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Emotionspsychologie : Nicht ohne meine Gefühle

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Aus evolutionsbiologischer Sicht lässt sich die Funktion einiger Emotionen plausibel erklären. Sie liegt darin, schnell und angemessen auf den auslösenden Reiz zu reagieren: Die Furcht beim Anblick eines angreifenden Raubtiers fokussiert die Aufmerksamkeit und bereitet den Körper auf eine anstehende Flucht vor. Und Ekel kann uns davor schützen, Schädliches zu uns zu nehmen. Allerdings belegt der Widerwille vieler Kinder gegen Spinat oder die glänzenden Augen eines Isländers beim Anblick des Nationalgerichts Gammelrochen, wie stark solche vermeintlichen Basisemotionen kulturell überprägt sein können. Auch in der Wahrnehmung anderer vermeintlich grundlegender Emotionen wie Scham oder Trauer fanden Studien deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturkreisen. Vertreter des sogenannten sozialen Konstruktivismus schlossen daraus, Emotionen seien ein reines Kulturprodukt, eine Ansicht, die in ihrer reinen Form heute kaum noch Anhänger hat.

Wozu sind Emotionen eigentlich gut?

Die Funktion von Emotionen beschränkt sich nicht auf die Vermeidung von Gefahr. „Emotionen, gerade auch angenehme, sind die wichtigsten Motivationen für Handlungen“, sagt Ulrich Mees. Positive Emotionen oder deren Erwartung seien der Antrieb, überhaupt etwas Konstruktives zu tun, von der Bewunderung für ein berühmtes Vorbild, die einen dreimal die Woche in den Tennisclub treibt, bis hin zum Stolz beim Gewinn des Clubturniers.

Die emotionale Bewertung einer Situation beeinflusst auch stark, welche Spuren diese in unserem Gedächtnis hinterlässt – aus diesem Grund erinnern sich die meisten Menschen noch gut, was sie gerade am 11. September 2001 taten, als sie die Nachricht vom Angriff auf das World Trade Center erreichte. Im Pixar-Film wurde diese wissenschaftlich gut untersuchte Erkenntnis hübsch in Form von Erinnerungsmurmeln in der Farbe der jeweiligen Emotion umgesetzt.

Wer schimpft, schlägt noch nicht zu

Emotionen spielen aber nicht nur im seelischen Innenleben eine bedeutende Rolle. Ihr Ausdruck, der vor allem über das komplexe Zusammenspiel zahlreicher Gesichtsmuskeln vermittelt wird, ist ein wichtiges soziales Signal, das Mitmenschen nonverbal über den momentanen Gemütszustand aufklärt. So kann schon ein wutverzerrtes Gesicht dazu führen, dass der Gegner klein bei gibt und so helfen, einen Kampf zu vermeiden. Und ein Lächeln oder die zum Gruß angehobenen Augenbrauen dienen der sozialen Bindung – und das in allen untersuchten Kulturen und selbst bei wenige Wochen alten Babies.

Ohne Emotionen geht also nicht viel. Doch in „Alles steht Kopf“ haben die Emotionen gleich komplett die Kontrolle über Riley übernommen. Vernunft und kognitive Kontrolle kommen darin nicht vor oder werden als Ergebnis eines gruppendynamischen Prozesses zwischen den Protagonisten dargestellt. Für Emotionsforscher Scherer spiegelt sich in dieser Darstellung die immense Popularität des Themas wider, das längst auch die Populärkultur erreicht hat. Habe man Emotionen früher als Imperfektion der kognitiven Maschine gedeutet und vernachlässigt, würde das Thema heute manchmal selbst für seinen Geschmack zu sehr breitgetreten.

Unsere Wahrnehmung der Rolle von Emotionen ist paradox: Einerseits stiften sie Identität: Denn was wäre ein Mensch ganz ohne Emotionen? Andererseits empfinden wir sie oft als etwas, das wie von außen über uns kommt und uns gegen unseren Willen übermannt. „Der Vorstellung, wir würden von unseren Emotionen beherrscht, wie sie auch der Film zeigt, ist falsch“, meint Klaus Scherer. „Für unsere Emotionen sind wir immer noch selbst verantwortlich. Die Wirklichkeit liegt also wieder einmal irgendwo in der Mitte – in diesem Fall zwischen dem emotionalen Tohuwabohu in Rileys Kopf und der totalen Herrschaft der Vernunft.

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