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Die lieben Kleinen (4) : Festgezurrt vor Mutters Busen

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Leider wird das entsprechende Know-how nicht mehr wie Gutenachtlied oder Fingerspielreim von Generation zu Generation vererbt. Wer versucht, sich selbst, das Kind und die bis zu 5,20 Meter Stoff nur anhand der mitgelieferten Anleitung in die Wickelkreuz- oder die Känguruhtrage zu schlingen, wird schier verzweifeln. Auch Tragebeutel, die im ersten Moment einfacher zu handhaben sind, können unerwartete Tücken zeigen - ganz abgesehen davon, daß sie nicht mitwachsen und sich später auch nicht wie ein Tuch als Picknickdecke oder Hängematte verwenden lassen.

Richtig binden

Bei allen Tragehilfen gilt: Falsch geschnallt oder geschnürt (zu locker, zu tief, zu hoch) - schon pendelt das Köpfchen bei jedem Schritt. Und statt sich gehockt an Papas Bauch zu schmiegen, baumeln Babys Beine vor seinen Oberschenkeln herum. Auch die zur Zeit sehr beliebte Variante, das Kind mit Blick nach vorne vor dem Bauch zu tragen, ist vom orthopädischen Standpunkt nicht zu empfehlen. Das Kind wird dabei ins Hohlkreuz gedrückt, die Beine hängen, und das Gewicht trägt nicht der windeldicke Po, sondern bei Mädchen das noch weiche Schambein, bei Jungen die Hoden.

Die Eltern sollten auch auf sich selber aufpassen: Ein Neugeborenes ist zwar fürs Tragen wie geschaffen, ein zivilisierter Schreibtischmensch aber nicht mehr. Also heißt es richtig binden - den Schwerpunkt möglichst nah und hoch am Körper. Und mit kurzen Tragezeiten anfangen, aber dafür sofort und regelmäßig. Die Muskeln passen sich dann, ähnlich wie im Fitnessstudio, dem wachsenden Gewicht des Kindes an. In einem Jahr von drei auf zehn Kilo ist ein akzeptables Trainingsziel.

Ohnehin ist die tägliche Tragedauer in vielen Studien über die positiven Wirkungen auf Körper, Seele und Geist auf eine halbe Stunde täglich begrenzt. Mütter, die ihre Babys nur selten tragen - beispielsweise weil der pralle Stillbusen ständig schmerzt, die Kaiserschnittnarbe schlecht heilt, weil Mutter und Kind einzeln schon genug in der Sommerhitze schwitzen oder weil es Drillinge sind -, brauchen also kein schlechtes Gewissen zu haben.

Auf den „bewegten Körperkontakt“ kommt es an

Auch jene Eltern nicht, die ganz und gar auf Indianertuch oder futuristische Rückenkiepe verzichten. Nach Anja Manns ist Tragen in erster Linie „bewegter Körperkontakt“. Auf den kommt es an, und den erlebt mehr oder weniger jedes Kind, sei es im Fliegergriff, als Hoppe-Hoppe-Reiter, wenn es in den Schlaf gewiegt wird oder Mama beim Telefonieren auf der Hüfte sitzt.

Konstantins Eltern haben in der ersten Euphorie den Kinderwagen in den Keller verbannt, ihn aber nach ein paar Monaten wieder hochgeholt, wie sie sich lachend erinnern. Im Großstadtdschungel eigne sich das kombinierte Modell besser als „pure Ursprünglichkeit“.

Denn ein Kinderwagen ist schon prima zum Einkaufen, egal ob Milch und Waschmittel oder das Kind drin liegen. Und als praktisches Reisebett, beim Joggen oder um das Kind samt Badezeug zum Babyschwimmen zu kutschieren, eignet er sich auch sehr gut. Beim Wandern, Zugfahren oder als „Für den Notfall immer dabei“-Utensil ist dagegen das Tuch unschlagbar.

Vorbeikommende Hunde befingern

Als Konstantin ein halbes Jahr alt war, wollte er immer weniger ins Tuch, sondern sich bewegen, Finger, Zehen, Nasenlöcher und die Welt entdecken. Und seit er laufen kann, zieht er - Tragling hin, Tragling her - den Buggy eindeutig vor: Er kann rein und raus, wie er will, kann Bär Edith und stapelweise Bilderbücher einpacken. Und er sitzt genau in der richtigen Höhe, um vorbeikommende Hunde zu befingern.

Es sich so bequem wie möglich zu machen steckt der Menschheit offenbar ebenso in den Genen wie das kollektive Bild vom Getragenwerden.

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