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Schädlinge : Die ausgebuffte Taktik der Pfirsichblattlaus

  • -Aktualisiert am

Eine Grüne Pfirsichblattlaus in siebzigfacher Vergrößerung Bild: Science Photo Library

Die winzigen Insekten saugen nicht nur den Lebenssaft einer Pflanze auf. Sie schleusen auch spezielle RNA ein, mit denen sie ihren Wirt gefügig machen.

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          Blattläuse sind oft ein Ärgernis, für Landwirte ebenso wie für Hobbygärtner: Kaum sind sie da, vermehren sie sich rapide. Eine hohe Reproduktionsrate – meist ohne Sex durch sogenannte Parthenogenese (Jungfernzeugung) – gehört zum Erfolgsrezept der Blattlaus. Außerdem sind diese kleinen fragilen Insekten längst nicht so wehrlos, wie sie auf den ersten Blick daherkommen: Zum einen engagieren manche Blattlausarten angriffslustige Ameisen als Bodyguards. Zum anderen können Blattläuse ihre unfreiwilligen Gastgeber biochemisch manipulieren, etwa indem sie spezielle Ribonukleinsäuren (RNA) in die Pflanze hineinschleusen. Blattläuse agieren sogar je nach Art ihrer Wirtspflanze mit unterschiedlichen Genen. Das haben kürzlich Wissenschaftler vom John Innes Centre und dem Earlham Institute im Norwich Research Park entdeckt.

          Als Forschungsobjekt diente den Wissenschaftlern um Yazhou Chen die Grüne Pfirsichblattlaus (Myzus persicae). Wo sie die Blattunterseite bevölkert, rollen sich die Blätter auffällig ein. Größeren Schaden richtet diese Blattlausart allerdings dadurch an, dass sie mehr als hundert verschiedenartige Pflanzenviren übertragen kann, dazu noch weitere Krankheitserreger. Anders als ihr Name vermuten lässt, sucht die Grüne Pfirsichblattlaus nicht bloß Pfirsichbäume heim. Auf mehr als 400 Arten aus ganz unterschiedlichen Pflanzenfamilien sorgt sie ebenfalls munter für Nachwuchs. Auf Stangenbohnen und Erbsen gedeiht sie beispielsweise ebenso gut wie auf Kartoffelpflanzen, Sonnenblumen, Raps und Mais.

          Marienkäfer haben einen großen Appetit auf Blattläuse.
          Marienkäfer haben einen großen Appetit auf Blattläuse. : Bild: dpa

          Gemeinsam mit Cock van Oosterhout von der University of East Anglia in Norwich untersuchten die Forscher, wie Grüne Pfirsichblattläuse mit neun verschiedenartigen Pflanzen interagieren, darunter auch dem Lieblingspflänzchen der Genetiker, die Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana). Es galt zu erkunden, ob einzelne Blattlaus-Gene unterschiedlich viel Transkripte in Form von RNA liefern, wenn die Tiere auf verschiedenen Pflanzenarten leben. Bei knapp zweitausend Genen zeigten sich tatsächlich prägnante Unterschiede, darunter auch bei Genen, die für den Geschmackssinn eine Rolle spielen. Eine Gruppe von Genen, die in den Speicheldrüsen transkribiert wird, weckte das besondere Interesse der britischen Forscher.

          Rüssel sind keine Einbahnstraßen

          Der Saugrüssel einer Blattlaus ist keine Einbahnstraße. Einerseits saugen Blattläuse süße Flüssignahrung aus den Siebröhren ihrer Pflanze. Andererseits lassen sie Speichel in dieses Gefäßsystem einfließen, das Produkte der Photosynthese in der gesamten Pflanze verteilt. Wie die Forscher in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften  berichten, enthält der wässrige Speichel der Grünen Pfirsichblattlaus neben Eiweiß auch RNA. Diese RNA hält keinen Bauplan für Proteine bereit und stammt hauptsächlich von Genen, die je nach Art der Wirtspflanze unterschiedlich eifrig transkribiert werden. Detaillierte Analysen führten Yazhou Chen und seine Kollegen bei der Grünen Pfirsichblattlaus zu einer Familie von 30 auffallend ähnlichen Genen. Weil diese Gen-Familie auch bei anderen Blattlausarten anzutreffen ist, nicht aber bei sonstigen Insekten, erhielt sie den Namen „Ya“, nach dem chinesischen Wort „Yá“ für Blattlaus.

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