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Der Ursprung von Aids : Impfen ohne Grenzen

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Anfang der sechziger Jahre brachen in Léopoldville die Pocken aus. Die ehemalige Kolonie Belgisch-Kongo hatte damals gerade die Unabhängigkeit ausgerufen. Bild: Foto United Nations/BZ

Afrika wird immer wieder von Seuchen heimgesucht. Der Westen schickt medizinische Hilfe. Manchmal mit ernsten Nebenwirkungen, wie das Beispiel Aids zeigt.

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          Dass die medizinische Versorgung der Dritten Welt im Argen liegt, wissen wir aus dem Fernsehen. Was man eventuell verbessern könnte, auch. Wie in der Serie „Klinik unter Palmen“: Da errichtet ein deutscher Doktor ein schmuckes Hospital, und als eine Seuche ausbricht, hat man das flott im Griff. Der ärztliche Schmarrn wurde tatsächlich vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gesponsert. Sieben Prozent des Jahresetats für Öffentlichkeitsarbeit gingen dabei drauf.

          Die Realität ist weniger glamourös. Daran erinnert ein Artikel, der vergangene Woche in Science erschienen ist. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Ausbreitung von Aids nicht zuletzt auf das Wirken von westlichen Medizinern in Afrika zurückzuführen ist.

          Einer von ihnen ist Jacques Pépin, heute Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten an der kanadischen University of Sherbrooke. Als junger Arzt arbeitete er Anfang der achtziger Jahre im Hospital von Nioki, einer Provinzhauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, damals Zaire genannt. Rundherum grassierte die Schlafkrankheit, die von Tsetse-Fliegen übertragen wird und im letzten Stadium zu einem tödlichen Dämmerschlaf führt.

          Die Behandlung der Patienten bestand darin, täglich drei bis vier Dosen einer Arsenverbindung zu verabreichen. Spritzen waren teuer und mussten mehrfach verwendet werden. Wenn der Strom ausfiel, was häufig vorkam, wurde es schwierig mit dem Sterilisieren.

          Im Kongogebiet läuft das medizinische Personal nicht immer in blütenweißen Kitteln herum. Sepsis lauert überall. Wer einmal eine Krankenstation in Krisengebieten besichtigt hat, ist dankbar, wenn er dort nicht eingeliefert werden muss. Jacques Pépin hat das keine Ruhe gelassen. Über Jahre hinweg hat er in Archiven gestöbert und Berichte zusammengetragen, die alle von ähnlichen Zuständen berichten. Seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sind in Afrika Millionen von Spritzen verabreicht worden, gegen Syphilis, Frambösie, Lepra, Tuberkulose, Kinderlähmung, Pocken und was sonst noch auf dem schwarzen Kontinent grassiert. Der Verdacht steht im Raum, dass auch das Aidsvirus auf diesem Weg gereist ist – durch Spritzen und andere Verabreichungen, die nicht ausreichend steril waren. „Iatrogen“ nennt die medizinische Fachsprache solche Krankheitsursachen, wörtlich „vom Arzt erzeugt“.

          Auf der Suche nach dem Stammbaum

          Pépin hat seine Recherchen in einem Buch zusammengefasst, das vor drei Jahren bei Cambridge University Press erschienen ist („The Origin of Aids“). Er gehört auch zu den Autoren des aktuellen Aufsatzes in Science. Darin geht es um die Frage, wann und wo der HIV-Erreger zum ersten Mal aufgetaucht sein könnte. Darüber ist viel spekuliert worden. Die ältesten Blut- und Gewebeproben, in denen man das Virus nachweisen konnte, stammen von 1959 und 1960, von einem Mann und einer Frau aus Léopoldville, der damaligen Hauptstadt von Belgisch-Kongo. Das allein widerlegt die anfangs kolportierte These, Aids sei eine Biowaffe, die von den Amerikanern entwickelt worden sei, um alle Homosexuellen auszurotten. Weiter zurück reichen direkte Nachweise nicht. Hier hilft nur noch molekulare Detektivarbeit.

          Da wird es im Detail ziemlich trickreich. Das Vorhaben, die Evolution des Aidsvirus im Nachhin-ein zu rekonstruieren, ähnelt dem Versuch, durch die von oben sichtbare Krone eines Baumes hinunter auf alle Verästelungen der Zweige bis zur mutmaßlichen Wurzel vorzudringen. Die internationale Forschergruppe um den Belgier Philippe Lemey, die das jetzt in Science beschreibt, hat dazu Hunderte Proben des Erregers miteinander verglichen, deren zeitliche und regionale Herkunft zuverlässig dokumentiert war. Ausgerüstet mit einer umfassenden Sequenz-Datenbank, leistungsfähigen Computern und mit Hilfe ausgeklügelter statistischer Methoden konnten die Forscher den historischen Verlauf der HIV-Epidemie nachzeichnen.

          Folgt man dieser Indizienkette, muss das Virus ursprünglich in den Urwäldern Kameruns beheimatet gewesen sein. Das Gebiet nördlich des Kongobeckens stand vor dem Ersten Weltkrieg unter der Kolonialherrschaft der Deutschen. Sie ließen dort Kautschuk anbauen. Nebenbei machten Buschjäger Jagd auf Schimpansen. Ausgeweidet und zerlegt wurden sie als „Bushmeat“ gehandelt. Jacques Pépin schätzt, dass es rund tausend Jäger waren, die auf diese Weise in Kontakt mit dem Blut der Affen kamen. In einigen davon zirkulierte ein Virus, das man inzwischen als SIVcpz (Simian Immunodeficiency Virus chimpanzee) identifiziert hat.

          Jäger fingen das Virus ein

          Pépin glaubt, dass sich damals eine Handvoll Jäger mit dem Affenvirus infizierte. Die molekularen Daten legen nahe, dass es sich umgehend an den Menschen angepasst hat. An Bord von Schiffen, die Kautschuk und Elfenbein transportierten, muss es dann irgendwann in den 1920er Jahren nach Léopoldville gelangt sein.

          Die Stadt am Kongofluss, heute die Millionenmetropole Kinshasa, zählte damals bloß 40000 Einwohner. Aber sie war bereits ein Umschlagplatz für ganz Zentralafrika. Léopoldville war aus der Sicht eines vermehrungsfreudigen Virus der perfekte Ort.

          Angeworben als billige Arbeitskräfte lebten 1928 in Léopoldville doppelt so viele Männer wie Frauen. Es bildete sich eine Form von Prostitution heraus, die von sogenannten „freier Frauen“ ausgeübt wurde. Sie boten ihre Dienste einigen treuen Kunden an und wurden regelmäßig entlohnt. Die Kolonialbehörden duldeten das, erhoben sogar entsprechende Steuern und sorgten dafür, dass sich die Frauen Monat für Monat in einer Klinik des Roten Kreuzes auf Geschlechtskrankheiten untersuchen ließen.

          Dabei kam unter anderem der berühmte Wassermann-Test zum Nachweis des Syphilis-Erregers zum Einsatz. Dieser Test war allerdings wenig spezifisch, mehr als neunzig Prozent der Ergebnisse waren falsch-positiv. Trotzdem wurden fleißig Gegenmittel verabreicht. Rein vorbeugend gab es bis zu 24 intravenöse Injektionen, meist mit dem arsenhaltigen Wirkstoff Neo-Salvarsan; hinzu kamen doppelt so viele intramuskuläre Spritzen, die Bismut- oder Quecksilberverbindungen enthielten.

          Aufzeichnungen zeigen, dass allein in dieser Klinik in den 30er und 40er Jahren jährlich bis zu 50000 Spritzen gesetzt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg diese Zahl 1954 auf einen Höchstwert von mehr als 150000. Der belgische Arzt Paul Beheyt schrieb damals, die Krankenschwestern würden täglich Hunderte von Injektionen unter Bedingungen vornehmen, unter denen eine Sterilisation der Nadel oder der Spritze unmöglich sei. Es kam dadurch zu Ausbrüchen von Gelbsucht, die Beheyt „Inokulations-Hepatitis“ nannte. Der Schluss liegt nahe, dass auf diesem Wege auch das neuartige Aidsvirus Verbreitung fand.

          Die Stammbaumanalysen lassen sich so interpretieren, dass HIV anschließend von Kinshasa aus entlang von Eisenbahnstrecken gewandert ist. Zuerst tauchte es um 1937 in der Minenstadt Lubumbashi auf. Zwei Jahre später erreichte der Erreger vermutlich Mbuji Mayi im Süden der belgischen Kolonie, wo sich später der HIV-Subtyp MC abgespalten und durch Wanderarbeiter über den gesamten afrikanischen Kontinent ausgebreitet hat.

          Im Rest der Welt, vor allem im Westen, dominiert dagegen ein anderer Subtyp, nämlich MB. Warum das so ist, können auch die Forscher um den Belgier Philippe Lemey nicht genau sagen. Bei der statistischen Methode des „phylogeographischen Fußabdrucks“ gehe es lediglich um Wahrscheinlichkeiten, nicht um endgültige Wahrheiten, räumt Lemey ein. Immerhin ließen sich nun einige Verbreitungswege „eindeutiger und regional detaillierter“ nachweisen, sagt der deutsche HIV-Forscher Frank Kirchhoff von der Universität Ulm.

          Unabhängigkeit und Chaos

          Als die ehemalige Kolonie Belgisch-Kongo sich 1960 zur unabhängigen Republik erklärte, explodierte die Lage in Kinshasa. Die Weißen flohen und hinterließen ein Chaos. Unter ihrer Herrschaft hatten ganze dreißig Einheimische eine akademische Ausbildung genossen, einige hundert waren als Priester ausgebildet worden. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Massen strömten in die Stadt, die bald einen zweifelhaften Ruf als „Afrikas Bordellhauptstadt“ erlangte. An die Stelle der freien Frauen traten die „Flamingos“, die jährlich bis zu tausend Freier bedienten.

          Die Vereinten Nationen forderten damals Freiwillige aus anderen Ländern auf, der jungen Republik Kongo zu helfen. Unter anderem meldeten sich knapp fünftausend schwarze Haitianer, die gut ausgebildet waren und Französisch sprachen. Viele von ihnen kehrten später in ihre Heimat zurück. Um 1966 herum tauchte HIV erstmals in Haiti auf.

          Ein Anführer der haitianischen Geheimpolizei, ein gewisser Luckner Cambronne, auch „Vampir der Karibik“ genannt, betrieb dort Anfang der siebziger Jahre ein Geschäft mit Blutspenden. Zeitweilig soll er monatlich bis zu sechstausend Liter Blutplasma in die Vereinigten Staaten geliefert haben. Dies könnte der Weg gewesen sein, auf dem Aids in den Westen gelangt ist. Jedenfalls schwelte die Immunschwächekrankheit schon länger im Verborgenen, bis sie 1981 erstmals in den Schwulenbars von San Francisco gesichtet wurde. Seither haben sich nach groben Schätzungen mehr als 75 Millionen Menschen infiziert. Noch heute sterben nach Angaben der WHO jährlich 1,6 Millionen Patienten an den Folgen der Ansteckung.

          Lässt sich aus dem Vormarsch von Aids eine seuchenhistorische Lehre ziehen? Konkreter gefragt: Gibt es Parallelen zwischen HIV und Ebola? Die Seuchendetektive sind sich da uneins. Nein, sagt Philippe Lemey, die sozialen und kulturellen Begleitumstände beider Epidemien seien nicht zu vergleichen. Doch, sagen andere Experten, aus dem Studium der Erreger könne man ableiten, was genau sie dazu befähigt hat, im Dunkel des Urwalds auf den Menschen überzuspringen. Der Blick in die Vergangenheit ist kompliziert, aber möglich. Ob das auch für den Blick in die Zukunft gilt, muss sich erst noch zeigen.

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