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Soziale Systeme : Die Tücken des Symbols

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Blechernes Lob: Die Ordenspange eines Bundeswehroffiziers Bild: dpa

Lobende Worte sind wirksam und kostengünstig. Warum sind sie dann so selten?

          3 Min.

          Die Bedeutung symbolischer Handlungen wird gern unterschätzt. So spricht man von „Symbolpolitik“ und unterstellt ihr unlautere Motive: Sie diene der Manipulation und Verschleierung dessen, was eigentlich geschehe. Das Misstrauen gegenüber den Symbolen reicht weit, und es hat damit zu tun, dass sie keinen großen Aufwand verursachen. Sie sind billig für den, der sie einsetzt. Eine kleine Aufmerksamkeit, ein freundliches Wort oder ein farbenprächtiger Orden kosten nicht viel. Das hat seinen Sinn, wenn die Symbole zu bestimmten Handlungen motivieren sollen: Ansonsten könnten diejenigen, die sich um symbolische Anerkennung bemühen, allzu leicht in den Verdacht geraten, eigentlich nach materieller Belohnung zu streben.

          Doch den Wissenschaftler soll ja nicht das Preisgeld, sondern der Reputationswert des Nobelpreises interessieren. Und auch bei der Kindererziehung setzt man – nicht nur aus finanziellen Gründen – darauf, dass ein Lob nicht noch durch eine fallweise Aufbesserung des Taschengelds unterstützt werden muss, um erwünschtes Verhalten zu fördern.

          Lieber Loben

          In einem Aufsatz zur „Politik des Lobs“ betont der Soziologe Rainer Paris die Ökonomie dieser verbreiteten Form „symbolischer Gratifikation“: Im Vergleich zu materiellen Anreizen, zum Beispiel Lohnzahlungen oder Preisgeldern, ist das Lob deutlich günstiger. Und das gilt auch im Vergleich mit der anderen wichtigen Möglichkeit, andere in ihrem Verhalten zu beeinflussen: der Androhung negativer Sanktionen. Im Gegensatz zu positiven Sanktionen wie materiellen und symbolischen Belohnungen werden negative zwar nur fällig, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, verursachen dann aber unerwünschten Aufwand, der zusätzlich zum ohnehin zu verbuchenden Misserfolg anfällt: Man hat nicht erreicht, was man wollte, und nun müssen auch noch Hausarreste ausgesprochen und überwacht, möglicherweise körperliche Gewalt ausgeübt oder Gefängnisse bewacht werden.

          Der Alltagsverstand ist angesichts der geringen Kosten des Lobs jedoch auffallend zurückhaltend. Nicht nur, dass die Selbstversorgung durch Eigenlob allgemein einen schlechten Ruf hat, auch beim Lob anderer soll Sparsamkeit walten: „Net gschimpft isch globt gnug“ lautet die schwäbische Devise, die den sparsamen Umgang mit freundlichen Worten empfiehlt. Ähnliche Einstellungen finden sich auch andernorts, wo die Sparsamkeit keinen derart großen Stellenwert hat. Dahinter steckt eine allgemein akzeptierte Ökonomie des Lobs, die den inflationären Gebrauch verhindern möchte. Lob muss homöopathisch dosiert werden, um Wirkung zu entfalten.

          Die Asymmetrie der Anerkennung

          Weitere Einschränkungen ergeben sich daraus, dass Loben nicht in jeder Situation und Konstellation angebracht ist. Der Normalfall ist das Lob „von oben nach unten“: Eine Autoritätsperson beansprucht, den geltenden Wertekanon interpretieren zu können und verteilt nach dessen Kriterien das Lob an jene, die nach Anerkennung streben. Die Mutter, die das Kind für seine Malkünste lobt, und der Vorgesetzte, der seinem Mitarbeiter hohen Einsatz bescheinigt, bekräftigen zugleich die bestehende Ungleichheit. Dies hat zur Folge, dass das Lob schnell gönnerhafte oder sogar herablassende Züge annimmt. „Das hast du aber gut gemacht“ kann dann auch verstanden werden als: „Das hätte ich von dir gar nicht erwartet.“ Das Lob transportiert in diesem Fall den Tadel, dass ähnliche Leistungen anderer möglicherweise als unspektakulär bewertet würden.

          Der umgekehrte Fall des Lobs „von unten nach oben“ hat einerseits mit dem Verdacht zu kämpfen, dass der Rangniedrigere sich einschmeicheln möchte. Zudem operiert man hier stets nah an der peinlichen Grenze zur Selbstüberschätzung – der Schüler, der den Lehrer für seinen Unterricht lobt, muss schließlich eine entsprechende Beurteilungskompetenz beanspruchen. Weil sich im Loben immer eine Asymmetrie ausdrückt, ist auch das Lob „zwischen Gleichen“ nicht ohne Tücken: Es muss erwidert werden, wenn es die Gleichheit nicht in Frage stellen soll. Je mehr sich Lob und Gegenlob aufschaukeln, desto mehr wird daraus eine Art „Lobkartell“, das sich gewissermaßen selbst lobt. Vor allem Koalitionen in der Politik pflegen diese Form des indirekten Eigenlobs, das gegenüber dem genuinen Eigenlob allerdings einen gewichtigen Nachteil hat: Der Partner von heute kann schon morgen Gegner sein, auf dessen Lob man im Nachhinein lieber verzichten möchte.

          Für das Lob gilt im Gegensatz zum Geld eben nicht, dass der Ursprung keine Rolle spielt. Darum prüft man besser rechtzeitig, wessen Lob man akzeptiert.

          Literatur:

          Rainer Paris, „Die Politik des Lobs“. In ders.: „Der Wille des Einen ist das Tun des Anderen“, Velbrück, Weilerswist 2015.

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