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Die lieben Kleinen (9) : Von Dadada bis Fischers Fritz

  • -Aktualisiert am

Guter Anfang, denn die korrekte Zuordnung kommt schon noch Bild: F.A.Z. - Isabel Klett

Das erste Wort sollte „Papa“ sein. Doch Kinder, die Sprechen lernen, sind unberechenbar: In einem Punkt sind Kinder die reinsten Genies - sie lernen Sprachen wie nebenbei. Vorausgesetzt natürlich, man redet mit ihnen.

          Ob Englisch im Schulunterricht, Spanisch im Job oder Chinesisch einfach mal zum Angeben - für Jugendliche und Erwachsene bedeutet Sprachenlernen fast immer pauken, üben und sich mühen. Wie leicht klappt das dagegen bei Kindern. Sie kommen praktisch von allein dahinter, obwohl sie nicht nur die Sprache, also Vokabeln, Grammatik, Betonung und Aussprache, sondern außerdem überhaupt erst einmal sprechen lernen müssen.

          Das heißt für die Kleinen im einzelnen: richtig atmen, die von den Stimmbändern erzeugten Töne mit Zunge, Gaumen, Zähnen und Lippen in Laute und Worte formen, dabei mehr als hundert Muskeln koordiniert lockern, hochziehen, loslassen, anspannen. Und das in einem Alter, in dem Kinder weder bis drei zählen noch sich selber die Schuhe zubinden können. Wie machen sie das bloß?

          Kinder, mit denen nie einer spricht, reden nicht

          Lange haben Wissenschaftler überlegt, beobachtet, dokumentiert. Und darüber gestritten, ob Sprache lediglich ein genetisches Programm ist - schließlich können auch taube Kinder sprechen lernen. Oder ob es sich um pure Nachahmung handelt. Denn Kinder, mit denen nie einer spricht, reden nicht. Gegenwärtiger Stand der Forschung: Beides stimmt. Jedes gesunde Kind bringt Ohr und Hörnerven mit auf die Welt und verfügt über Bereiche im Gehirn, die Sprache verarbeiten und produzieren können. Jedes Kind kann damit jede Sprache dieser Welt lernen. Aber nur, wenn diese Anlagen auch benutzt werden, wenn das Kind Wörter hört, mit einer Bedeutung verbinden, speichern und anschließend selbst reproduzieren kann.

          Zuständig für den Input sind zunächst die Eltern. Praktischerweise verhalten sich Erwachsene in fast allen Kulturen dieser Welt instinktiv so, wie es für die Sprachentwicklung des Kindes am besten ist. Dieses Verhaltensprogramm startet mit der sogenannten Ammensprache: Die Eltern reden viel, mit hoher Stimme, übertrieben betont, langsam und in einfachen Sätzen mit ihrem Kind. Sie sagen, was sie tun, und sie tun, was sie sagen (“Jetzt ziehen wir noch die Söckchen an“). Immer und immer wieder. So kann das Kind nach und nach bestimmte Laute mit bestimmten Dingen und Handlungen verbinden.

          Die Klassiker „Mama“ und „Papa“ sind eher selten

          Übrigens hören Kinder schon im Bauch mit, allerdings sehr gedämpft, vielleicht so wie wir mit dem Kopf unter Wasser in der Badewanne. Nach der Geburt bevorzugen sie die Stimme ihrer Mutter und können ihre Muttersprache von fremden unterscheiden. Darauf festgelegt sind sie nicht: In den ersten Lebensmonaten lallen und brabbeln und gurren alle Kinder das gleiche, ob in Afrikaans, Arabisch oder Deutsch. Nach und nach konzentrieren sich die Kinder dann auf die Laute, die sie tagtäglich hören. Zufällig entschlüpfte Silben üben sie wieder und wieder: „baba“, „ma“, „nenene“, plappern bald ein Kauderwelsch, das in Rhythmus und Tonfall genau der Umgebungssprache entspricht.

          Das erste Wort sprechen sie im Schnitt mit ein bis anderthalb Jahren. Manche Kinder artikulieren bereits mit acht Monaten, andere erst lange nach dem zweiten Geburtstag. Die Klassiker „Mama“ und „Papa“ sind in Wahrheit eher selten: Martha beispielsweise sagte als erstes „da“, Maria „Blill“, was Brille heißen sollte, Rita „nein“, Elmar „ja“, Tristan „Auto“, Ada „Teddy“, Bruno „mehr“ und Paul „tschüs“.

          Lesen, singen, reimen, blödeln

          Die Eltern wechseln dann zu Teil zwei des Verhaltensprogramms. Sie reden über alles, was gerade zu sehen, zu hören, zu riechen und zu fühlen ist, über den Ausflug am Nachmittag und den geplanten Besuch bei den Großeltern. Sie lesen, singen, reimen und blödeln. Und lassen das Kind vor allem dann in Ruhe, wenn es nicht „Himpelchen und Pimpelchen“ singen und auch nicht der Oma erzählen will, wie es im Zoo war.

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