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Die lieben Kleinen (10) : Mama oder Krippentante?

  • -Aktualisiert am

Fingerspitzengefühl bei der Kinderbetreuung Bild: F.A.Z.-Isabell Klett

Klar ist: Die ideale Betreuung eines Kleinkinds gibt es nicht. Die optimale hängt vom Einzelfall ab. Und von der Nachbarschaft. Ein Überblick über die wichtigsten Aspekte bei der Betreuung von Kindern.

          Es scheint so einfach: Hätte jedes deutsche Kind Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz von morgens halb sieben bis abends um elf, und das ab der sechsten Lebenswoche bis zum Beginn der Ganztagsschule, gäbe es dazu firmeneigene Notbabysitter, falls die Krippe Ferien hat oder Mama und Papa Überstunden machen - dann, so klingt es in der familienpolitischen Debatte, wäre allen geholfen.

          Den Eltern, die Kinder und Karriere unter den berühmten einen Hut bekämen. Den Rentenkassen und dem Standort Deutschland, weil sich die begehrten bildungsnahen Schichten zahlreicher fortpflanzen würden. Und dem Aufschwung, weil keine komplizierten Modelle aus Elternzeitvertretungen und Teilzeitstellen die Unternehmen mehr am Wertschöpfen hindern würden.

          Die Bindungstheorie

          Abgesehen davon, daß es so einfach wohl nicht ist - haben Politiker, Demographen und Ökonomen mal gefragt, was die Kinder wollen? Ein zwölf Wochen altes Baby, eine Zweijährige, ein Erstkläßler?

          Schon recht, direkte Aussagen sind da nur schwer zu bekommen. Aber es gibt ja auch Psychologen, Pädagogen, Soziologen. Und die erklären einem meist erst einmal die Bindungstheorie, deren Kenntnis unerläßlich für das Verständnis der kindlichen Bedürfnisse sei: Das noch hilflose Junge der Menschen bindet sich an ein, zwei, vielleicht auch drei ältere Vertreter seiner Art - die sogenannten Bezugspersonen. Die ernähren, umsorgen, beschützen das Kleine und erklären ihm die Welt. Babys und Kleinkinder - meist heißt es „bis drei“ - brauchen diese Liebe und Sicherheit immer und überall zum schieren Überleben. Ältere Kinder wagen sich dann schon eher allein ins Leben. Wichtig ist aber, daß die Bezugsperson wie eine Fluchtburg immer erreichbar ist, wenn die Kinder sich von ihren Abenteuern erholen müssen.

          Bloß keine Langeweile

          Diese Bindung entsteht über Wochen und Monate durch regelmäßige Zuwendung und beständige Fürsorge. Bezugsperson muß also nicht immer nur die Mama sein. „Ausschließliche Mutterbetreuung ist ohnehin eine historische Ausnahme“, sagt die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Lieselotte Ahnert, die ferne, einfache und vergangene Kulturen untersucht hat. Normal war und ist in der ganzen Welt das soziale Netz: Ältere Geschwister, Tanten, Nachbarn oder Großeltern kümmern sich um das Baby, wenn Mutter oder Vater auf dem Feld sind, in der Fabrik oder beim Zahnarzt. Oft mehr als die Hälfte des Tages.

          Und das ist gut so, denn mit anderen Menschen macht das Kind neue und andere Erfahrungen. Die eine Tante hat drei Pferde und eine Katze, die andere kennt ganz viele Kinderlieder, und in Omas Garten gibt es immer etwas zu gießen und zu ernten. „Langweilen will sich schließlich auch ein Zweijähriger nicht“, sagt Martin Textor vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik. Bei aller Liebe, die er hauptsächlich braucht.

          „Irrationale Liebe“

          Und beim Modell „Soziales Netz“ bekommt es die gleich noch dazu, denn es paßt ja nicht irgendwer auf das Kind auf, sondern jemand, der den kleinen Schatz genauso wie die Eltern für etwas ganz, ganz Besonderes hält und es den ganzen Tag knutscht und knuddelt. „Irrationale Liebe“ nennen Experten das - und viele halten sie für sehr wichtig, damit sich ein Kind gut entwickeln kann.

          Die Familie im weitesten Sinne ist also der normale Ort, in dem ein Kind aufwächst. Ist es der ideale? Da mögen sich wenige festlegen. Fast niemand allerdings behauptet das Gegenteil: daß außerfamiliäre Kleinkindbetreuung besser sei. Ausnahme sind sicherlich vernachlässigte, verwahrloste Kinder, für die Sauberkeit, regelmäßiges Essen und ein freundlicher Umgangston eine Wohltat sein dürften.

          Ideal ist relativ

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