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Dialektforschung : Hat Kölsch noch eine Zukunft?

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„Jede Jeck is anders“ - weiß ein bekanntes Kölsches Sprichtwort Bild: dpa

Der rheinische Dialekt ist weder nord- noch süddeutsch, sondern etwas Eigenes, stellten unlängst auch die Sprachforscher fest. Ob ihn das vor dem Niedergang bewahrt?

          Köln. Eine Kneipe in der Altstadt. Dicht an dicht drängen sich bunt- kostümierte Gestalten. Die Stimmung ist gut. Aus der Musikanlage tönen die Bläck Fööss. Ein Gast ruft Richtung Theke: „Köbes, dun mer noch zwei Kölsch – för mich un dat Leckerche he.“ Und alle singen mehr oder weniger textsicher jedes Lied mit.

          Kölsch, sowohl das Bier als auch der Dialekt, gehören zu Köln und Karneval wie Alaaf und Dreigestirn. Dieser Tage hört man es hier überall: in den Straßen und Kneipen und nicht zuletzt bei den Prunksitzungen und Büttenreden. Und nun haben die Jecken noch einen Grund mehr zur Pflege ihres Idioms. Neuere linguistische Forschung hat nämlich nachgewiesen, dass Kölsch innerhalb der deutschen Dialektgruppen eigenständiger ist als bisher gedacht.

          Der Kölner ist „am Arbeiten“

          Soziolinguisten verstehen unter einem Dialekt eine lokale oder regionale Varietät der Standardsprache. Historisch gesehen, gab es die Dialekte allerdings weit vor dem heutigen Standarddeutsch. Das bildete sich erst im Zuge der Einführung einer überregionalen Schriftsprache heraus. Die Varietät eines Dialekts kann alle Sprachbereiche betreffen: Lautebene (Phonologie), Wortbeugung und -bildung (Morphologie), Wortschatz (Lexik), Satzbau (Syntax) und Ausdrucksformen oder Redewendungen (Idiomatik). So haben einige Dialekte zum Beispiel eine zeitliche Verlaufsform hervorgebracht, die das Standarddeutsche eigentlich nicht kennt. Wenn der Kölner sagen möchte, dass er in diesem Moment dabei ist, etwas zu tun, dann sagt er: „Ich bin am Arbeiten“ und nicht „Ich arbeite gerade“.

          Ein sogenannter Regiolekt dagegen ist eine regional gefärbte Umgangssprache und bildet ein Kontinuum mit der Standardsprache. Im Nord- und Mitteldeutschen grenzt sich der Regiolekt deutlich gegen den Dialekt ab. Im Süddeutschen ist dieser Bruch nicht so deutlich, dort ist der Übergang zum Dialekt fließender. „Der Regiolekt schafft Vertrauen, stiftet Identität und befördert emotionales Verstehen“, sagt der Marburger Sprachwissenschaftler Jürgen Erich Schmidt. Man neige dazu, jemandem, der so spricht wie man selbst, eher zu vertrauen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie von Schmidts Kollege Alfred Lameli, die in Plos One erschienen ist: Regionalakzente und Regiolekte werden mit bestimmten Einstellungen und Stereotypien verknüpft und haben signifikanten Einfluss auf die Kooperationsbereitschaft.

          Im Deutschen gibt es bis zu siebzehn Dialektgruppen

          Und das eben nicht nur in Köln. Deutschland ist ein Land mit einem großen Spektrum an Dialekten. Dabei werden traditionell nördliche und südliche Gruppen unterschieden, etwa entlang der sogenannten Benrather Linie auf der Höhe von Düsseldorf, die Deutschland in einen niederdeutschen und einen hochdeutschen Sprachraum einteilt. Ausschlaggebend dafür war die sogenannte zweite Lautverschiebung im süddeutschen Raum, die sich etwa zwischen dem 6. und dem 8. Jahrhundert vollzog. Typische Beispiele für diesen Konsonantenwandel sind Wortpaare wie „maken- machen“ oder „ik- ich“. Darüber hinaus unterscheidet die Forschung 15 bis 17 deutsche Dialektgruppen, darunter Bairisch, Westfälisch oder Brandenburgisch.

          Dabei wird das Kölsch den mittelfränkischen Mundarten zugeordnet. Ihr Gebiet reicht von der Kölner Bucht über die Eifel und den Westerwald bis in den Hunsrück hinein. Innerhalb des Hochdeutschen südlich der Benrather Linie wurde das Mittelfränkische bisher zum sogenannten Westmitteldeutsch gezählt. Neuerdings häufen sich laut Schmidt und Lameli jedoch die Gründe, diese Einteilung zu ändern. Ähnlichkeitsberechnungen mit Hilfe statistischer Verfahren, die Lameli im Rahmen seiner 2013 veröffentlichten Habilitationsschrift durchgeführt hat, zeigen, dass das Mittelfränkische eine sprachliche Eigenständigkeit aufweist, die mit der des Niederdeutschen und des Hochdeutschen vergleichbar ist (siehe Karte). Daraus ergibt sich, dass die mittelfränkische Dialektgruppe hierarchisch diesen gleichgestellt werden muss und vor allem: dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit historisch eigenständig entstanden ist. Lameli grenzt sie durch den neuen Terminus „Westdeutsch“ von den anderen hochdeutschen Gruppen ab.

          Grundlage von Lamelis quantitativen Untersuchungen sind 66 Dialektmerkmale, die der Sprachforscher Georg Wenker bereits Ende des 19. Jahrhunderts für seinen Sprachatlas des Deutschen Reichs erhob. Für andere Dialekträume konnte Lameli die vor hundert Jahren vorgenommenen qualitativen Einteilungen indes bestätigen.

          Der typisch rheinische Singsang

          Ein Merkmal, das diese Erhebung des Mittelfränkischen zum Westdeutschen stützt, ist die Einzigartigkeit seiner Tonakzente. Sie stehen hinter dem „rheinischen Singsang“, der auch im Hochdeutsch eines Rheinländers als sogenannter Regionalakzent deutlich hörbar bleibt. Schmidt hat diese Besonderheit schon 1986 untersucht. Ähnlich wie im Chinesischen kann die unterschiedliche Intonierung eines Wortes zu verschiedenen Bedeutungen führen – lexikalisch wie grammatisch. So hat zum Beispiel das kölsche Wort „Rief/Riev“ je nach Betonung entweder die Bedeutung „Rauhreif“ oder „Reibe“. Der Plural von „Wäch“ (Weg) lässt sich ebenfalls nur durch die Betonung des Vokals vom Singular unterscheiden.

          Statistische Ähnlichkeiten der deutschen Dialekte zum Kölsch (je röter, desto enger) zeigen die Eigenständigkeit seiner Dialektgruppe. Die ältere Unterscheidung nord- und süddeutscher Mundarten, etwa entlang der „Benrather Linie“, zählte sie noch als Untergruppe des Südens.

          Aber wie lange noch? Das echte Kölsch etwa wird im Alltag der übrigen vier Jahreszeiten wenig gesprochen. Nur in einzelnen Stadtteilen trifft man noch Alteingesessene, die an der Straßenecke ein „Klääfchen“ halten. Durch das Hochdeutsche in Medien und Berufswelt wird Kölsch, ebenso wie andere deutsche Mundarten, immer weiter verdrängt. So gibt es in Köln nur noch rund 250000 aktive Kölsch-Sprecher, schätzte Georg Cornelissen vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landesverbandes Rheinland (LVR) im Jahr 2007. In anderen Teilen Nordrhein-Westfalens dürfte die Dialektkompetenz noch deutlich darunter liegen.

          Keine Sorge, es gibt ja die Höhner

          Doch dass der Dialekt aussterbe, das habe man schon vor über 250 Jahren behauptet, stellt Schmidt fest. Auch Cornelissen schreibt in seinem Buch „Rheinisches Deutsch“, dass sich entgegen aller Unkerei „überall im Rheinland seit den 1970er Jahren als Folge der sogenannten Mundartwelle der Dialekt als Medium kulturellen Schaffens etabliert hat“. Es gibt Gedichte und Erzählungen in Dialekt, Mundartbühnen und Bands wie BAP, die Höhner oder eben die Bläck Fööss.

          Doch Georg Cornelissen sieht einen kaum aufzuhaltenden gesamtdeutschen Trend hin zur Standardsprache: „In großen Teilen des Landes, insbesondere im Norden und in der Mitte, sprechen Deutsche unter 35 allenfalls noch Regiolekt oder haben einen ausgeprägten Regionalakzent. Dialekt als Muttersprache lernt kaum ein Kind mehr.“ Folglich sei es unwahrscheinlich, dass die Dialekte außerhalb von Kultur und Brauchtum noch lange überleben. Auch in Köln, woran die an manchen Schulen angebotenen Kölsch-AGs nichts ändern werden. „Um eine Sprache zu retten, braucht es eine Gesellschaft, keine AG“, sagt Cornelissen.

          Der Halve Hahn ist vegetarisch

          Allerdings ist dieser Trend unterschiedlich ausgeprägt: Im Norden hat das Standarddeutsch den Dialekt fast vollständig verdrängt, in südlichen Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg ist er dagegen nach wie vor sehr präsent. Zum gleichen Schluss kommt eine Umfrage, die das Institut für Deutsche Sprache 2010 unter rund zweitausend zufällig ausgewählten Personen aus ganz Deutschland durchgeführt hat. Knapp 60 Prozent gaben an, einen Dialekt sprechen zu können. Oft oder immer gebraucht wird er dagegen nur von etwa 45 Prozent. Aufgeschlüsselt nach nördlichen und südlichen Bundesländern, wird es eindeutiger: Nur 25 Prozent der Norddeutschen sprechen oft oder immer Dialekt, jedoch knapp 69 Prozent der Süddeutschen. Dennoch beobachten Sprachwissenschaftler auch im süddeutschen Raum eine Abnahme der Dialektkompetenz – wenn auch langsamer als im deutschen Norden und zeitverzögert.

          Die Kölner halten es hier offenbar eher mit dem Süden. Ihre Mundart hat auch heute noch über den Karneval hinaus einen hohen Stellenwert – wenn auch eher mit Symbolfunktion. „Kölsch ist lokales Markenzeichen und Teil der lokalen Identität“, sagt Cornelissen. Wird er auch nicht mehr von vielen im Alltag gesprochen, so prägt der Dialekt doch weiterhin die Mentalität der Kölner. Selbst Zugezogene, die „Imis“, werden schnell damit konfrontiert. Wer beim Köbes in der Kneipe einen „Halven Hahn“ bestellt und mit Fleisch rechnet, den erwarten überraschende Erkenntnisse. Kölner Unternehmen und Dienstleister werben im Dialekt, und einer der größten Hits der letzten Jahre ist das „Kölsche Grundgesetz“: elf Redensarten, die der Kabarettist Konrad Beikircher 2001 zusammenstellte. Einschlägig für die Frage nach der Zukunft ihres Dialekts ist für die Kölner weniger der Artikel „Wat fott es, es fott“ als vielmehr „Et bliev nix wie et wor, ävver et hätt noch immer jot jejange“.

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