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Samtpfoten-Psychologie : Die Katze kennt ihren Namen

Britischer Langhaar-Kater Bild: Mauritius

Hauskatzen sind Individualisten, aber alles andere als indifferent. Und auch wenn sie keine Luftsprünge machen wie Hunde, sie hören gerne ihren Namen – sogar von Fremden.

          In den neuneinhalb tausend Jahren, die der Mensch inzwischen mit der Katze als Haustier verbringt, ist viel passiert: eine ganz besonders ausgeprägte Mensch-Tier-Beziehung hat sich entwickelt, die zugegebenermaßen nicht durchweg als glücklich empfunden wird. Vielleicht ist es sogar die ambivalenteste Liebe zum Tier überhaupt. Katzenhasser gibt es überall, Katzenkritiker findet man viele unter den Hundefreunden, die ihren Vierbeiner oft als sozialer und zugänglicher einschätzen, und unter den Naturfreunden, die der Katze mit ihrem gut erhaltenen Jagdinstinkt einen Massenmord an Gartenvögeln vorhalten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das alles aber hat die Zuneigung vieler Menschen zur Katze und zum Kater nicht nachhaltig eingedämmt: Weltweit gibt es  heute schätzungsweise 600 Millionen Hauskatzen, und in einigen Kulturen wie der japanischen stellt die Katzenliebe auch die Hundeliebhaberei in den Schatten: 9,5 Millionen Katzen leben in japanischen Haushalten gegenüber 8,9 Millionen Hunden.

          Deshalb ist es auch nur konsequent, dass es vor allem japanische Wissenschaftler sind, die sich der so oft interpretierten und doch so wenig systematisch erforschten Psyche der Hauskatze annehmen. In der Zeitschrift „Scientific Reports“ berichtet jetzt eine Gruppe von Verhaltens- und Hirnforschern der Tokio-Universität über den Versuch, etwas mehr über die Kommunikationsfähigkeiten der Hauskatze, wissenschaftlich: Felis catus, herauszufinden.

          Dieser Blick!

          Dass die Tiere, wenn sie hungrig sind und betteln, den Menschen ganz besonders genau beobachten, zuhören, und in unseren Gesichtern Stimmungen förmlich zu lesen vermögen, weiß jeder erfahrene Katzenhalter – und ist auch wissenschaftlich aktenkundig. Fürchtet sich die Katze oder der Kater, auch dies ist in Experimenten empirisch gezeigt worden, suchen Katzen ganz überwiegend den Blickkontakt zum Menschen. Und auch die Erfahrung, dass Katzen ähnlich wie Hunde generell auf Stimmungen ihrer Herrchen und Frauchen reagieren, macht jeder, der eng mit Katzen zusammen lebt.

          Was allerdings häufig gar nicht so klar ist, und was die Hauskatze deutlich vom Hund unterscheidet, gleich welcher Rasse, ist die Frage, wie wichtig den Katzen eine persönliche Ansprache – der Name – ist. – Hunde reagieren darauf immer. Hunde verstehen und begreifen viele Wörter,  einigen der Vierbeiner wird nachgesagt, durch Training zweihundert bis tausend Begriffe unterscheiden zu können.

          Katzen dagegen wirken auf Ansprache häufig desinteressiert, stoisch, indifferent. Manche heben den Kopf, einige springen auf, doch oft genug lassen sie nicht einmal durch ein Zucken erkennen, dass sie sich angesprochen fühlen, sobald ihr Name fällt. Der Eindruck jedoch täuscht. Die japanischen Forscher haben in Experimenten sowohl  mit einzeln gehaltenen Hauskatzen  als auch mit solchen, die in „Katzen-Cafés“ in Gruppen gehalten werden, sehr wohl eine Sensibilität für den eigenen Namen nachgewiesen. Katzen wissen demnach ganz genau, wenn man sie beim Namen nennt, und dabei ist es gleichgültig, ob der Name vom Frauchen oder vom Fremden geäußert wird.

          Die Wissenschaftler haben das Namensverständnis von 78 Katzen systematisch geprüft. Entscheidend war die Frage, ob sie ihren eigenen Namen von anderen Namen und Wörtern unterscheiden können. Gemessen wurde die Reaktion jeweils durch genaues Hinsehen und Hinhören: Bewegungen mit den Ohren, auch kleinere Zuckungen, ebenso mit Kopf und Schwanz oder auch das Schnurren, wurden registriert und daraufhin ausgewertet, ob sie als das Quittieren des eigenen Namens gewertet werden können. Der Name wurde dabei jeweils hinter dem Aufsagen einiger anderer Wörter ausgesprochen. Das konnten beliebige Begriffe aus der Lebenswelt sein, aber eben auch Namen anderer Katzen. Die Ergebnisse dieses systematischen „Abfragens“ sind eindeutig: Die Tiere reagieren erst auf ihren Namen, alles andere lässt sie sehr viel kälter, und sie reagieren auch dann noch, wenn die Namen – auch durchaus ähnliche – anderer Katzen aufgesagt werden. Dabei zeigten sich Unterschiede zwischen den einzeln gehaltenen Katzen und den „Café“-Katzen: Die in Gruppen lebenden Katzen reagieren statistisch seltener, wenn ihr Name fällt, offenbar, so die Interpretation der Verhaltensforscher, weil sie ihre Namen öfter mit den Namen bestimmter anderer Katzen hören und nur dieses Namenskollektiv mit einer Belohnung (oder Bestrafung) verbinden.

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