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Die lieben Kleinen (9) : Von Dadada bis Fischers Fritz

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Sprachloser Nachwuchses

Ein möglicher Grund für die beklagte Sprachlosigkeit des Nachwuchses könnte aber auch sein, daß in den vergangenen Jahren sehr genau hingeschaut wurde. Wer akribisch nach Abweichungen von der festgelegten Norm sucht, der findet natürlich auch welche. In internationalen Vergleichsstudien sollen dagegen seit rund dreißig Jahren unverändert ein Viertel der Kinder leichte Probleme mit der Sprache haben, fünf bis zehn Prozent schwere. Die Dortmunder Sozialpädagogin Lilian Fried befaßt sich seit langem mit Sprachstandserfassungen und hält den Streit um „mehr oder nicht“ schlicht für müßig. „Viel wichtiger ist es, herauszufinden, wie und mit welchen Hilfen sich diese Kinder unbeeinträchtigt weiterentwickeln können.“

„Die meisten Eltern spüren ganz gut, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll“, sagt Monika Rausch aus Erfahrung. Sie werden aufmerksam, wenn das Kind nicht auf Geräusche reagiert, wenn es sich nicht erschreckt, obwohl gerade ein Topf vom Tisch gescheppert ist, oder wenn es nach der Brabbelphase verstummt, statt mit dem Silbenbilden anzufangen. Oft ist ein Hörschaden die Ursache. Je früher behandelt, desto weniger verzögert er die Sprachentwicklung.

Heißt es mit drei Jahren noch „Lollmops“?

Einige Kinder haben auch eine „spezifische Sprachentwicklungsstörung“. Das meint im Grunde lediglich, daß ein körperlich und geistig gesundes Kind deutlich langsamer und schlechter sprechen lernt als der Durchschnitt, ohne daß die Mediziner genau wüßten, warum. Und wenn ein Zweijähriger noch immer nicht die üblichen fünfzig Wörter kann und nicht jeden Tag vier neue dazulernt? Wenn eine Dreijährige noch „Lollmops“ sagt und „tabbeln“? Der Vierjährige noch immer keine Nebensätze verwendet? Meist ist das Kind nicht krank, nicht dumm und nicht vernachlässigt, sondern eben ein bißchen hinterher.

Von starren Altersgrenzen hält Monika Rausch wenig, weder nach oben noch nach unten. So gilt häufig, daß ein zweijähriges Kind, das stottert oder lispelt, normal entwickelt ist, ein vierjähriges dagegen behandlungsbedürftig. Viel wichtiger sei, sagt die Logopädin, ob das Stottern im Eifer des Erzählens passiere (weil es ja so „laut, laut, laut, laut war, als der B-B-Bagger kam“). Oder ob es für alle schon zu einem Problem geworden sei, wenn das Kind sich abmüht, flüssig zu sprechen, und die Eltern zusammenzucken, weil doch nur wieder „A-A-A-A-Autofahren“ daraus geworden ist.

Der Zungenbrecher braucht seine Zeit

„Unglücklicherweise neigen gerade besorgte Eltern dazu, so verkrampft und korrigierend auf das Kind zu reagieren, daß dies seine Sprechfreude verliert“, sagt Lilian Fried. Und rät, sich zumindest kurz zu informieren, damit nicht aus einem Fehler, der noch gar keiner ist, einer wird. Das Sprechen fördert man nämlich nicht unbedingt dadurch, daß man die Aussprache trainiert, sondern manchmal besser dadurch, daß man Mehlpusten, Kirschkernspucken, Kaugummikauen, Singen oder Tanzen übt. Der weitaus häufigste Normalfall ist aber, daß Kinder Sprechen und Sprache wie nebenbei lernen. Mit einer Leichtigkeit, die Eltern neidisch werden läßt.

Ein Trost: Kinder gehen auch nicht nur einmal in der Woche in die Volkshochschule, sondern brauchen insgesamt viele Jahre, bis sie Zungenbrecher, Zeitebenen und den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend kennen und beherrschen.

Und ein Tip: Diese Leichtigkeit kann man sich sogar zum Vorbild nehmen, wenigstens ein wenig. Pauls Vater zum Beispiel hatte zur Urlaubsvorbereitung türkische Lieder gehört, seine Selbstgespräche auf türkisch geführt, türkische Zeitungen gelesen und türkisches Fernsehen gesehen und die Kenntnisse obendrein jeden Samstag beim Gemüsehändler um die Ecke ausprobiert. Paul war immer dabei. Im Urlaub ist die Familie dann bestens zurechtgekommen. „Wir hatten ja Paul“, erzählt die Mutter und lacht. „Der hat eingekauft und im Restaurant bestellt, nach Toiletten gefragt und nach Eintrittspreisen.“

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