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Kaninchenplage auf Teneriffa : Fremder Vielfraß im Inselparadies

  • -Aktualisiert am

Im Teide-Nationalpark auf Teneriffa: Nur hier wächst der Teideginster. Bild: dpa

Inseln tragen wegen der vielen heimischen Pflanzen überproportional zur Biodiversität bei. Diese Arten sind besonders von eingewanderten Tieren bedroht, wie eine Untersuchung auf Teneriffa zeigt.

          Entlegene Inseln beherbergen eine ganz eigenartige Pflanzenwelt. Weil nur wenige Pflanzenfresser den Weg dorthin gefunden haben, konnte sich die Inselflora weitgehend ungestört entfalten. Dabei haben sich Pflanzenarten entwickelt, die nirgendwo anders wachsen, sogenannte Endemiten. Wo aber Menschen an Land gegangen sind, um dauerhaft zu bleiben, haben sie häufig auch pflanzenfressende Säugetiere eingeschleppt. Zu den destruktivsten Pflanzenfressern zählt das Kaninchen. Weltweit wurde die Tierart auf mehr als achthundert Inseln angesiedelt, meist zum Schaden der jeweils dort beheimateten Pflanzen. Dass Kaninchen tatsächlich am liebsten an den besonderen Spezialitäten der Inselflora knabbern, hat nun eine deutsch-spanische Forschergruppe auf der Kanareninsel Teneriffa nachweisen können.

          Im Laufe der Zeit durch Vulkanismus entstanden, unterscheiden sich die verschiedenen Kanarischen Inseln in ihrem geologischen Alter und dem dort jeweils vorherrschenden Klima. Doch auf allen Inseln wächst eine Vielzahl merkwürdiger Endemiten, zum Beispiel strauchförmige Versionen von Strandflieder und Gänsedistel. Am reichhaltigsten ist die Flora auf Teneriffa. Kein Wunder, schließlich ist diese zwölf Millionen Jahre alte Insel die größte und landschaftlich vielfältigste der Kanaren. Von den 1468 Pflanzenarten, die dort gezählt wurden, sind 297 Endemiten, darunter sind 135 Arten ausschließlich auf Teneriffa heimisch.

          Evolution in der Isolation

          Im fünfzehnten Jahrhundert hatten kastilische Siedler die ersten Kaninchen mitgebracht, um nicht auf gewohnte Jagdvergnügen verzichten zu müssen. Mittlerweile sind die vermehrungsfreudigen Tiere in unterschiedlichen Biotopen auf der gesamten Insel verbreitet. An mehr als zweihundert zufällig verteilten Stellen, die als Lebensraum für Kaninchen taugen, suchten die Forscher um Jonay Cubas von der Universidad de La Laguna und Severin D. H. Irl von der Goethe-Universität in Frankfurt akribisch nach entsprechenden Fraßspuren. Wie sie in den „Proceedings of the Royal Society B“ berichten, hatten die Kaninchenzähne an endemischen Pflanzenarten deutlich mehr Spuren hinterlassen als an nicht endemischen. Irl und seine Kollegen erklären diesen Befund damit, dass Endemiten während ihrer Evolution keinerlei Kontakt mit gefräßigen Mäulern hatten. Weshalb von ihrer natürlichen Fähigkeit zur Abwehr von Fressfeinden vermutlich viel verlorengegangen ist.

          Der Wildprets Natternkopf (Echium wildpretii) ist nur in den Hochlagen Teneriffas zu finden. Er produziert nur einmal im Leben diesen imposanten, rotleuchtenden Blütenstand mit mehreren Tausend Blüten.

          Bei genauerer Betrachtung erwiesen sich die Fraßschäden als desto größer, je kleiner das Verbreitungsgebiet der Endemiten ist: Nur auf Teneriffa heimische Pflanzen werden im Durchschnitt stärker geschädigt als solche, die auch auf anderen Kanareninseln zu Hause sind. Noch weniger Schäden tragen Pflanzen davon, die auch auf Madeira, den Azoren oder den Kapverden vorkommen. Allerweltspflanzen, die beispielsweise auch im Mittelmeerraum oder in Mitteleuropa wachsen, haben am allerwenigsten unter den Kaninchen zu leiden.

          Geschädigtes Weltkulturerbe

          Wie zahlreich sich diese Pflanzenfresser in einem Gebiet tummeln, sagt allerdings nicht viel darüber aus, welchen Einfluss sie auf die Inselflora insgesamt haben. Ausgerechnet im Teide-Nationalpark, einem Unesco-Weltnaturerbe, richten gefräßige Kaninchen den größten Schaden an. Zwar sind sie im Hochgebirge nicht so häufig anzutreffen wie nahe der Küste. Doch das rauhe Klima macht dort auch den Pflanzen zu schaffen: Sie wachsen meist langsam und nicht allzu sehr in die Höhe. Oft sind ihre jungen Triebe deshalb in Reichweite eines hungrigen Kaninchens. Wenn sich das Tier auf den Hinterbeinen aufrichtet, kann es auch einen halben Meter über dem Erdboden zubeißen.

          Der Teideginster (Spartocytisus supranubius) zum Beispiel, mit seinen stark duftenden zartrosa Blüten bei Bienen besonders beliebt, wird von Kaninchen eindeutig dezimiert. Andere Endemiten – darunter die entfernt mit Kornblumen verwandte Stemmacantha cynaroides, aus deren silbrigen Blütenköpfen große Büschel pinkfarbener Blüten sprießen – stehen bereits auf der Roten Liste gefährdeter Arten der International Union for Conservation of Nature (IUCN).

          Auf einer so großen Insel wie Teneriffa scheint es aussichtslos, die Kaninchen jemals wieder völlig loszuwerden. Die Forscher um Irl und Cubas raten deshalb, alle Bemühungen auf Regionen zu konzentrieren, in denen die Dringlichkeit am größten ist. Wo Fraßschäden zeigen, dass es raren Endemiten an den Kragen geht, gilt es, die Kaninchenpopulation so klein wie möglich zu halten. Schließlich steht auf den Kanarischen Inseln eine einzigartige Flora auf dem Spiel, die mit ihrer Farben- und Formenvielfalt nicht nur Fachleute begeistert.

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