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Der Ursprung von Aids : Impfen ohne Grenzen

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Da wird es im Detail ziemlich trickreich. Das Vorhaben, die Evolution des Aidsvirus im Nachhin-ein zu rekonstruieren, ähnelt dem Versuch, durch die von oben sichtbare Krone eines Baumes hinunter auf alle Verästelungen der Zweige bis zur mutmaßlichen Wurzel vorzudringen. Die internationale Forschergruppe um den Belgier Philippe Lemey, die das jetzt in Science beschreibt, hat dazu Hunderte Proben des Erregers miteinander verglichen, deren zeitliche und regionale Herkunft zuverlässig dokumentiert war. Ausgerüstet mit einer umfassenden Sequenz-Datenbank, leistungsfähigen Computern und mit Hilfe ausgeklügelter statistischer Methoden konnten die Forscher den historischen Verlauf der HIV-Epidemie nachzeichnen.

Folgt man dieser Indizienkette, muss das Virus ursprünglich in den Urwäldern Kameruns beheimatet gewesen sein. Das Gebiet nördlich des Kongobeckens stand vor dem Ersten Weltkrieg unter der Kolonialherrschaft der Deutschen. Sie ließen dort Kautschuk anbauen. Nebenbei machten Buschjäger Jagd auf Schimpansen. Ausgeweidet und zerlegt wurden sie als „Bushmeat“ gehandelt. Jacques Pépin schätzt, dass es rund tausend Jäger waren, die auf diese Weise in Kontakt mit dem Blut der Affen kamen. In einigen davon zirkulierte ein Virus, das man inzwischen als SIVcpz (Simian Immunodeficiency Virus chimpanzee) identifiziert hat.

Jäger fingen das Virus ein

Pépin glaubt, dass sich damals eine Handvoll Jäger mit dem Affenvirus infizierte. Die molekularen Daten legen nahe, dass es sich umgehend an den Menschen angepasst hat. An Bord von Schiffen, die Kautschuk und Elfenbein transportierten, muss es dann irgendwann in den 1920er Jahren nach Léopoldville gelangt sein.

Die Stadt am Kongofluss, heute die Millionenmetropole Kinshasa, zählte damals bloß 40000 Einwohner. Aber sie war bereits ein Umschlagplatz für ganz Zentralafrika. Léopoldville war aus der Sicht eines vermehrungsfreudigen Virus der perfekte Ort.

Angeworben als billige Arbeitskräfte lebten 1928 in Léopoldville doppelt so viele Männer wie Frauen. Es bildete sich eine Form von Prostitution heraus, die von sogenannten „freier Frauen“ ausgeübt wurde. Sie boten ihre Dienste einigen treuen Kunden an und wurden regelmäßig entlohnt. Die Kolonialbehörden duldeten das, erhoben sogar entsprechende Steuern und sorgten dafür, dass sich die Frauen Monat für Monat in einer Klinik des Roten Kreuzes auf Geschlechtskrankheiten untersuchen ließen.

Dabei kam unter anderem der berühmte Wassermann-Test zum Nachweis des Syphilis-Erregers zum Einsatz. Dieser Test war allerdings wenig spezifisch, mehr als neunzig Prozent der Ergebnisse waren falsch-positiv. Trotzdem wurden fleißig Gegenmittel verabreicht. Rein vorbeugend gab es bis zu 24 intravenöse Injektionen, meist mit dem arsenhaltigen Wirkstoff Neo-Salvarsan; hinzu kamen doppelt so viele intramuskuläre Spritzen, die Bismut- oder Quecksilberverbindungen enthielten.

Aufzeichnungen zeigen, dass allein in dieser Klinik in den 30er und 40er Jahren jährlich bis zu 50000 Spritzen gesetzt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg diese Zahl 1954 auf einen Höchstwert von mehr als 150000. Der belgische Arzt Paul Beheyt schrieb damals, die Krankenschwestern würden täglich Hunderte von Injektionen unter Bedingungen vornehmen, unter denen eine Sterilisation der Nadel oder der Spritze unmöglich sei. Es kam dadurch zu Ausbrüchen von Gelbsucht, die Beheyt „Inokulations-Hepatitis“ nannte. Der Schluss liegt nahe, dass auf diesem Wege auch das neuartige Aidsvirus Verbreitung fand.

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