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Die lieben Kleinen (11) : Komm, Brüderlein, komm...

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Endlich ein Spielkamerad, der einem viel ähnlicher ist als die Erwachsenen Bild: F.A.Z. Isabell Klett

Geschwister sind Rivalen um die Liebe der Eltern - und Freunde fürs Leben. Wenn Nesthäkchen zu Sandwichkindern werden, kann es Wut und Tränen geben. Was hilft, wenn der Neid die Freude überwiegt?

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          „Will lieber einen Hund“, sagte Moritz, als seine Mama und sein Papa ihm feierlich eröffneten, daß bald ein Geschwisterchen kommen würde. Rannte dann doch juchzend zur Haustür, schauen, ob der neue Spielkamerad schon draußen wartet. Und heulte los, weil da niemand war. Mama und Papa begannen zu grübeln. Hatten sie nicht jüngst gelesen, Eltern seien „zentral verantwortlich für das Verhältnis der Geschwister“? Hatten sie also schon alles vermasselt? Den passenden Moment, die Art der Verkündigung, den Altersunterschied nicht bedacht?

          Sogar Eltern, die ihr Fortpflanzungsverhalten völlig im Griff haben, werden den idealen Zeitpunkt für ein Geschwisterkind nicht treffen - weil es ihn nicht gibt. Je kleiner der Altersabstand, desto inniger sind die Geschwister zwar häufig verbunden, perfekte Spielkameraden, von denen keiner bewußte Erinnerungen an die Zeit ohne den anderen hat. Aber weil sie so nah beieinander und sich deshalb so ähnlich sind, gibt es auch viel Gerangel und Geschrei. Und für die Eltern gibt es gleich zwei Kinder zu füttern und zu wickeln, zu tragen, zu schieben, zu trösten und rund um die Uhr zu beaufsichtigen. „Die beiden machen noch nicht mal zur gleichen Zeit Mittagsschlaf“, sagt die Mutter des zweijährigen Tristan und der acht Monate alten Senta. Je größer der Abstand auf der anderen Seite ist, desto pflegeleichter und selbständiger ist das erste natürlich. Die Windeln sind weg, die Zähne alle da, es geht vielleicht schon in den Kindergarten oder in die Schule. Die Eltern allerdings beginnen von vorne mit Schnullern und Lätzchen.

          Den idealen Zeitpunkt gibt es nicht

          Gern werden in dieser Frage sogenannte Geschwisterreihungstheorien zitiert. Erstgeborene kommandieren demnach ihre jüngeren Geschwister und werden deshalb automatisch verantwortungsbewußt und autoritär. Und obendrein sehr ehrgeizig, weil sie die Erwartungen der Eltern erfüllen wollen. Sie mögen Zahlen, Listen und Statistiken, werden Nobelpreisträger oder erster Mann auf dem Mond. Ähnlich ist das bei Einzelkindern. Die sind zusätzlich noch egozentrisch, weil sie kein sogenanntes Entthronungstrauma erleben und die Liebe der Eltern nicht teilen mußten.

          Zweitgeborene merken angeblich bald, daß der große Bruder schon laufen, springen, sprechen, aus der Tasse trinken, lesen und ohnehin alles besser kann. Und werden demzufolge faul oder kreativ. Und fröhlich. Bis eventuell ein drittes kommt. Das wird dann das fröhliche Nesthäkchen, und das zweite wird zum Sandwichkind. Es wird dann gerne Mannschaftssport betreiben und - von den Großen geschulmeistert, von den Kleinen herausgefordert - für den Lebenskampf besonders gut gerüstet sein.

          Vom Nesthäkchen zum Sandwichkind

          Das alles sagen Computerprogramme, die aus Tausenden Geburtsdaten, Jahreseinkommen, Familienverhältnissen und Charaktereigenschaften statistische Zusammenhänge errechnet haben. Aber haben die Älteren häufiger „materiellen Besitz“ und die Jüngsten ein „hohes Risiko für Sucht und Kriminalität“, nur weil die einen tüchtig und charakterfest sind und die anderen eben nicht? Oder erben die Großen den Hof beziehungsweise die Firma und verführen dadurch die Kleinen zum Klauen? Das sagt der Computer nicht.

          Erfunden hat die Geschwisterreihungstheorie vor rund hundert Jahren der Psychologe Alfred Adler. Selbst der staunte bald darüber, welche Automatismen einige seiner Kollegen aus seinen Einzelfallbeschreibungen ableiten wollten. Heute sind sich seriöse Familienforscher einig, daß es keinen einfachen Zusammenhang zwischen Geburtstag, Charakter und Kontostand gibt. Sicherlich aber bleiben „spezifische, sich mehr oder weniger gleichbleibend wiederholende Situationsbedingungen, die wiederum fördernd auf die Entwicklung gewisser Eigenschaften wirken“. Und aus diesen lassen sich doch einige Lehren für den Alltag einer wachsenden Familie ziehen.

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