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Dickmacher : Das süße Rätsel

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Zu viel Limo light? Die Frage ist für Ernährungsforscher keineswegs leicht zu beantworten Bild: dpa

Wissenschaftliche Studien widersprechen sich: Machen Süßstoffe schlank oder dick? Sind sie gefährlich? Und wie wirken sie überhaupt? Während Experten nach den Ursachen der Fettleibigkeit suchen, wird Sachharin weiter eingesetzt.

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          Süßstoffe machen dick! Das ist die Kernaussage einer Studie, die in der Februarausgabe des amerikanischen Fachjournals Behavioral Neuroscience erschienen ist. Ihre Veröffentlichung vor ein paar Tagen sorgte prompt für Aufregung. Denn die Untersuchung ist schlicht und eindeutig: Insgesamt 27 Ratten wurden mit Joghurt gefüttert. In einer Gruppe war dieser mit Zucker gesüßt, in einer anderen mit dem Süßstoff Saccharin. Ratten, die den Süßstoff erhielten, wurden dicker und legten Körperfettreserven an. Stimmt er also, der alte Verdacht, Süßstoffe machten nicht schlank, sondern dick? War das endlich der Beweis für eine jahrzehntealte Vermutung?

          Ohne Widerspruch bleibt die Studie von Susan Swithers und Terry Davidson von der Purdue University jedenfalls nicht. Von einer "unverantwortlichen Übertragung eines Rattenmodells auf Diätempfehlungen" spricht Adam Drewnowski, Direktor des Center for Public Health Nutrition der University of Washington in Seattle. Er hatte im vergangenen Jahr im European Journal of Clinical Nutrition zusammen mit der französischen Diabetologin France Bellisle eine umfassende Analyse der bislang vorliegenden Studien veröffentlicht. Darin kommen sie zu einem anderen Ergebnis, und Drewnowski ist überzeugt, dass Süßstoffe dabei helfen, das Gewicht zu reduzieren.

          Die Ursachen der Fettleibigkeit

          In einer aktuellen Stellungnahme zerpflückt er die Rattenstudie seiner Landsleute und bemängelt sowohl die geringe Anzahl an Versuchstieren als auch vereinfachte Zusammenhänge. Mit dieser Kritik steht Drewnowski nicht allein. John Foreyt, Ernährungsforscher an der Psychiatrischen Klinik in Houston, erregt sich: "Ein Rattenmodell auf Menschen zu übertragen ist unangemessen und unwissenschaftlich."

          "Die Ursachen der Fettleibigkeit sind multifaktoriell", sagt auch Beth Hubrich vom Calorie Control Council, einer Organisation, die seit 1966 besteht und 60 Hersteller von fett- und kalorienreduzierten Lebensmitteln vertritt. "Zwar hat es in den letzten Jahren eine Zunahme von Lebensmitteln mit Süßstoffen gegeben, aber gleichzeitig hat sich die Portionsgröße der Mahlzeiten vergrößert. Auch hat die körperliche Aktivität abgenommen und die Summe der täglich verzehrten Kalorien wiederum zugenommen. Das sind die Ursachen der allgemeinen Fettleibigkeit, nicht die Süßstoffe."

          In ihrer Metaanalyse untersuchten Drewnowski und Bellisle fast 30 Studien mit insgesamt 749 Versuchspersonen, bei denen getestet wurde, ob Probanden, die den Süßstoff Aspartam bekamen, letztlich mehr oder weniger Nahrung zu sich nahmen. Das Ergebnis war ambivalent: In drei Studien aßen die Versuchspersonen mehr, in dreien weniger, 23-mal zeigte sich keine Wirkung. Ungeachtet dessen titelte jetzt die internationale Presse trotzdem "Süßstoffe machen dick" - aufgrund einer Studie mit 27 Ratten.

          Sachharin und Ferkel

          Andererseits: Was ist dran an dem Gerücht, Süßstoffe würden in der Tiermast eingesetzt? Und wo wäre der Sinn, wenn Süßstoffe nicht dick machten? "Wir setzen dem Futter Saccharin zu", bestätigt Andreas Dreishing von der Deutschen Vilomix, einem der großen Hersteller von Tierfutterergänzungsprodukten. Wenn junge Ferkel nach etwa vier Wochen von der Sauenmilch entwöhnt und auf feste Nahrung umgestellt werden, gelinge das eher durch gesüßtes Futter. Nur um diese frühe Lebensphase der Ferkel gehe es: "In der Tiermast wird Saccharin dagegen ausdrücklich nicht eingesetzt", sagt Dreishing. Das hat der Gesetzgeber auch verboten.

          Die sonst erst mäkeligen Ferkel fressen mehr, weil sie das Futter mögen. Dreishing erklärt den Effekt des Saccharins schlicht durch den besseren Geschmack. Susan Swithers und Terry Davidson vermuten andere Zusammenhänge: Der Körper reagiere konfus auf die unnatürliche Kombination aus süßem Geschmack und fehlenden Kalorien. Im Experiment haben sie beobachtet, dass bei Ratten, die an den Süßstoff Saccharin gewöhnt wurden, die Körpertemperatur und der gesamte Stoffwechsel nicht mehr angemessen auf die Nahrungsaufnahme reagieren. In der Konsequenz bedeute das: Die getäuschte Wahrnehmung verleite dazu, mehr zu essen, und der Körper habe es schwerer, überhaupt Kalorien zu verbrennen.

          Die fehlenden Kalorien

          Die umstrittene These, Süßstoffe würden wegen ihrer Kalorienfreiheit Hunger auslösen, ist schon zwei Jahrzehnte alt. In einem klassischen Experiment tranken Testpersonen entweder reines oder mit Süßstoffen versetztes Wasser. Mit dem Resultat, dass die Probanden mit dem gesüßten Wasser öfter über Hunger berichteten. Die Theorie hinter dieser Beobachtung: Der Körper schüttet, wie auch bei "echten" süßen Speisen, vermehrt Insulin aus, das senkt den Blutzuckerspiegel (der wegen des fehlenden Zuckers in der Nahrung gar nicht erhöht war) auf sehr niedrige Werte - und der Körper reagiert auf die Unterzuckerung mit starkem Hunger.

          "Diese Theorie stimmt ausdrücklich nicht", sagt Angela Bechthold, Ernährungswissenschaftlerin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). "Im Gegensatz zu Zucker lösen Süßstoffe keine glykämische Reaktion aus", wie der Vorgang der Insulinausschüttung auch genannt wird. Trotzdem gebe es eine sogenannte Energiekompensation: "Wenn der Körper etwa mit einer Dose Limonade statt 100 Kilokalorien nur 20 zu sich nimmt, dann versucht er die fehlenden Kalorien zumindest teilweise anderweitig zu bekommen."

          Sinnvoll einsetzen

          Diese Erklärung hält wiederum Anja Krumbe vom Deutschen Süßstoffverband für unsinnig: "Süßstoffe machen keinen Hunger, sie machen aber auch nicht satt. Sie schmecken eben einfach nur süß." In einer Zeit der faktischen Übersättigung wäre damit schon viel erreicht. "Das Hauptproblem sind kalorienreiche Getränke wie Soft Drinks. Sie machen nicht satt, obwohl sie sehr viele Kalorien enthalten. Man trinkt einfach weiter. Hier können Süßstoffe sinnvoll eingesetzt werden", sagt Krumbe. Vorausgesetzt, Süßstoffe (die so gut wie keine Kalorien enthalten) und Zuckerersatzstoffe (mit sehr wenig Kalorien) werden maßvoll konsumiert.

          Anfang Januar warnten Ärzte im British Medical Journal vor exzessivem Genuss von mit Sorbit gesüßten Kaugummis oder anderen Süßigkeiten. Berichtet wurde von zwei Patienten, die unter chronischem Durchfall gelitten hatten: Eine 21-jährige Frau kaute täglich etwa 16 Kaugummistreifen und nahm damit 18 bis 20 Gramm Sorbit zu sich. Ein 46-jähriger Mann kam mit Kaugummi und anderen Süßigkeiten auf 30 Gramm. Beide Patienten litten unter Durchfall, Bauchschmerzen und Gewichtsverlust. Zunächst fanden die Ärzte keine Ursache, bis eine umfassende Anamnese den Grund aufdeckte: zu viel Sorbit.

          Der Darm schmeckt mit

          Zuckeraustauschstoffe wie eben Sorbit können von den Bakterien im oberen Darmbereich nicht verdaut werden. "Aber in den hinteren Darmabschnitten finden sich solche, die Sorbit verwerten können. Diese Bakterien vermehren sich plötzlich, was zu Durchfall führt", erklärt Axel Preuß, Lebensmittelchemiker am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt in Münster. Wahrscheinlich sind die zwei Patienten nicht die einzigen Leidtragenden: 16 Kaugummis pro Tag sind keine übertriebene Menge, doch ihre fatalen Folgen werden wohl selten richtig gedeutet.

          Vielleicht versteckt sich im Darm auch des süßen Rätsels Lösung. "Im Dünndarm wurden Geschmacksrezeptoren entdeckt, der Darm schmeckt mit", sagt Thomas Skurk vom Zentrum für Ernährungsmedizin in Weihenstephan. Noch fehle eine abschließende Bewertung, "aber diese Rezeptoren könnten eine entscheidende Rolle in der Wahrnehmung von Zucker wie auch von Süßstoffen spielen". Bleibt also die Frage offen, ob Süßstoffe - von Aspartam bis Saccharin - nun schlank machen oder dick. "Vermutlich ist schon die Frage falsch", sagt Axel Preuß. "In der Ernährungsforschung sind pauschale Aussagen, die für alle Menschen gleichermaßen gelten, schlicht Unsinn." Seltsam, dass dann ausgerechnet 27 Ratten eine klare Antwort geben sollen.

          Zufallsprodukte ersetzen Rübensaft

          Zucker war ein Luxusgut der Oberschicht, solange er nur aus Zuckerrohr gewonnen wurde. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts, als Zucker industriell aus Zuckerrüben hergestellt wurde, fand er weiten Zuspruch in der Bevölkerung und ersetzte nun zunehmend den süßenden Honig.

          Den ersten Süßstoff ohne Kalorien entdeckten Ira Remsen und Constantin Fahlberg 1878 an der Johns Hopkins-Universität in Baltimore - per Zufall. Die Saccharin getaufte Substanz ließ sich so günstig herstellen, dass sie vor allem in Krisen- und Kriegszeiten zum Zucker der Armen wurde. Mit 175 000 Kilogramm Jahresproduktion drohte Saccharin bald den Rübenzucker zu verdrängen. Um die Zuckerindustrie zu schützen, wurde der Süßstoff 1902 in Deutschland verboten.

          Fiebersenkenden Mitteln galt die Suche, als Ludwig Audrieth und Michael Sveda 1937 an der Universität von Illinois einen weiteren Süßstoff fanden: Cyclamat. Ebenfalls zufällig wurde 1965 Aspartam von Jim Schlatter, Chemiker des Unternehmens Searle, entdeckt. Heute sind acht Süßstoffe in der EU zugelassen. Ein neunter, Neotam, wird noch geprüft.

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