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E-Zigaretten : Ein Fall von Vernebelung

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Genuss- oder Arzneimittel? Die E-Zigarette wird einmal wieder vor Gericht verhandelt. Bild: dpa

Machen E-Zigaretten das Rauchen wieder salonfähig? Die Tabakindustrie wirbt offensiv. Doch die vermeintlich „cleane“ Variante hat das Zeug zur Einstiegsdroge.

          Der Marlboro-Mann auf dem Pferd wird vermutlich nicht das Werbemarkenzeichen der neuen Zigaretten-Generation werden, aber vielleicht ein cooles Wesen aus der Matrix oder von der Bühne der Techno-Szene. Jedenfalls ist „das Spiel eröffnet“, wie Douglas Kamerow im „British Medical Journal“ schreibt (doi: 10.1136/bmj.f3418). Er ist wissenschaftlicher Herausgeber dieser Fachzeitschrift, früherer Chirurg und Wissenschaftler am weltweiten Forschungsinstitut RTI International, und was er meint, ist der Run auf die E-Zigarette.

          Vor rund zehn Jahren tauchte die elektronische Zigarette erstmals auf, 2006 wurde sie in Europa verfügbar, inzwischen bedient sie offenbar ganz unterschiedliche Bedürfnisse von Rauchern, und womöglich weckt sie auch neue. Nichts zeuge mehr davon, dass es sich um einen riesigen Wachstumsmarkt mit besten Verdienstaussichten handele, als die Tatsache, dass die großen Tabakkonzerne damit begännen, E-Zigaretten-Hersteller aufzukaufen oder eigene Produkte für ihr Portfolio zu entwickeln, wie Kamerow schreibt. 2010 wurden rund 750 000 E-Zigaretten verkauft, 2011 waren es bereits 2,5 Millionen und 3,5 Millionen im vorigen Jahr.

          Rauchgenuss dank Akku

          Rund zehn Prozent aller Raucher nutzen inzwischen die mittels Akku betriebenen Vernebelungs- oder Verdampfungssysteme, die mit herkömmlichen Zigaretten nur noch die Form gemeinsam haben. Der Nutzer saugt an einem Mundstück oder drückt eine Taste, dann wird aus einer Kartusche über Wärmeeinwirkung von 65 bis 120 Grad Celsius Flüssigkeit verdampft - mit Nikotinkonzentrationen von null bis 18 Milligramm pro Milliliter, zum Teil aber auch deutlich mehr. Mitunter sind Aromen beigefügt, über Tabakaroma als Imitat, Schokolade, Fruchtaromen, Aromen von alkoholischen Drinks, Eiscreme, Cola und etlichen mehr. Die Deklarationen der Hersteller sind uneinheitlich und nicht reguliert, im Internet kursieren außerdem Tipps für Mischungen Marke Eigenbau, zum Beispiel mit Wodka.

          Keine Unbedenklichkeitsbescheinigung

          Da Teer- und Tabakbestandteile fehlen, gilt die E-Zigarette als cleane Variante des Rauchens, aller schädlichen Wirkungen ledig, die dem Tabakrauch und nicht dem Nikotin zugeschrieben werden. Wie weit dieses gesundheitliche Saubermann-Image reicht, lässt sich daran ablesen, dass in einem Werbespot eine Mutter mit Kind als Konsumentin gezeigt wird. Das gleichwohl die E-Zigarette keine Unbedenklichkeitsbescheinigung verdient, ist aus einem umfassenden Dossier ersichtlich, das das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) vor kurzem vorgelegt hat und das als PDF im Internet erhältlich ist (http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/RoteReihe/ Band_19_e-zigaretten_ein_ueberblick.pdf).

          Gesundheitsrisiko durch Defekte

          Nicht nur die Tatsache, dass der Nikotingehalt schwankt und die Gefahr der Nikotinvergiftung infolge technischer Defekte besteht, ruft Bedenken hervor. Es gibt eine Vielzahl von Inhaltsstoffen, deren langfristige Nebenwirkungen unklar sind und über deren Freisetzung sich die Wissenschaftler noch kein klares Bild machen konnten. Dazu zählt Propylenglykol als Vernebelungsmittel, Glyzerin, aber auch Nitrosamine, Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein. Die drei letztgenannten Substanzen können Krebs erzeugen, außerdem wurden Metalle wie Nickel und Chrom in teilweise höheren Konzentrationen gefunden als in herkömmlichen Tabakzigaretten.

          Eine Hilfe zur Entwöhnung?

          Einerseits berichten die Nutzer zwar, dass sich ihr Gesundheitszustand gegenüber früher verbessert habe, sie husteten weniger, atmeten leichter, fühlten sich fitter. Andererseits berichten Wissenschaftler darüber, dass der Konsum von E-Zigaretten den Atemwegswiderstand deutlich erhöhen kann. Fast achtzig Prozent der befragten Nutzer geben an, die E-Zigarette zu nutzen, um die Gefahren des herkömmlichen Rauchens zu verringern oder von der Zigarette ganz loszukommen. Ob sie dazu aber wirklich taugt, ist nicht belegt, wie die umfassende Analyse dieser Frage in dem DKFZ-Bericht deutlich macht. In Deutschland geben sieben Prozent derjenigen Raucher, die aufhören möchten, an, es mit E-Zigaretten zu versuchen, siebzehn Prozent nutzen andere Nikotinersatzprodukte, etwa Pflaster oder Kaugummi. Alle Stellungnahmen von Fachleuten laufen einhellig darauf hinaus, dass man derzeit nicht sagen kann - und es deshalb die Werbung zur E-Zigarette auch nicht behaupten dürfe -, dass es sich tatsächlich um eine wirksame Entwöhnungshilfe handele.

          Verführerische Glimmstängel

          In jüngster Zeit weisen zudem einige Untersuchungen darauf hin, dass die E-Zigarette nicht nur als Alternative zur echten Tabakzigarette gesehen oder als Hilfsmittel genutzt wird, um mit dem Rauchen aufzuhören, sondern dass sie zu einer Art neuen Einstiegsdroge avancieren könnte. Zwölf Prozent derer, die die E-Zigarette nutzen, rauchten früher nicht, davon sind je nach Studie etwa fünf bis sieben Prozent Studenten oder junge Menschen unter 25 Jahren (“Drug and Alcohol Dependence“ online, doi:10.1016/j.drucalcdep.2013.05001). Je jünger der Nutzer, desto positiver die Einstellung: In der Europäischen Union halten 27 Prozent der Bevölkerung laut Eurobarometer die E-Zigarette für gesundheitsschädlich, 35 Prozent stufen sie als harmlos ein, und ein Drittel hat keine Meinung dazu. Fragt man indes allein die unter Fünfundzwanzigjährigen, so halten 40 bis 45 Prozent das Produkt für unbedenklich. Hinzu kommt, dass das Verdampfungsverfahren ein „Hightech-Image“ vermittelt, der Dampf nicht schlecht riecht und keinen Mundgeruch verursacht; und schließlich werden die Marken von bekannten und attraktiven Stars und Sängern beworben. Das Equipment sieht elegant aus, und das Rauchen einer E-Zigarette ist nicht auf Flure und Toiletten verbannt - man darf sich damit allerorts sehen lassen und hat nicht das Image, die Luft zu verpesten und dem Nachbarn zu schaden. Das sieht Kamerow als die Ingredienzien an, die ein Produkt für die Jugend hinreichend verführerisch machen.

          Derzeit ist in den wenigsten Ländern klar, wie die E-Zigarette einzustufen ist. Viele plädieren dafür, sie wie Arzneimittel zu behandeln und entsprechenden Restriktionen zu unterwerfen, derzeit ist das aber auch hierzulande nicht geregelt, so dass sich Vertrieb, Werbung und Nutzung in einer rechtlichen Grauzone abspielen, heißt es im DKFZ-Bericht. Es gibt jedoch auch Länder, in denen die E-Zigarette verboten ist, zum Beispiel in Brasilien, Norwegen und Singapur. Kamerow spricht sich dafür aus, nicht zu warten, bis geklärt sei, wie die E-Zigarette juristisch definiert sei, ob Medizinprodukt, Arznei, Nahrungsergänzungsstoff oder Lebensmittel. Schon jetzt solle die Werbung im Fernsehen verboten werden, es müsse Altersbegrenzungen für die Nutzung geben, und das Nikotin-Dampfen müsste mindestens ebenso stark besteuert werden wie das traditionelle Rauchen.

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