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Der Schatz von Antikythera : Bitte einen Hermes für den Garten

Das Material dieser Hand wie auch der übrigen im Wrack gefundenen Marmorstatuen stammt von der Insel Paros. Auch die Venus von Milo wurde daraus geschaffen. Bild: Archäologisches Nationalmuseum Athen

Vor zweitausend Jahren sank ein Frachtschiff im Mittelmeer. Vor hundert Jahren wurde es zufällig gefunden. Seine Ladung besteht zum großen Teil aus Kunstwerken. Für wen waren sie bestimmt?

          7 Min.

          Eigentlich ging es Dimitrios Kontos nur um Schwämme. Der griechische Kapitän, der dem seit etwa 2500 v. Chr. im Mittelmeer bezeugten Handwerk des Schwammtauchens nachging, war im Frühling 1900 mit zwei Schiffen auf dem Weg von seinen Tauchgründen vor der tunesischen Küste zurück zu seiner Heimat auf Symi. Ein Sturm zwang Kontos, bei der Insel Antikythera Schutz zu suchen, doch als das Wetter sich besserte, beschloss er, die Gelegenheit zu nutzen und auch den Meeresboden vor Antikythera nach Schwämmen abzusuchen. Was einer seiner Männer dort in etwa 50 Meter Tiefe fand, sollte das Leben von Kapitän Kontos von Grund auf ändern. Zugleich war es die Geburtsstunde einer neuen wissenschaftlichen Disziplin: der Unterwasserarchäologie.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schwammtaucher hatten ein knapp zweitausend Jahre altes Wrack entdeckt, dessen Ladung aus den üblichen Krügen bestand, auch Glas und Geschirr kam zum Vorschein. Aber da waren auch zahlreiche Statuen aus Bronze und Marmor, teils makellos erhalten, zum Teil aber auch von Meerestieren angebohrt und geradezu zerfressen. Manche Teile hatten durch den Bewuchs derart ihre Form verloren, dass sie kaum von Felsbrocken zu unterscheiden waren, die sich im Lauf der Jahrtausende über das Wrack geschoben hatten.

          Ein neues Bild der Antike

          Ein halbes Jahr lang behielten die Schwammtaucher ihr Wissen für sich, dann meldete Kontos bei der zuständigen Behörde den Fund eines Wracks mit antiken Artefakten und bat um die Erlaubnis, gezielt nach dem Schatz tauchen und ihn für sein Land bergen zu dürfen - gegen eine angemessene Belohnung. Die Kampagne begann, von der Regierung unterstützt und überwacht, im November 1900 und verlief unter schwierigen Bedingungen, die mit dem abschüssigen Gelände unter Wasser, dem fragilen Erhaltungszustand der Kunstwerke und vor allem mit der rauhen See zu tun hatten, mit sieben Tauchern bis in den folgenden Herbst.

          Wo der Frachter seinen Weg begann, ist umstritten. Die Insel Delos aber hat er auf der Fahrt nach Italien höchstwahrscheinlich angelaufen, bevor er vor Antikythera sank.

          Geheim war die Sache nun längst nicht mehr, die Zeitungen berichteten vom Fortgang der Arbeiten, und als Kontos später von seinem Lohn enttäuscht war, wies der inzwischen durch einen Tauchunfall gelähmte Seemann die Regierung darauf hin, dass er hochdotierte Angebote aus dem Ausland ausgeschlagen hätte, den genauen Fundort zu nennen - offenbar hatte die Entdeckung des Wracks und die Bergung der Artefakte Aufsehen weit über die Grenzen Griechenlands hinaus erregt.

          Das gilt erst recht für die Auswertung der Funde. Denn war eine derartige Fülle von neu aufgetauchten Kunstwerken - die 1976 durch eine weitere Kampagne des berühmten Tauchers Jacques-Yves Cousteau noch einmal vergrößert wurde - schon per se eine Sensation, so veränderte die Entdeckung und Deutung der Fragmente des sogenannten Antikythera-Mechanismus das bis dahin bestehende Bild von der antiken Mechanik geradezu fundamental.

          Der Schatz kommt nach Basel

          Doch trotz der intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Wrack und seiner Ladung sind elementare Fragen noch immer nicht eindeutig geklärt oder auch prinzipiell nicht mehr zu klären: Wo kam das Schiff her, in wessen Auftrag war es unterwegs, wo wollte es hin? Wann ist es untergegangen und warum? Wer war an Bord? Und handelt es sich bei den Trümmern und Waren, die auf dem Meeresgrund vor Antikythera gefunden wurden, überhaupt um die Hinterlassenschaften eines einzigen Schiffs?

          Eine Ausstellung, die sonst im Archäologischen Nationalmuseum in Athen zu sehen ist und jetzt in leicht geänderter Form ins Antikenmuseum Basel kommt, trägt eindrucksvoll zusammen, was alles im Lauf der Tauchkampagnen ans Licht gekommen ist, und der zugehörige umfangreiche Katalog zieht die Summe ihrer Erforschung. Das beginnt mit Fragmenten des untergegangenen Schiffs, das mit einer geschätzten Länge von 30 Metern, einer Breite von 10 Metern und einer Ladekapazität von 300 Tonnen zu den größeren, vielleicht auch zu den größten seiner Zeit gehört haben dürfte. Erhalten hat sich etwa ein Balken, in dem immer noch die Nägel stecken, mit denen einst dünne Bleiplättchen angebracht worden sind, die den aus einzelnen Planken gefertigten Schiffsrumpf vor eindringendem Wasser schützen sollten. Einige große Dachziegel stammen womöglich von einem Aufbau an Deck, der die Mannschaft und wohl auch Passagiere vor Hitze, Sturm und Regen behütete.

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