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Die lieben Kleinen (9) : Von Dadada bis Fischers Fritz

  • -Aktualisiert am

Guter Anfang, denn die korrekte Zuordnung kommt schon noch Bild: F.A.Z. - Isabel Klett

Das erste Wort sollte „Papa“ sein. Doch Kinder, die Sprechen lernen, sind unberechenbar: In einem Punkt sind Kinder die reinsten Genies - sie lernen Sprachen wie nebenbei. Vorausgesetzt natürlich, man redet mit ihnen.

          7 Min.

          Ob Englisch im Schulunterricht, Spanisch im Job oder Chinesisch einfach mal zum Angeben - für Jugendliche und Erwachsene bedeutet Sprachenlernen fast immer pauken, üben und sich mühen. Wie leicht klappt das dagegen bei Kindern. Sie kommen praktisch von allein dahinter, obwohl sie nicht nur die Sprache, also Vokabeln, Grammatik, Betonung und Aussprache, sondern außerdem überhaupt erst einmal sprechen lernen müssen.

          Das heißt für die Kleinen im einzelnen: richtig atmen, die von den Stimmbändern erzeugten Töne mit Zunge, Gaumen, Zähnen und Lippen in Laute und Worte formen, dabei mehr als hundert Muskeln koordiniert lockern, hochziehen, loslassen, anspannen. Und das in einem Alter, in dem Kinder weder bis drei zählen noch sich selber die Schuhe zubinden können. Wie machen sie das bloß?

          Kinder, mit denen nie einer spricht, reden nicht

          Lange haben Wissenschaftler überlegt, beobachtet, dokumentiert. Und darüber gestritten, ob Sprache lediglich ein genetisches Programm ist - schließlich können auch taube Kinder sprechen lernen. Oder ob es sich um pure Nachahmung handelt. Denn Kinder, mit denen nie einer spricht, reden nicht. Gegenwärtiger Stand der Forschung: Beides stimmt. Jedes gesunde Kind bringt Ohr und Hörnerven mit auf die Welt und verfügt über Bereiche im Gehirn, die Sprache verarbeiten und produzieren können. Jedes Kind kann damit jede Sprache dieser Welt lernen. Aber nur, wenn diese Anlagen auch benutzt werden, wenn das Kind Wörter hört, mit einer Bedeutung verbinden, speichern und anschließend selbst reproduzieren kann.

          Zuständig für den Input sind zunächst die Eltern. Praktischerweise verhalten sich Erwachsene in fast allen Kulturen dieser Welt instinktiv so, wie es für die Sprachentwicklung des Kindes am besten ist. Dieses Verhaltensprogramm startet mit der sogenannten Ammensprache: Die Eltern reden viel, mit hoher Stimme, übertrieben betont, langsam und in einfachen Sätzen mit ihrem Kind. Sie sagen, was sie tun, und sie tun, was sie sagen (“Jetzt ziehen wir noch die Söckchen an“). Immer und immer wieder. So kann das Kind nach und nach bestimmte Laute mit bestimmten Dingen und Handlungen verbinden.

          Die Klassiker „Mama“ und „Papa“ sind eher selten

          Übrigens hören Kinder schon im Bauch mit, allerdings sehr gedämpft, vielleicht so wie wir mit dem Kopf unter Wasser in der Badewanne. Nach der Geburt bevorzugen sie die Stimme ihrer Mutter und können ihre Muttersprache von fremden unterscheiden. Darauf festgelegt sind sie nicht: In den ersten Lebensmonaten lallen und brabbeln und gurren alle Kinder das gleiche, ob in Afrikaans, Arabisch oder Deutsch. Nach und nach konzentrieren sich die Kinder dann auf die Laute, die sie tagtäglich hören. Zufällig entschlüpfte Silben üben sie wieder und wieder: „baba“, „ma“, „nenene“, plappern bald ein Kauderwelsch, das in Rhythmus und Tonfall genau der Umgebungssprache entspricht.

          Das erste Wort sprechen sie im Schnitt mit ein bis anderthalb Jahren. Manche Kinder artikulieren bereits mit acht Monaten, andere erst lange nach dem zweiten Geburtstag. Die Klassiker „Mama“ und „Papa“ sind in Wahrheit eher selten: Martha beispielsweise sagte als erstes „da“, Maria „Blill“, was Brille heißen sollte, Rita „nein“, Elmar „ja“, Tristan „Auto“, Ada „Teddy“, Bruno „mehr“ und Paul „tschüs“.

          Lesen, singen, reimen, blödeln

          Die Eltern wechseln dann zu Teil zwei des Verhaltensprogramms. Sie reden über alles, was gerade zu sehen, zu hören, zu riechen und zu fühlen ist, über den Ausflug am Nachmittag und den geplanten Besuch bei den Großeltern. Sie lesen, singen, reimen und blödeln. Und lassen das Kind vor allem dann in Ruhe, wenn es nicht „Himpelchen und Pimpelchen“ singen und auch nicht der Oma erzählen will, wie es im Zoo war.

          Sprechen üben (“Das heißt nicht Topf, sag mal Kopf. . . nein, Kopf“) ist nicht nur langweilig und demotivierend, es nützt auch nichts. „Das Kind würde es schon richtig sagen, wenn es das könnte“, sagt Monika Rausch, Präsidentin des deutschen Logopädenverbandes. Oft hinkt einfach nur die Aussprache der Vorstellung von einer bestimmten Sache und der Kenntnis des Wortes hinterher. Die meisten Eltern helfen da ganz automatisch. Eigenkreationen wie „Adda Adda“, „Heia machen“, „Teita gehen“ oder „Lupapa“ für Staubsauger und Wortdreher wie „Damelante“ für Bademantel verschwinden nämlich schnell, wenn die Eltern nach wie vor das richtige Wort verwenden.

          Satzbau und Grammatik kommen nach und nach

          Ein halbes Jahr nach dem ersten Wort ist meist das Repertoire auf etwa fünfzig Begriffe angewachsen. Anfangs sind das überwiegend konkrete Hauptwörter wie Ball und Bär, Stuhl und Nase, dann Adjektive wie heiß und kalt, laut und leise, groß und klein, aus denen die Kinder Zwei- und Dreiwortkombinationen machen. Verben kommen später, ebenso Artikel und Fürwörter. Manche Kinder speichern auch ganze Sätze. Wie die zweijährige Maria. Die sagt oft, wenn sie beim Einkaufen ein Scheibchen Wurst geschenkt bekommt: „Ooohdasisjanett dankesehr“ - ohne zu wissen, was die einzelnen Wörter bedeuten. Satzbau und Grammatik kommen nach und nach.

          „Möglicherweise bringen Kinder eine Art Grundgrammatik mit auf die Welt“, sagt der Freiburger Linguistik-Professor Jürgen Dittmann. „Möglicherweise programmiert sich aber durch Hören und Üben das Gehirn wie von selbst, ohne daß die Regeln den Kindern bewußt werden.“ Ob die Subjektposition nun immer besetzt sein muß oder das modifizierende Element vor dem zu modifizierenden steht - darüber kommt auch mancher Erwachsene ins Grübeln, obwohl er diese Regeln tagtäglich richtig anwendet und die Handvoll Vokale und Konsonanten ohne Schwierigkeiten zu einem prinzipiell unbegrenzten Wortschatz zusammensetzt.

          Eine Person - eine Sprache

          Übrigens lernen weltweit die meisten Kinder nicht nur eine, sondern zwei oder drei Sprachen. Deutschen Eltern werden dafür strengstens einzuhaltende Regeln empfohlen: eine Person, eine Sprache, also Mama deutsch, Papa spanisch. Oder eine Situation, eine Sprache: zu Hause türkisch, im Alltag deutsch. So einfach ist das aber selten: Wie sprechen die in Berlin aufgewachsene Holländerin und ihr italienischer Mann? Der französische Papa kommt meist erst kurz vorm Gutenachtsagen von der Arbeit - was dann? Und was, wenn der Kontakt mit dem rumänischen Teil der Familie nur spärlich ist und das Kind nie lernt, daß man mit Rumänisch auch einkaufen oder sich mit anderen Kindern streiten kann?

          „Die Regeln sind eine gute Richtlinie“, meint die Sprachwissenschaftlerin Elke Montanari, die selbst drei mehrsprachige Kinder hat, „aber sie funktionieren besser, wenn sie an die jeweilige Familie angepaßt werden.“ Vor einigen Jahren hieß es noch, doppelter Erstsprachenerwerb würde die Kinder überfordern. Heute erhoffen sich viele im globalisierten Karrierekampf einen unschätzbaren Vorteil. Tatsache ist: Mehrsprachige Kinder sind so unterschiedlich wie einsprachige. Sie reden nicht später und nicht früher. Sie sind weder flexibler noch intelligenter, noch dümmer. Und sie haben genauso häufig und genauso selten Schwierigkeiten beim Sprechen, Lesen und Schreiben wie ihre Altersgenossen.

          Die Erwachsenen reden immer schneller - und weniger

          Diese Schwierigkeiten aber, heißt es, nähmen zu: Immer mehr Schulanfänger hätten einen zu kleinen Wortschatz, könnten keine Sätze nachsprechen, nur wenige Lieder und gar keine Gedichte. Sie würden nuscheln, zu leise reden und verstünden nicht, was man ihnen erklären will.

          „Migrationshintergründe“ werden häufig als Ursache genannt, vielleicht auch, daß die Erwachsenen immer schneller und immer weniger miteinander reden. Oder es wird die akustische Umweltverschmutzung ins Feld geführt: Wenn sich in den ersten Lebensmonaten die Nervenverbindungen im Gehirn zur Unterscheidung von Tönen entwickeln, können Radio, Fernsehen, Spieluhr, Straßenlärm oder Staubsauger dies erschweren.

          Sprachloser Nachwuchses

          Ein möglicher Grund für die beklagte Sprachlosigkeit des Nachwuchses könnte aber auch sein, daß in den vergangenen Jahren sehr genau hingeschaut wurde. Wer akribisch nach Abweichungen von der festgelegten Norm sucht, der findet natürlich auch welche. In internationalen Vergleichsstudien sollen dagegen seit rund dreißig Jahren unverändert ein Viertel der Kinder leichte Probleme mit der Sprache haben, fünf bis zehn Prozent schwere. Die Dortmunder Sozialpädagogin Lilian Fried befaßt sich seit langem mit Sprachstandserfassungen und hält den Streit um „mehr oder nicht“ schlicht für müßig. „Viel wichtiger ist es, herauszufinden, wie und mit welchen Hilfen sich diese Kinder unbeeinträchtigt weiterentwickeln können.“

          „Die meisten Eltern spüren ganz gut, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll“, sagt Monika Rausch aus Erfahrung. Sie werden aufmerksam, wenn das Kind nicht auf Geräusche reagiert, wenn es sich nicht erschreckt, obwohl gerade ein Topf vom Tisch gescheppert ist, oder wenn es nach der Brabbelphase verstummt, statt mit dem Silbenbilden anzufangen. Oft ist ein Hörschaden die Ursache. Je früher behandelt, desto weniger verzögert er die Sprachentwicklung.

          Heißt es mit drei Jahren noch „Lollmops“?

          Einige Kinder haben auch eine „spezifische Sprachentwicklungsstörung“. Das meint im Grunde lediglich, daß ein körperlich und geistig gesundes Kind deutlich langsamer und schlechter sprechen lernt als der Durchschnitt, ohne daß die Mediziner genau wüßten, warum. Und wenn ein Zweijähriger noch immer nicht die üblichen fünfzig Wörter kann und nicht jeden Tag vier neue dazulernt? Wenn eine Dreijährige noch „Lollmops“ sagt und „tabbeln“? Der Vierjährige noch immer keine Nebensätze verwendet? Meist ist das Kind nicht krank, nicht dumm und nicht vernachlässigt, sondern eben ein bißchen hinterher.

          Von starren Altersgrenzen hält Monika Rausch wenig, weder nach oben noch nach unten. So gilt häufig, daß ein zweijähriges Kind, das stottert oder lispelt, normal entwickelt ist, ein vierjähriges dagegen behandlungsbedürftig. Viel wichtiger sei, sagt die Logopädin, ob das Stottern im Eifer des Erzählens passiere (weil es ja so „laut, laut, laut, laut war, als der B-B-Bagger kam“). Oder ob es für alle schon zu einem Problem geworden sei, wenn das Kind sich abmüht, flüssig zu sprechen, und die Eltern zusammenzucken, weil doch nur wieder „A-A-A-A-Autofahren“ daraus geworden ist.

          Der Zungenbrecher braucht seine Zeit

          „Unglücklicherweise neigen gerade besorgte Eltern dazu, so verkrampft und korrigierend auf das Kind zu reagieren, daß dies seine Sprechfreude verliert“, sagt Lilian Fried. Und rät, sich zumindest kurz zu informieren, damit nicht aus einem Fehler, der noch gar keiner ist, einer wird. Das Sprechen fördert man nämlich nicht unbedingt dadurch, daß man die Aussprache trainiert, sondern manchmal besser dadurch, daß man Mehlpusten, Kirschkernspucken, Kaugummikauen, Singen oder Tanzen übt. Der weitaus häufigste Normalfall ist aber, daß Kinder Sprechen und Sprache wie nebenbei lernen. Mit einer Leichtigkeit, die Eltern neidisch werden läßt.

          Ein Trost: Kinder gehen auch nicht nur einmal in der Woche in die Volkshochschule, sondern brauchen insgesamt viele Jahre, bis sie Zungenbrecher, Zeitebenen und den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend kennen und beherrschen.

          Und ein Tip: Diese Leichtigkeit kann man sich sogar zum Vorbild nehmen, wenigstens ein wenig. Pauls Vater zum Beispiel hatte zur Urlaubsvorbereitung türkische Lieder gehört, seine Selbstgespräche auf türkisch geführt, türkische Zeitungen gelesen und türkisches Fernsehen gesehen und die Kenntnisse obendrein jeden Samstag beim Gemüsehändler um die Ecke ausprobiert. Paul war immer dabei. Im Urlaub ist die Familie dann bestens zurechtgekommen. „Wir hatten ja Paul“, erzählt die Mutter und lacht. „Der hat eingekauft und im Restaurant bestellt, nach Toiletten gefragt und nach Eintrittspreisen.“

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