn wir ein Lied hören, das wir mögen, beschleunigt sich unser Puls und wir atmen schneller“, sagt Omigie. Im Gehirn besonders aktiv sind die Hörrinde, die akustische Reize verarbeitet, sowie der präfrontale Kortex, der Gedächtnisinhalte mit sensorischen Signalen verbindet. Auch in einigen weiter innen gelegenen Hirnregionen, die mit dem EEG nicht erreicht werden können, erhöht sich die Aktivität beim Musikhören.

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