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Dialektforschung : Hat Kölsch noch eine Zukunft?

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Der typisch rheinische Singsang

Ein Merkmal, das diese Erhebung des Mittelfränkischen zum Westdeutschen stützt, ist die Einzigartigkeit seiner Tonakzente. Sie stehen hinter dem „rheinischen Singsang“, der auch im Hochdeutsch eines Rheinländers als sogenannter Regionalakzent deutlich hörbar bleibt. Schmidt hat diese Besonderheit schon 1986 untersucht. Ähnlich wie im Chinesischen kann die unterschiedliche Intonierung eines Wortes zu verschiedenen Bedeutungen führen – lexikalisch wie grammatisch. So hat zum Beispiel das kölsche Wort „Rief/Riev“ je nach Betonung entweder die Bedeutung „Rauhreif“ oder „Reibe“. Der Plural von „Wäch“ (Weg) lässt sich ebenfalls nur durch die Betonung des Vokals vom Singular unterscheiden.

Statistische Ähnlichkeiten der deutschen Dialekte zum Kölsch (je röter, desto enger) zeigen die Eigenständigkeit seiner Dialektgruppe. Die ältere Unterscheidung nord- und süddeutscher Mundarten, etwa entlang der „Benrather Linie“, zählte sie noch als Untergruppe des Südens.
Statistische Ähnlichkeiten der deutschen Dialekte zum Kölsch (je röter, desto enger) zeigen die Eigenständigkeit seiner Dialektgruppe. Die ältere Unterscheidung nord- und süddeutscher Mundarten, etwa entlang der „Benrather Linie“, zählte sie noch als Untergruppe des Südens. : Bild: F.A.Z.

Aber wie lange noch? Das echte Kölsch etwa wird im Alltag der übrigen vier Jahreszeiten wenig gesprochen. Nur in einzelnen Stadtteilen trifft man noch Alteingesessene, die an der Straßenecke ein „Klääfchen“ halten. Durch das Hochdeutsche in Medien und Berufswelt wird Kölsch, ebenso wie andere deutsche Mundarten, immer weiter verdrängt. So gibt es in Köln nur noch rund 250000 aktive Kölsch-Sprecher, schätzte Georg Cornelissen vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landesverbandes Rheinland (LVR) im Jahr 2007. In anderen Teilen Nordrhein-Westfalens dürfte die Dialektkompetenz noch deutlich darunter liegen.

Keine Sorge, es gibt ja die Höhner

Doch dass der Dialekt aussterbe, das habe man schon vor über 250 Jahren behauptet, stellt Schmidt fest. Auch Cornelissen schreibt in seinem Buch „Rheinisches Deutsch“, dass sich entgegen aller Unkerei „überall im Rheinland seit den 1970er Jahren als Folge der sogenannten Mundartwelle der Dialekt als Medium kulturellen Schaffens etabliert hat“. Es gibt Gedichte und Erzählungen in Dialekt, Mundartbühnen und Bands wie BAP, die Höhner oder eben die Bläck Fööss.

Doch Georg Cornelissen sieht einen kaum aufzuhaltenden gesamtdeutschen Trend hin zur Standardsprache: „In großen Teilen des Landes, insbesondere im Norden und in der Mitte, sprechen Deutsche unter 35 allenfalls noch Regiolekt oder haben einen ausgeprägten Regionalakzent. Dialekt als Muttersprache lernt kaum ein Kind mehr.“ Folglich sei es unwahrscheinlich, dass die Dialekte außerhalb von Kultur und Brauchtum noch lange überleben. Auch in Köln, woran die an manchen Schulen angebotenen Kölsch-AGs nichts ändern werden. „Um eine Sprache zu retten, braucht es eine Gesellschaft, keine AG“, sagt Cornelissen.

Der Halve Hahn ist vegetarisch

Allerdings ist dieser Trend unterschiedlich ausgeprägt: Im Norden hat das Standarddeutsch den Dialekt fast vollständig verdrängt, in südlichen Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg ist er dagegen nach wie vor sehr präsent. Zum gleichen Schluss kommt eine Umfrage, die das Institut für Deutsche Sprache 2010 unter rund zweitausend zufällig ausgewählten Personen aus ganz Deutschland durchgeführt hat. Knapp 60 Prozent gaben an, einen Dialekt sprechen zu können. Oft oder immer gebraucht wird er dagegen nur von etwa 45 Prozent. Aufgeschlüsselt nach nördlichen und südlichen Bundesländern, wird es eindeutiger: Nur 25 Prozent der Norddeutschen sprechen oft oder immer Dialekt, jedoch knapp 69 Prozent der Süddeutschen. Dennoch beobachten Sprachwissenschaftler auch im süddeutschen Raum eine Abnahme der Dialektkompetenz – wenn auch langsamer als im deutschen Norden und zeitverzögert.

Die Kölner halten es hier offenbar eher mit dem Süden. Ihre Mundart hat auch heute noch über den Karneval hinaus einen hohen Stellenwert – wenn auch eher mit Symbolfunktion. „Kölsch ist lokales Markenzeichen und Teil der lokalen Identität“, sagt Cornelissen. Wird er auch nicht mehr von vielen im Alltag gesprochen, so prägt der Dialekt doch weiterhin die Mentalität der Kölner. Selbst Zugezogene, die „Imis“, werden schnell damit konfrontiert. Wer beim Köbes in der Kneipe einen „Halven Hahn“ bestellt und mit Fleisch rechnet, den erwarten überraschende Erkenntnisse. Kölner Unternehmen und Dienstleister werben im Dialekt, und einer der größten Hits der letzten Jahre ist das „Kölsche Grundgesetz“: elf Redensarten, die der Kabarettist Konrad Beikircher 2001 zusammenstellte. Einschlägig für die Frage nach der Zukunft ihres Dialekts ist für die Kölner weniger der Artikel „Wat fott es, es fott“ als vielmehr „Et bliev nix wie et wor, ävver et hätt noch immer jot jejange“.

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