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Paläoanthropologie : Steineklopfende Flachgesichter

Die Paläoanthropologin Sonia Harmand am Fundort der Steinwerkzeuge. Bild: MPK-WTAP

In Kenia haben Forscher Steinwerkzeuge entdeckt, deren Alter sie auf 3,3 Millionen Jahren bestimmen, 700 000 Jahre älter als die frühesten bisher bekannten. Damit können sie kaum von Menschen angefertigt worden sein - wenn denn die Datierung stimmt.

          Der Mensch wüsste nur zu gerne, seit wann es ihn gibt. Doch im Kontext der modernen Evolutionsbiologie ist eine Antwort heikel, erst recht, wenn von den möglichen Vorfahren, denen man gerne ansähe, ob ihnen das Menschsein nun zu- oder abzusprechen ist, nur bröselige Skelettreste übrig sind. Hat erst die vergleichsweise große Schädelkapsel der Gattung Homo, die vor 2,8 Millionen Jahren zum ersten Mal bezeugt ist, den entscheidenden Unterschied gemacht? Oder bereits der aufrechte Gang der Australopithecus-Dame „Lucy“, die vor 3,2 Millionen Jahren durch Ostafrika spazierte?

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mehr als von der Anatomie darf man sich von der Archäologie erhoffen. Angefertigte Gegenstände, und seien es nur zurechtgeklopfte Steine, dürfen mit gewissem Recht als Zeugnis von Wesen gelten, die das Tierreich im engeren Sinn verlassen haben. Wobei auch dieses Kriterium heikler geworden ist, seit man weiß, dass durchaus auch Tiere, und keineswegs nur Primaten, zu planvoller Manipulation ihrer materiellen Umwelt in der Lage sind. Doch auch wenn Schimpansen Steine zum Nüsseknacken aufeinanderschlagen, so ist das gezielte Zerbrechen eines Kiesels zur Erzeugung einer nützlichen scharfen Kante auch bei ihnen noch nicht beobachtet worden.

          Die Landschaft um Lomekwi 3, der Fundort der Objekte am Westufer des Turkana-Sees in Ostafrika.

          Die bisher ältesten solcher Steinwerkzeuge, die eindeutig zu datieren sind, wurden zuerst von Louis Leaky, einem kenianischen Forscher britischer Abstammung, in der Olduvai-Schlucht in Tansania gefunden. Jene Schlucht gab dem Olduwan den Namen, der bis dato frühesten, archäologischen Kultur. Die ältesten Olduwan-Funde sind 2,6 Millionen Jahre alt, könnten also durchaus von frühen Vertretern unserer Gattung Homo angefertigt worden sein.

          Doch nun beschreibt ein 21-köpfiges Forscherteam um die Französin Sonia Harmand von der Stony Brook University im Staat New York im Wissenschaftsmagazin „Nature“ die Entdeckung von insgesamt 149 Steinbrocken an einer Stelle namens „Lomekwi 3“ oberhalb des Westufers des Turkana-Sees in Kenia. Ihr Alter bestimmten sie auf 3,3 Millionen Jahre - nach bisherigem Wissen deutlich zu früh, um von Angehörigen unserer eigenen Gattung zu stammen.

          Ist das nicht bloß zufällig zersplittertes Geröll?

          Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit bereits vor vier Wochen, als Harmand die Funde auf einer Fachtagung in San Francisco vorstellte. „Allerdings ohne Geologie und Datierung zu untermauern“, erinnert sich Tim White von der University of California in Berkeley, der selbst in Äthiopien gräbt und an einigen der wichtigsten Entdeckungen der modernen Paläoanthropologie beteiligt war, darunter auch die stammesgeschichtliche Einordnung von „Lucy“.

          Geologie und Datierung sind bei solchen Funden das größere Problem als die Frage, wie man denn einem Felsbrocken ansehen könne, ob er das Produkt einer planvollen Herstellung ist. „Die Artefakte weisen klare vorsätzliche Abschläge auf“, sagte Harmand bereits in San Francisco einem Reporter des Magazins „Science“. „Sie sind nicht das Ergebnis zufälligen Zerbrechens von Steinen.“ In einem Fall fand das Team um Sonia Harmand zu einem Abschlag auch noch den passenden Kernbrocken. Insgesamt wurden die Steine teilweise auf ähnliche Art bearbeitet wie die Werkzeuge des Olduwan, sind oft allerdings auffallend größer und wurden auch durch bloßes Zusammenschlagen bearbeitet. Aufgrund solcher Unterschiede und der zeitlichen Lücke zum Olduwan von gut 700 000 Jahren, schlagen Harmand und ihre Mitarbeiter vor, hier von einer eigenen Werkzeugkultur zu sprechen, dem „Lomekwian“.

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