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Ein Grundkurs in Soziobiologie (9) : Kindersegen und Kinderfluch

  • -Aktualisiert am

Beim menschlichen Nachwuchs geht Qualität meist vor Quantität Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Bei Lebewesen gibt es zwei Strategien zum Artenerhalt: Verdrängung und Expansion. Sie entsprechen den grundlegenden Wettbewerben der Natur. Aber gelten diese Strategien der Fortpflanzung auch beim Menschen?

          Evolutionärer Erfolg ist reproduktiver Erfolg. Deshalb bewertet die natürliche Selektion Lebensverläufe danach, wie effizient sie das Grundproblem der Vermehrung gelöst haben. Das Kriterium des evolutionären Erfolgs, auch „genetische Fitness“ genannt, läßt sich aber keineswegs in absoluten Größen skalieren, vielmehr geht es im Darwinischen Wettbewerb um den relativen Vermehrungsvorsprung gegenüber den anderen Mitbewerbern. Der Bessere sticht den Guten aus, ganz gleich wie gut der Gute ist. Folglich - so könnte man folgern - müsse doch das Grundprinzip der natürlichen Selektion ganz zwangsläufig zu einer hohen Zahl von Nachkommen führen.

          Wenn, wie behauptet wird, der Fortpflanzungserfolg das evolutionäre Maß aller Dinge ist, sollte doch das Bemühen, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen, die Gewinn-Strategie der Evolution sein. Das ist aber nicht unbedingt der Fall, wie schon ein Blick auf die Vielfalt der biologischen Fortpflanzungsleistungen zeigt. Bei aller historischen und kulturellen Vielfalt bleiben die Kinderzahlen menschlicher Familien durchaus überschaubar. Primaten überhaupt imponieren keineswegs mit einer hohen Vermehrungsrate. Mäuse beeindrucken schon ganz anders, und gar Fische. Sie produzieren tausende von Nachkommen, eine Auster gar eine halbe Milliarde Eier pro Jahr, und ein einzelner Riesenbovist gibt so viele Nachkommen in die Lostrommel der Evolution, daß die Erdoberfläche komplett bedeckt wäre, würden alle heranwachsen.

          Qualität und Quantität schließen sich gegenseitig aus

          Sind also Austern und Riesenboviste die heimlichen Gewinner des Evolutionsspiels? Nicht wirklich, begegnet man den Vertretern beider Spezies außerhalb von Gourmet-Restaurants und Museen doch eher selten. Sie mögen zwar zu den Führenden in der Fruchtbarkeitsliste gehören, letztlich sind sie nur zwei Arten neben jenen, die sich ebenfalls evolutionär behauptet haben, ohne auch nur annähernd so vehement auf Vermehrung zu setzen. Auf die Menge allein kommt es also nicht an, Fortpflanzungserfolg hat auch etwas mit Qualitätssicherung zu tun. Das eine geht aber nur auf Kosten des anderen, weshalb Quantität und Qualität sich gegenseitig ausschließen. Die Evolution kann nicht auf beides gleichzeitig setzen. Vereinfacht lassen sich deshalb die Fortpflanzungsstrategien in quantitative und qualitative aufteilen.

          Trotz Kinderarmut noch nicht ausgestorben: Elefantenbaby

          Beide Strategien sind - wieder grob vereinfacht - angepaßte Antworten auf die beiden Arten von Wettbewerben, die die Natur kennt, nämlich Verdrängung und Expansion. Verdrängungswettbewerb stellt sich unter ökologisch gesättigten Bedingungen ein, wenn äußere Umstände keine hohen Wachstumsraten ermöglichen, aber auch keine extremen Populationseinbrüche erwarten lassen. Wenn hingegen ökologische Desaster und Wechsellagen immer mal wieder Expansion erlauben, hat der Schnellere die Nase vorn, nicht unbedingt der Bessere.

          Strategie der Qualitätssicherung hat sich durchgesetzt

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