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Die lieben Kleinen (9) : Von Dadada bis Fischers Fritz

  • -Aktualisiert am

Sprechen üben (“Das heißt nicht Topf, sag mal Kopf. . . nein, Kopf“) ist nicht nur langweilig und demotivierend, es nützt auch nichts. „Das Kind würde es schon richtig sagen, wenn es das könnte“, sagt Monika Rausch, Präsidentin des deutschen Logopädenverbandes. Oft hinkt einfach nur die Aussprache der Vorstellung von einer bestimmten Sache und der Kenntnis des Wortes hinterher. Die meisten Eltern helfen da ganz automatisch. Eigenkreationen wie „Adda Adda“, „Heia machen“, „Teita gehen“ oder „Lupapa“ für Staubsauger und Wortdreher wie „Damelante“ für Bademantel verschwinden nämlich schnell, wenn die Eltern nach wie vor das richtige Wort verwenden.

Satzbau und Grammatik kommen nach und nach

Ein halbes Jahr nach dem ersten Wort ist meist das Repertoire auf etwa fünfzig Begriffe angewachsen. Anfangs sind das überwiegend konkrete Hauptwörter wie Ball und Bär, Stuhl und Nase, dann Adjektive wie heiß und kalt, laut und leise, groß und klein, aus denen die Kinder Zwei- und Dreiwortkombinationen machen. Verben kommen später, ebenso Artikel und Fürwörter. Manche Kinder speichern auch ganze Sätze. Wie die zweijährige Maria. Die sagt oft, wenn sie beim Einkaufen ein Scheibchen Wurst geschenkt bekommt: „Ooohdasisjanett dankesehr“ - ohne zu wissen, was die einzelnen Wörter bedeuten. Satzbau und Grammatik kommen nach und nach.

„Möglicherweise bringen Kinder eine Art Grundgrammatik mit auf die Welt“, sagt der Freiburger Linguistik-Professor Jürgen Dittmann. „Möglicherweise programmiert sich aber durch Hören und Üben das Gehirn wie von selbst, ohne daß die Regeln den Kindern bewußt werden.“ Ob die Subjektposition nun immer besetzt sein muß oder das modifizierende Element vor dem zu modifizierenden steht - darüber kommt auch mancher Erwachsene ins Grübeln, obwohl er diese Regeln tagtäglich richtig anwendet und die Handvoll Vokale und Konsonanten ohne Schwierigkeiten zu einem prinzipiell unbegrenzten Wortschatz zusammensetzt.

Eine Person - eine Sprache

Übrigens lernen weltweit die meisten Kinder nicht nur eine, sondern zwei oder drei Sprachen. Deutschen Eltern werden dafür strengstens einzuhaltende Regeln empfohlen: eine Person, eine Sprache, also Mama deutsch, Papa spanisch. Oder eine Situation, eine Sprache: zu Hause türkisch, im Alltag deutsch. So einfach ist das aber selten: Wie sprechen die in Berlin aufgewachsene Holländerin und ihr italienischer Mann? Der französische Papa kommt meist erst kurz vorm Gutenachtsagen von der Arbeit - was dann? Und was, wenn der Kontakt mit dem rumänischen Teil der Familie nur spärlich ist und das Kind nie lernt, daß man mit Rumänisch auch einkaufen oder sich mit anderen Kindern streiten kann?

„Die Regeln sind eine gute Richtlinie“, meint die Sprachwissenschaftlerin Elke Montanari, die selbst drei mehrsprachige Kinder hat, „aber sie funktionieren besser, wenn sie an die jeweilige Familie angepaßt werden.“ Vor einigen Jahren hieß es noch, doppelter Erstsprachenerwerb würde die Kinder überfordern. Heute erhoffen sich viele im globalisierten Karrierekampf einen unschätzbaren Vorteil. Tatsache ist: Mehrsprachige Kinder sind so unterschiedlich wie einsprachige. Sie reden nicht später und nicht früher. Sie sind weder flexibler noch intelligenter, noch dümmer. Und sie haben genauso häufig und genauso selten Schwierigkeiten beim Sprechen, Lesen und Schreiben wie ihre Altersgenossen.

Die Erwachsenen reden immer schneller - und weniger

Diese Schwierigkeiten aber, heißt es, nähmen zu: Immer mehr Schulanfänger hätten einen zu kleinen Wortschatz, könnten keine Sätze nachsprechen, nur wenige Lieder und gar keine Gedichte. Sie würden nuscheln, zu leise reden und verstünden nicht, was man ihnen erklären will.

„Migrationshintergründe“ werden häufig als Ursache genannt, vielleicht auch, daß die Erwachsenen immer schneller und immer weniger miteinander reden. Oder es wird die akustische Umweltverschmutzung ins Feld geführt: Wenn sich in den ersten Lebensmonaten die Nervenverbindungen im Gehirn zur Unterscheidung von Tönen entwickeln, können Radio, Fernsehen, Spieluhr, Straßenlärm oder Staubsauger dies erschweren.

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