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Dickmacher : Das süße Rätsel

  • -Aktualisiert am

Zu viel Limo light? Die Frage ist für Ernährungsforscher keineswegs leicht zu beantworten Bild: dpa

Wissenschaftliche Studien widersprechen sich: Machen Süßstoffe schlank oder dick? Sind sie gefährlich? Und wie wirken sie überhaupt? Während Experten nach den Ursachen der Fettleibigkeit suchen, wird Sachharin weiter eingesetzt.

          4 Min.

          Süßstoffe machen dick! Das ist die Kernaussage einer Studie, die in der Februarausgabe des amerikanischen Fachjournals Behavioral Neuroscience erschienen ist. Ihre Veröffentlichung vor ein paar Tagen sorgte prompt für Aufregung. Denn die Untersuchung ist schlicht und eindeutig: Insgesamt 27 Ratten wurden mit Joghurt gefüttert. In einer Gruppe war dieser mit Zucker gesüßt, in einer anderen mit dem Süßstoff Saccharin. Ratten, die den Süßstoff erhielten, wurden dicker und legten Körperfettreserven an. Stimmt er also, der alte Verdacht, Süßstoffe machten nicht schlank, sondern dick? War das endlich der Beweis für eine jahrzehntealte Vermutung?

          Ohne Widerspruch bleibt die Studie von Susan Swithers und Terry Davidson von der Purdue University jedenfalls nicht. Von einer "unverantwortlichen Übertragung eines Rattenmodells auf Diätempfehlungen" spricht Adam Drewnowski, Direktor des Center for Public Health Nutrition der University of Washington in Seattle. Er hatte im vergangenen Jahr im European Journal of Clinical Nutrition zusammen mit der französischen Diabetologin France Bellisle eine umfassende Analyse der bislang vorliegenden Studien veröffentlicht. Darin kommen sie zu einem anderen Ergebnis, und Drewnowski ist überzeugt, dass Süßstoffe dabei helfen, das Gewicht zu reduzieren.

          Die Ursachen der Fettleibigkeit

          In einer aktuellen Stellungnahme zerpflückt er die Rattenstudie seiner Landsleute und bemängelt sowohl die geringe Anzahl an Versuchstieren als auch vereinfachte Zusammenhänge. Mit dieser Kritik steht Drewnowski nicht allein. John Foreyt, Ernährungsforscher an der Psychiatrischen Klinik in Houston, erregt sich: "Ein Rattenmodell auf Menschen zu übertragen ist unangemessen und unwissenschaftlich."

          "Die Ursachen der Fettleibigkeit sind multifaktoriell", sagt auch Beth Hubrich vom Calorie Control Council, einer Organisation, die seit 1966 besteht und 60 Hersteller von fett- und kalorienreduzierten Lebensmitteln vertritt. "Zwar hat es in den letzten Jahren eine Zunahme von Lebensmitteln mit Süßstoffen gegeben, aber gleichzeitig hat sich die Portionsgröße der Mahlzeiten vergrößert. Auch hat die körperliche Aktivität abgenommen und die Summe der täglich verzehrten Kalorien wiederum zugenommen. Das sind die Ursachen der allgemeinen Fettleibigkeit, nicht die Süßstoffe."

          In ihrer Metaanalyse untersuchten Drewnowski und Bellisle fast 30 Studien mit insgesamt 749 Versuchspersonen, bei denen getestet wurde, ob Probanden, die den Süßstoff Aspartam bekamen, letztlich mehr oder weniger Nahrung zu sich nahmen. Das Ergebnis war ambivalent: In drei Studien aßen die Versuchspersonen mehr, in dreien weniger, 23-mal zeigte sich keine Wirkung. Ungeachtet dessen titelte jetzt die internationale Presse trotzdem "Süßstoffe machen dick" - aufgrund einer Studie mit 27 Ratten.

          Sachharin und Ferkel

          Andererseits: Was ist dran an dem Gerücht, Süßstoffe würden in der Tiermast eingesetzt? Und wo wäre der Sinn, wenn Süßstoffe nicht dick machten? "Wir setzen dem Futter Saccharin zu", bestätigt Andreas Dreishing von der Deutschen Vilomix, einem der großen Hersteller von Tierfutterergänzungsprodukten. Wenn junge Ferkel nach etwa vier Wochen von der Sauenmilch entwöhnt und auf feste Nahrung umgestellt werden, gelinge das eher durch gesüßtes Futter. Nur um diese frühe Lebensphase der Ferkel gehe es: "In der Tiermast wird Saccharin dagegen ausdrücklich nicht eingesetzt", sagt Dreishing. Das hat der Gesetzgeber auch verboten.

          Die sonst erst mäkeligen Ferkel fressen mehr, weil sie das Futter mögen. Dreishing erklärt den Effekt des Saccharins schlicht durch den besseren Geschmack. Susan Swithers und Terry Davidson vermuten andere Zusammenhänge: Der Körper reagiere konfus auf die unnatürliche Kombination aus süßem Geschmack und fehlenden Kalorien. Im Experiment haben sie beobachtet, dass bei Ratten, die an den Süßstoff Saccharin gewöhnt wurden, die Körpertemperatur und der gesamte Stoffwechsel nicht mehr angemessen auf die Nahrungsaufnahme reagieren. In der Konsequenz bedeute das: Die getäuschte Wahrnehmung verleite dazu, mehr zu essen, und der Körper habe es schwerer, überhaupt Kalorien zu verbrennen.

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