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Usutu-Virus : Die neue Viruswelle kommt bestimmt

  • -Aktualisiert am

Häufigster Brutvogel Deutschlands: die Amsel (Turdus merula) Bild: Picture-Alliance

Seit 2011 sterben in Deutschland jedes Jahr Tausende Amseln an dem Usutu-Erreger. Ein Ende der Infektionen ist nicht absehbar. Welche Auswirkungen hat das auf den Bestand der Vögel?

          3 Min.

          In Deutschland ziehen 243 Vogelarten regelmäßig ihre Jungen groß. Am häufigsten unter ihnen sind Amsel und Buchfink, die im Mittel mit jeweils acht Millionen Brutpaaren vorkommen. Das geht aus dem Nationalen Vogelschutzbericht 2019 hervor, dessen Ergebnisse vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) zwischen 2013 und 2018 ermittelt wurden. Der nach wie vor stabile Bestand der Amsel dürfte viele Ornithologen und Hobby-Vogelkundler beruhigen, da das aus Afrika stammende Usutu-Virus den Vögeln zusetzt. Es gehört zur Familie der Flaviviren und wurde bei uns 2010 erstmals von Forschern um Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI), in Mücken nachgewiesen. Die Insekten, allen voran die Gemeine Stechmücke, sind sein wichtigster Überträger, eine Infektion von Vogel zu Vogel ist nicht möglich.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Vermutlich gelangte der Erreger schon vor geraumer Zeit mit Zugvögeln nach Europa und führte unter Amseln immer wieder zu kleineren, lokal begrenzten Krankheitsausbrüchen. Das erste große Massensterben dieser Spezies ereignete sich 2011 und 2012 in Südwestdeutschland. Aufgrund der zunehmend heißen Sommer breitete sich das Virus schnell aus und gelangte in den Norden und Osten. Vier Jahre später beobachteten Wissenschaftler abermals ein auffälliges Amselsterben, welches sich 2018 in noch stärkerer Form wiederholte. Damals wurden dem Naturschutzbund Deutschland mehr als dreizehntausend Verdachtsfälle mit fast achtundzwanzigtausend toten oder kranken Vögeln gemeldet. Etwa die Hälfte davon war wahrscheinlich auf das Usutu-Virus zurückzuführen. Renke Lühken vom BNI hat mit einigen Kollegen ausgerechnet, dass zwischen 2011 und 2016 im ersten Ausbruchsgebiet des Virus ungefähr hundertsechzigtausend Amseln gestorben sind.

          Zerzaustes Gefieder und neurologische Symptome

          Warum trifft es vor allem diese Art? „Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage“, sagt Lühken, „Erkenntnisse haben wir keine, aber viele Vermutungen.“ Die einen spekulieren, die Amsel würde wegen ihres schwarzen Gefieders häufiger von Stechmücken angeflogen, die anderen halten ihre Größe für entscheidend. Theoretisch kann sich jeder Vogel mit dem Virus anstecken, Amseln haben jedoch eine höhere Chance, daran zu sterben. Dasselbe gilt übrigens für Eulen. Lühken nimmt an, das spezifische Immunsystem der Tiere sei dafür verantwortlich. Bei Menschen verlaufen Usutu-Infektionen in der Regel mild oder unbemerkt. Zu den häufigsten Symptomen zählen Kopfschmerzen, Fieber und Hautausschlag. Selten kommt es zu einer Gehirnentzündung.

          Erkrankte Vögel weisen oft ein zerzaustes Gefieder auf, zum Teil haben sie kahle Stellen am Kopf. Sie zeigen kein Fluchtverhalten, wirken apathisch und sind bald flugunfähig. Die neurologischen Symptome sind Folge einer Enzephalitis, die meist nach kurzer Zeit zum Tod führt. So überrascht es nicht, dass der Naturschutzbund bilanzierte, unter den gemeldeten Arten der 2019 durchgeführten Aktion „Stunde der Gartenvögel“ schneide die Amsel deutlich schlechter ab als sonst. Der Rückgang betrage elf Prozent gegenüber dem Vorjahr: „Mit 2,93 Vögeln/Garten ist das der mit Abstand niedrigste Wert seit Beginn der Zählungen im Jahr 2005.“

          Vom scheuen Waldbewohner zum Kulturfolger

          Allerdings waren die Verluste 2019 nicht so dramatisch wie 2018. Sven Trautmann, der beim DDA für das Monitoring häufiger Brutvögel zuständig ist, hebt hervor, die gesamte Amsel-Population weise keinen negativen Trend auf: „Wir sehen regionale Einflüsse in den Gebieten, in denen das Virus festgestellt wurde. Auf ganz Deutschland bezogen, fällt dies aber bisher nicht ins Gewicht.“

          Ein Blick nach Österreich erscheint instruktiv. In und um Wien trat das Usutu-Virus erstmals 2001 auf. Einige Jahre später waren Amsel-Populationen in mehreren Bundesländern unterschiedlich stark eingebrochen. Gleichwohl heißt es in einem 2017 in der Zeitschrift „Egretta“ veröffentlichten Artikel von Norbert Teufelbauer, Benjamin S. Seaman und Michael Dvorak, es sei eine „vollständige Erholung des Amselbestandes zu erkennen“. Das liegt vermutlich daran, dass mittlerweile ausreichend viele Individuen resistent gegen das Virus sind. Eine solche Immunität könnte indes nach einigen Generationen ohne Usutu-Geschehen verlorengehen. Trautmann gibt zu bedenken: „Sofern sich das Virus zusammen mit dem Überträger dann noch einmal geographisch ausbreitet, besteht die Möglichkeit einer Verstärkung des Effekts. Insbesondere mit fortlaufender Klimaerwärmung steigt das Risiko erneuter und eventuell auch großflächigerer Ausbrüche.“

          Aufschlussreich sind auch Untersuchungen niederländischer Forscher, die eine deutliche Abnahme der Amsel im Siedlungsraum festgestellt haben. „In Gemeinden und Dörfern ist es immer etwas wärmer als im Umland“, sagt Trautmann, „und mit Regenwassertonnen oder offenen Wasserflächen stehen auch ideale Brutstätten für Stechmücken zur Verfügung.“ So wird der Amsel, die einst ein scheuer Waldvogel gewesen ist, nun zum Verhängnis, dass sie sich im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts zum Kulturfolger entwickelt hat. Der Ornithologe Johann Friedrich Naumann hat im zweiten Band seiner „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands“ von 1822 über die Amsel notiert: „Alle Gegenden . . . wo es Waldungen mit dichtem Gebüsch giebt, mögen sie aus Laub- oder Nadelholz bestehen, oder ebenen, sumpfigen, oder gebirgigen Boden haben, gewähren ihnen einen Aufenthalt.“ Um 1820 wurden Amsel-Gelege aus Bamberg gemeldet, dreißig Jahre später kamen Stuttgart und Frankfurt hinzu. Inzwischen finden sich in urbanen Habitaten mitunter mehr als fünfzig Reviere auf einer Fläche von zehn Hektar. Dem DDA zufolge ist die Amsel momentan unser häufigster Brutvogel.

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