https://www.faz.net/-gwz-plsq

Die lieben Kleinen (4) : Festgezurrt vor Mutters Busen

  • -Aktualisiert am

Bild: Isabell Klett

Der Säugling ist von Natur aus ein Tragling. Er wird bei uns aber nur selten als solcher behandelt. Das ist schade, denn für die physische und psychische Entwicklung der Kleinen ist der Elternkörper optimal.

          Afrika, vor Tausenden und aber Tausenden Jahren: Durchs Savannengebüsch streift eine Horde Menschen, alt und jung. Die Allerjüngsten hocken eng an an ihre Mütter gekuschelt auf deren ausgeprägten Hüften, die etwas Größeren reiten auf Vaters breiten Schultern. Ob neugeboren oder im Krabbelalter, der Nachwuchs ist immer dabei, bis er selber laufen kann.

          Menschliche Säuglinge sind seit Urzeiten Traglinge. Anders als ein Nestflüchter kommen sie nicht fix und fertig zur Welt und trapsen nicht schon im Alter von wenigen Minuten der Mutter hinterher. Sie kuscheln sich aber auch nicht wie blinde und taube Nesthockerbabys in den heimischen Bau und dösen dort der Rückkehr ihrer Eltern entgegen. Schließlich ist der Mensch von Natur aus Nomade, und als Nomade schlief er jede Nacht woanders.

          Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen auch heute noch

          Auch die alten Ägypterinnen und die Maya-Frauen, die Indianersquaws oder Maria und Josef trugen ihre Kinder. Meist in Körben, Matten, Tüchern oder Netzen, um die Hände zum Arbeiten frei zu haben. Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen auch heute noch, hauptsächlich in den traditionell orientierten Kulturen Lateinamerikas, Asiens und Afrikas.

          Europa, Anfang des 19. Jahrhunderts: Britische Wagenmacher bauen die ersten, dreirädrigen Kinderwagen. Bald entwickelt sich die Erfindung vom Statussymbol der besseren Leute zum wahren Volkswagen. Tragen gilt rasch als ordinär und gerät irgendwann so gut wie in Vergessenheit. Jedenfalls bei den Eltern.

          Kümmerlicher Ersatz

          Aber auch moderne Babys haben das Tragling-Dasein noch im Blut, zum einen wegen ihrer kollektiven Entwicklungsgeschichte, zum anderen durch neun Monate Schaukeln im Mutterbauch. Selbst wenn sich die Hersteller noch so sehr um Bequemlichkeit bemühen: Der Kinderwagen schafft da nur kümmerlichen Ersatz.

          In den Armen eines vertrauten, warmen und atmenden Menschen getragen zu werden fühlt sich eben anders an, als einen Meter vor diesem hergeschuckelt zu werden, abgeschnitten von der Außenwelt durch ein dickes Federkissen. So manches Baby läßt sich nicht täuschen, weint und weint, sobald es hingelegt wird, und mag auch Schnuller, Schnuffeltuch und Spieluhr nicht als Ersatz für Mutters Nähe akzeptieren.

          Die Hyänen warteten schon

          Der kleine Konstantin zum Beispiel wollte immer nur auf Mamas Arm. Trinken, schlafen oder einfach zuschauen, was die so machte. „Sonst war er ein richtiger Schreiteufel“, sagt seine Mutter. Kein Wunder, sagen Ethnologen und Verhaltensbiologen: Der Brauch, Babys die meiste Zeit des Tages abzulegen, ist nicht viel älter als der erste Kinderwagen.

          Das ist nichts, verglichen mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen. Lange Jahrtausende hindurch bedeutete es höchste Gefahr, alleine auf dem Rücken zu liegen, keine Bewegung, keinen Körperkontakt zu spüren. Hunger drohte, die Hyänen warteten schon, und Schreien war die einzige Chance, wiedergefunden zu werden, bevor die Horde weiterzog. Das sichere Bettchen existiert in Babys Vorstellung also erst mal nicht - auch wenn sich ältere Kinder später gerne daran gewöhnen.

          Die Eltern waren begeistert

          Weitere Themen

          Das Schöne, Wahre und Schmutzige Video-Seite öffnen

          Physikästhetik : Das Schöne, Wahre und Schmutzige

          Seit 400 Jahren lassen Physiker sich bei der Suche nach brauchbaren Theorien über die Natur von ästhetischen Erwägungen leiten. Heute wird bezweifelt, ob das grundsätzlich eine gute Idee ist. Zu Unrecht.

          Topmeldungen

          Boris Johnson im Januar während einer Rede in Dublin

          Sorgen in der Wirtschaft : Zittern vor Boris Johnson

          Der Hardliner ist in Großbritannien der Favorit für die Nachfolge von Theresa May. Das lässt Unternehmen bangen: Er strebt einen No-Deal-Brexit an – ohne Rücksicht auf Verluste.
          „Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“

          Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

          Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden.
          Ende Oktober 2018 steht Damian Boeselager, einer der Gründer der proeuropäischen Partei Volt, in Amsterdam bei einer Kundgebung auf der Bühne

          Kleinpartei vor Europawahl : Viel ge-Volt

          Große Versprechen, großer Idealismus: Volt ist proeuropäisch und tritt in acht Ländern zur Europawahl an. Wer ist die Kleinpartei, die es erreichte, dass der „Wahl-O-Mat“ kurzzeitig offline ging?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.