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Interview zu Tierversuchen : „Wir tun einfach nicht genug für Alternativen“

  • Aktualisiert am

Die Maus in Menschenhand, wirklich unentbehrlich für die Biomedizin? Bild: dpa

In Berlin entsteht ein Zentrum, das die Biomedizin zum Umdenken auffordert. Die Initiatoren sprechen von einem Systemwechsel. Wie weit kann die Forschung auf Tierexperimente verzichten?

          Die Berliner Charité will noch dieses Jahr ein Zentrum für Alternativmethoden zu Tierversuchen gründen. Dabei geht es ihr um nichts weniger als um einen Paradigmenwechsel in der biomedizinischen Forschung. Die Berliner Regierung unterstützt das Projekt im Rahmen des Hochschulvertrages ab 2018 mit 1,5 Millionen Euro pro Jahr, die bis 2022 auf 1,8 Millionen Euro aufgestockt werden. Vordenker der Initiative ist der Physiologe Axel Radlach Pries, seit 2015 Dekan der Charité.

          Herr Professor Pries, es heißt immer, auf Tierversuche könnte nicht verzichtet werden, was bezwecken Sie mit dem Zentrum?

          Prof. Axel Radlach Pries von der Charité

          Unser Ziel ist es, bessere therapeutische Optionen für den Menschen zu entwickeln. Um hier voranzukommen, müssen wir Alternativen zum Tierversuch energisch weiterentwickeln und ihre Anwendung wesentlich steigern. Dazu sehen wir uns ethisch verpflichtet, denn nur so können wir für Patienten die besten Therapien entwickeln.

          Warum, Tierversuche tragen doch wesentlich zum Medizinfortschritt bei?

          Das ist richtig, und wir erkennen dies ausdrücklich an. Es besteht jedoch eine sehr große und zunehmend kritisch diskutierte Kluft zwischen dem, was die Grundlagenmedizin in solchen Experimenten als wirksam identifiziert, und dem, was hinterher beim Patienten ankommt. Tierversuche helfen oft, aber nicht immer weiter. Alternativmethoden, zum Beispiel Versuche mit menschlichem Material oder Computersimulationen, können hier neue Möglichkeiten bieten. Alternativmethoden müssen deshalb mit der gleichen Energie vorangetrieben werden wie Tierversuche.

          Das ist heute nicht der Fall?

          Nein, nach meiner Einschätzung nicht. Momentan unterstützen die Förderinstitutionen die beste Wissenschaft. Dieser Ansatz führt zu einer Verbesserung der bestehenden und bewährten Methoden. Grundsätzlich neue Ansätze müssen sich jeweils mühsam gegen den etablierten Goldstandard durchsetzen – und das ist sehr oft der Tierversuch. Auch wenn diese Förderpolitik grundsätzlich richtig ist, schafft sie ein sich selbstabilisierendes System. Es führt dazu, dass wir unter Umständen wichtige neue Erkenntnisse oder Therapien verpassen. Dieser Zustand ist problematisch. Die Wissenschaftsgemeinde muss grundlegend umdenken und sich sehr viel stärker als bisher für neue Methoden öffnen. Dafür brauchen wir einen Paradigmenwechsel in der Förderpolitik. Notwendig sind strategische Entscheidungen und externe Hilfe. Ich vergleiche hier gern mit dem Strommarkt in den 1990er Jahren: Hätte die Politik nicht mit einer Einspeisevergütung strategisch alternative Modelle der Energieerzeugung gefördert, wären die konservativen Kraftwerke immer größer und Alternativen wie die Windkraft nicht konkurrenzfähig geworden.

          Das heißt, Sie wollen eine Art Einspeisevergütung für Alternativmethoden?

          Genau. Eine Einspeisevergütung wie bei der Energiewende könnte hier als Vorbild dienen. Vielleicht könnte man in großen Fördereinrichtungen einen Topf mit fünf Prozent der Mittel füllen, die im Tierversuchsbereich ausgegeben werden. Anträge auf Forschung mit Alternativmethoden könnten aus diesen Mitteln gedeckt werden. Einen solchen Mechanismus brauchen wir zumindest zeitweilig. Nach einer Anpassungsphase können die beiden Methodenbereiche wieder gut miteinander in Wettbewerb treten.

          Woran liegt das von Ihnen beobachtete Ungleichgewicht bei der Förderung?

          Ganz eindeutig nicht am bösem Willen der Beteiligten, sondern an einem Systemproblem. Um wieder den Strommarkt als Beispiel zu bemühen: Große Firmen bauen große Kraftwerke, investieren Geld und sorgen dafür, dass die Situation im Wesentlichen so bleibt, wie sie ist. Vergleichbares gibt es auch in der Wissenschaft. Exzellente Wissenschaftler, die Drittmittelanträge oder Publikationen in führenden Journalen begutachten, haben überwiegend einen Hintergrund in hochwertigen Tierversuchen. Wird nun zum Beispiel die Idee vorgetragen, die Wirkung eines Krebsmittels mit Alternativmethoden zu erforschen, sagen viele der Gutachter: Was du da vorhast, ist ein sehr spannendes Projekt. Aber du müsstest das doch mal in einem Tiermodell testen. Denn nur dann ist es doch wirklich bewiesen. Das schreckt gerade junge Forscher ab, mit Alternativen zu arbeiten. Junge Leute gehen in die biomedizinische Wissenschaft, weil sie etwas Gutes für die Menschen tun wollen. Aber sie suchen auch nach Gebieten, in denen sie erfolgreich sein, also Drittmittel einwerben und gut publizieren können. So werden viele dann doch eher etablierte Methoden, hier also Tierversuche, anwenden.

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