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Dicke Kinder : Wohnviertel beeinflusst das Gewicht

  • -Aktualisiert am

Der Leipziger Stadtteil Plagwitz Bild: Gyarmaty, Jens

Wachsen Kinder in prekären Verhältnissen auf, leiden sie auch eher unter Übergewicht. Leipziger Forscher finden jetzt einen Schutzfaktor: In besseren Stadtvierteln der sächsischen Metropole werden auch Kinder aus armen Familien selten dick.

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          In welchen Stadtvierteln von Leipzig Kinder das höchste Risiko tragen, übergewichtig zu werden, wollte Elmar Brähler dann doch nicht ganz genau verraten. Der Leipziger Wissenschaftler gab am Donnerstag auf der Pressekonferenz des Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin nur so viel preis: In der Mitte Leipzigs sei das Risiko geringer. Das hieße, dass Kinder in der angesagten Südvorstadt oder dem alternativen Connewitz eher normalgewichtig aufwachsen als im zentrumsfernen Liebertwolkwitz oder in der abgelegenen Plattenbausiedlung Grünau.

          Die Namen der Viertel nennt Brähler nicht. Doch unabhängig davon, in welchen Gegenden Leipzigs Kinder nun wirklich dick werden: Mit seiner Studie, die auf dem derzeit in Berlin stattfindenden Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie vorgestellt wurde, hat der emeritierte Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig nicht nur Ärzte, sondern auch Stadtplaner aufhorchen lassen. Und zwar deshalb, weil er feststellte, dass Kinder unabhängig vom sozioökonomischen Status der Eltern in „gehobeneren“ Vierteln ein geringeres Risiko haben, übergewichtig zu werden. Das heißt: Wächst ein Kind in prekären Verhältnissen in einem Viertel auf, in dem ansonsten eher wohlhabende und höher gebildete Familien zu Hause sind, ist es offenbar besser vor Übergewicht und den Folgen geschützt.

          2800 Erstklässler einbezogen

          Brählers Team, das seine Daten auch im Fachmagazin „Adipositas“ veröffentlichte, teilte 63 Wohngebiete in Leipzig nach dem Grad der Deprivation in vier Kategorien ein. Die soziale Ausgrenzung - Deprivation - machten die Wissenschaftler fest an der Arbeitslosenquote, dem monatlichen Haushaltseinkommen und dem Anteil der Personen, die maximal einen Hauptschulabschluss vorzuweisen hatten. In ihre Studie nahmen sie 2800 Erstklässler auf. „In den Vierteln mit dem höchsten Index für Deprivation lebten doppelt so viele Kinder mit Adipositas wie in den Vierteln mit dem niedrigsten Index“, erklärte Brähler in Berlin.

          Mehr als zwölf Prozent der Kinder in den besonders benachteiligten Stadtteilen waren übergewichtig. Brähler nannte auch andere Faktoren: „Wenn die Mutter nur einen Hauptschulabschluss hatte, hatte das schon einen Einfluss.“ Aber: „Wohnt eine Mutter mit niedriger Bildung in einem privilegierten Ortsteil, verringert sich das Übergewichtsrisiko beim Kind.“

          Daten zusammenführen

          Obwohl die Wissenschaftler die genauen Ursachen noch nicht erklären können, interessiert sich die Stadt Leipzig jetzt schon für die Ergebnisse. „Man muss das Abgleiten von Stadtgebieten verhindern“, sagt auch Brähler. Worin aber das „Abgleiten“ besteht, ist unklar. „Wir wissen viel über Wohngebiete, über die Feinstaub- und Lärmbelastung und die Sonnenscheindauer“, sagt Brähler. „Jetzt geht es darum, die Daten zusammenzuführen.“ Derzeit rätselt man noch und vermutet einen Einfluss von Infrastruktur, Anbindung und Grünflächen. Aber auch spezielle Angebote oder das bessere Schulkantinenessen könnten eine Rolle spielen. Das Projekt wird fortgeführt, die Kriterien sollen verfeinert werden. Noch gibt es Fallstricke: „Wenn Studenten neu in die Stadt kommen, ziehen sie in Wohngebiete, die billiger sind und nicht ihrem Bildungsstatus entsprechen.“ Erfasst man dann die Schulabschlüsse der Bewohner, entsteht leicht ein schiefes Ergebnis. Schon jetzt geben die Daten der Leipziger Forscher aber eine Empfehlung her: Umziehen kann tatsächlich helfen, Gewichtszunahmen doch noch abzuwenden.

          Für Johannes Kruse, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg und Präsident des noch bis Samstag laufenden Kongresses, passen die Erkenntnisse der Leipziger gut zu den aktuellen Trends, die sich in der psychosomatischen Medizin abzeichnen. Mehr und mehr rücke für die Ärzte die Frage in den Vordergrund, welche Rolle reale Lebensumstände spielen – auch bei der Entstehung psychischer Störungen. „Diese Faktoren hat man lange Zeit viel zu sehr unterschätzt“, sagte Kruse in Berlin.

          Erhöhtes Risiko für Schizophrenie

          Die Frage, inwiefern das Leben in Großstädten generell schädlich für die Psyche ist, wird in der Psychiatrie schon länger diskutiert. Studien zeigen, dass das Risiko für Schizophrenie, Depressionen und Angststörungen in der Stadt deutlich höher ist als auf dem Land. Im Hinblick auf die Schizophrenie glaubt man sogar, dass die Stadtgröße eine entscheidende Rolle spielt: Je größer eine Stadt ist, desto höher ist angeblich das Schizophrenierisiko.

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