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Kommentar zum Gen-Rassismus : Die letzten Reste einer Jahrhundert-legende

Für seine Studien zur DNA wurde James Watson 1962 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Bild: AP

Er lüftete das größte Geheimnis der Gene, wurde zum Star: Mit fast 91 aber ist James Watson so tief gefallen wie keine Forscherikone vor ihm. Sein unerträglicher Gen-Rassismus schadet allen, er muss aus dem Rampenlicht.

          James Watson hatte einen Autounfall. Er soll zurzeit auf einer Pflegestation liegen. Seine Umwelt, heißt es, nehme der Neunzigjährige nur sehr eingeschränkt wahr. Wenn es wirklich eine höhere Macht gibt, an die der größte Bruchpilot der modernen Genetik glauben kann, dann wäre jetzt die Zeit, sie zu aktivieren. Wach auf, Jim, wären die ersten Worte, die sie an ihn zu richten hätte, denn fürs Aufwachen ist es nie zu spät. Leider hört Watson schon länger nicht mehr zu. Das liegt nicht nur an seinem bekannt schwierigen Charakter. Bei ihm mischen sich seit geraumer Zeit Eitelkeit, Borniertheit und Alterssturheit zu einem ungenießbaren Cocktail, der ihn zum intellektuellen Geisterfahrer hat werden lassen.

          Dabei ist Watson unstrittig eine historische Figur. Sein Geistesblitz, der ihn 1953 als junges Talent zusammen mit Francis Crick zur Doppelhelix-Struktur des Erbfadens DNA führte, gehört zu jenen seltenen Momenten in den Wissenschaften, die wie ein Feuerwerk mit einem Schlag alles erhellen und eine neue Zeit einläuten. Watson hat später auch das legendäre Cold Spring Harbor Laboratory in New York gegründet, lange Zeit eine der wichtigsten und erfolgreichsten Forschungsstätten, ja eigentlich ein Wallfahrtsort der Molekularbiologie. Es ist deshalb nicht übertrieben, Watson als einen Hohepriester der Genforschung zu bezeichnen. Bis 2007 allerdings nur. Denn damals wurde er kurzerhand vor die Tür gesetzt, nachdem er mit schlimmen rassistischen und sexistischen Bemerkungen, wissenschaftlich vollkommen haltlosen Behauptungen und bar jeder kritischen Selbstreflexion die Wissenschaft und die Öffentlichkeit gegen sich aufbrachte.

          James Watson verliert seine Ehrentitel

          Wie seine bald darauf eingereichte Entschuldigung zu deuten war, hat Watson jetzt vor seinem Autounfall klargestellt: In einem Porträt für den amerikanischen Fernsehsender PBS und im Rahmen einer Wiederholung für die Reihe „American Masters“ widerrief er seine Entschuldigung. Er habe nichts zurückzunehmen von seinen Behauptungen. Vollkommen ungeläutert schwadronierte er in seiner mürrischen Art und mit lausigen Argumenten wie damals über die vermeintlich niedrigere Intelligenz von Menschen mit erkennbar afrikanischer Abstammung – was man von jedem hören könne, der mit schwarzen Angestellten zu tun habe. Watson zog in der Dokumentation sämtliche Register an Vorurteilen und Stereotypen, die ihm vor zwölf Jahren schon als geschäftsschädigend, weil wissenschaftsfeindlich, ausgelegt werden mussten. Das Cold Spring Harbor Lab hat ihm jetzt folgerichtig alle nach der Entlassung noch verbliebenen Ehrentitel entzogen: den des Kanzler-Emeritus, des Ehrentreuhänders und des Emeritus der Oliver-R.-Grace-Professur.

          Mit den Titelverlusten dürfte Watson ähnlich verfahren wie mit der ihm 1962 verliehenen Nobelpreis-Medaille, die er vor vier Jahren hat versteigern lassen: Er wird auf sie pfeifen. Was macht man aber mit einem gefallenen Helden, der sich partout nicht wachrütteln lassen will und sich als Greis zur törichsten Gestalt der Wissenschaftsgeschichte aufzuschwingen versucht? Stillschweigend fliegen lassen, wäre eine Lösung. Irgendwann landen sie alle unten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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