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Menschenaffen-Sterben : Der Genozid am „Waldmenschen“

Bild: afp

Eine Volkszählung, die das Herz bluten lässt: Mehr als 100.000 Orang-Utans sind in weniger als einer Menschengeneration in ihrer Heimat getötet worden. Unsere Verwandten könnten überleben, doch Bevölkerung und Wirtschaft von Borneo opfern sie.

          Diese Zahlen schmerzen: mindestens 100.000 Todesopfer in nur sechzehn Jahren, Abertausende davon bei ihren Streifzügen durchs Kronendach erschossen oder beim Säugen ihrer Jungen in den Baumnestern. Der Genozid an den Orang-Utans auf Borneo, Heimat dieser so intelligenten und  friedfertigen aber dennoch  vom Aussterben bedrohten Menschenaffen, übertrifft die schlimmsten Vorstellungen von Primatenforschern.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Die Menschheit muss reagieren!“ Ein Satz wie dieser kommt normalerweise in keiner wissenschaftlichen Veröffentlichung vor. Genau so aber schließt ein internationales Team unter der Federführung deutscher Primatenforscher seine Analyse in der Zeitschrift „Current Biology“. Maria Voigt vom Forschungszentrum iDiv, Orang-Utan-Expertin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, hat die von 1999 bis 2015 gesammelten Daten über 36.555 Nester, fast 1500 Beobachtungsstudien am Boden und 252 Überflüge ausgewertet.

          Dem Feuerroden etwa für Palmöl-Plantagen fallen immer größere Regenwaldflächen zum Opfer.

          Ihr Fazit: Die Tiere, die uns Menschen verwandtschaftlich so extrem nahe stehen, verschwinden viel schneller als gedacht – und das, obwohl die Feldforschungen auch gezeigt haben: Im Grunde hat der „Waldmensch“, wie ihn die Einheimischen auf Borneo traditionell bezeichnen, längst gelernt, bewirtschaftete und teils abgeholzte Urwaldflächen zu bewohnen.  Der ursprüngliche Gesamtbestand erwies sich bei genauem Hinsehen sogar als überraschend groß, die ausgesprochen familiären Tiere trauen sich sogar in Landschaften, die vom Menschen geprägt sind, in denen Holz geschlagen wird und Felder bewirtschaftet werden. Die Hochrechnung von mindestens 100.000 Opfern, basierend auf den Feldstudien, ist nach dem Dafürhalten der Forscher eine extrem konservative Summe – möglicherweise sind noch viel mehr Orang Utans verloren gegangen. Die Schätzung geht bis weit über zweihunderttausend Opfer.

          Plantagen, so weit das Auge reicht. Allein Indonesien produziert mehr als 28 Millionen Tonnen Palmöl pro Jahr.

          Die traurige Wahrheit über den Genozid an den friedfertigen Waldmenschen jedoch ist: Sie könnten gut und gerne sogar neben den sich ausbreitenden und von Malaysia und Indonesien forcierten Palmöl-Plantagen überleben, auch in der Nähe von Bergbaubetrieben und Minen. Aber die Menschen dulden sie nicht neben sich. Sie beuten sie aus und schlachten sie ab. „Verfolgung durch den Menschen, das Töten der Tiere ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe für den Rückgang“, so die Forscher. Das haben die Befragungen von Einheimischen bestätigt. Auf das Konto der Palmölindustrie gehen über den gesamten Zeitraum betrachtet den Schätzungen zufolge neun Prozent der Opfer. Vor allem auf den fragmentierten Arealen, wo noch Regenwaldrestflächen übrig sind und die meisten Orangs gezählt wurden, ist der Rückgang dramatisch. Haben die Forscher bei ihren Begehungen in den am dichtesten von Menschenaffen besiedelten Gebieten noch mehr als 22 Nester pro Kilometer entdecken können, waren es sechzehn Jahre später weniger als die Hälfte. Um mindestens die Hälfte sind jeweils auch die drei größten Populationen geschrumpft.

          Die Orangs werden im Zuge von Rodungen und Konflikten als Störenfriede geschossen, für ihr Fleisch und den Handel. Wenn nur ein erwachsenes Tier pro Jahr aus einem Verband entfernt wird, stirbt die Population sehr wahrscheinlich aus. In manchen Populationen sind es aber drei bis vier pro Jahr, die getötet werden. Für ein Jungtier werden oft auch mehrere erwachsene Orangs getötet, allen voran die Mutter. 38 von 64 verbliebenen Metapopulationen auf Borneo enthalten heute nicht mehr die Mindestzahl von 100 Individuen, unterhalb derer eine Population langfristig nicht überlebensfähig ist. Und weil die Rodungen zugunsten von Palmölfirmen, Bergbau und für Siedlungsflächen weiter gehen, sagen die Forscher bis 2035 ein weiteres Massensterben von mehr als 45.000 Tieren voraus. Es sei denn, es werden – so die Hoffnung der Primatenforscher – neue, nachhaltigere Naturschutz-Managementpläne mit den Unternehmen entwickelt und in die Tat umgesetzt.

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