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Moorschneehuhn : Zu weiß für den Winter

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr vollständig weiß ist das Federkleid dieses Moorschneehuhns, das in der arktischen Tundra Alaskas lebt. Bild: Picture-Alliance

Finnlands Moorschneehühner macht der Klimawandel zu schaffen. Der Frühling setzt früher ein, und so fallen die weißen Vögel in einer schneefreien Umgebung leichter ihren Fressfeinden ins Auge.

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          Erst weiß wie Schnee, dann dezente Brauntöne: Was Eisfuchs und Schneehase können, beherrscht auch das Moorschneehuhn (Lagopus lagopus). Indem es sein Outfit der Jahreszeit anpasst, bleibt es stets gut getarnt. Doch neuerdings macht ihm der Klimawandel einen Strich durch die Rechnung. Wann das Moorschneehuhn sein Federkleid wechselt, hängt nämlich von der Tageslänge ab. Wenn der Winter später kommt und früher geht, sind die weißen Vögel deshalb oft mit einer schneefreien Umgebung konfrontiert. Ausgesprochen auffällig, dürften sie zu leichter Beute werden. Bestätigt wurde diese Vermutung nun von finnischen Forschern um Markus Melin und Katja Ikonen vom Natural Resources Institute Finland in Joensuu.

          Bei ihren Untersuchungen konzentrierten sich die Wissenschaftler auf die südliche Population des Moorschneehuhns. Im Gegensatz zur nördlichen Population, die sich in der baumlosen Tundra tummelt, ist die südliche in den finnischen Waldgebieten heimisch. Genauer gesagt, bevölkert sie Moore, die von Wald umgeben sind. Um auch diese von Natur aus weitgehend baumfreien Areale forstwirtschaftlich nutzbar zu machen, wurden zwischen den fünfziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehr als achtzig Prozent der Waldmoore entwässert und bepflanzt. Unter dieser Veränderung hatten Birkhuhn und Auerhahn zu leiden, am meisten jedoch das Moorschneehuhn. Kein Wunder, dass sich dieser Vogel in Finnlands Wäldern zunehmend rar machte.

          Dass seit den neunziger Jahren neben ökonomischen Gesichtspunkten zunehmend auch ökologische eine Rolle spielen, hat die Zerstörung der Waldmoore gestoppt. Außerdem wurden bis zum Jahr 2013 zweihundert Quadratkilometer trockengelegtes Moor wiedervernässt. Die damit verbundene Hoffnung, dass sich die Moorschneehühner in den neu geschaffenen Biotopen wieder fleißig vermehren, hat sich allerdings nicht erfüllt. Obwohl die Jagd auf diese Hühnervögel eingeschränkt oder sogar komplett verboten wurde, ist die Population weiter geschrumpft. Auf der Suche nach der entscheidenden Ursache, konnten die Forscher um Melin auf die Zählungen eines zwanzigjährigen Monitoring-Programms zurückgreifen. Dabei wurde auch die Häufigkeit von Fuchs und Baummarder, die es mitunter auf Moorschneehühner abgesehen haben, in die Analyse einbezogen. Informationen über die lokale Schneehöhe lieferte Finnlands Meteorologisches Institut.

          Schneehühner in sommerlichen Farben

          Die Zahl der Apriltage ohne Schneedecke erwies sich als einziger Faktor, der die Zahl der Moorschneehühner im folgenden Jahr signifikant beeinflusst. Wie Melin und seine Kollegen in den „Scientific Reports“  berichten, ergaben ihre Modellrechnungen, dass die Population pro schneefreiem Apriltag um etwa drei Prozent schrumpft. Da es sich mittlerweile nicht mehr nur um einzelne Tage handelt, sondern manchmal um mehr als zehn, ist dieser Zusammenhang alarmierend.

          Zwar hat eine frühe Schneeschmelze den Vorteil, dass die Moorschneehühner leichter an Moosbeeren und andere Leckerbissen kommen. Wenn sie dann noch ein komplett weißes Federkleid tragen, das sich deutlich vom braunen Moor abhebt, wird ihnen das aber zum Verhängnis. Schon in den dreißiger Jahren, als die südliche Population des Moorschneehuhns nach einigen ungewöhnlich kurzen Wintern rasant abgenommen hatte, sind Greifvögel wie der Habicht in Verdacht geraten. Denn Beutetiere, die sich farblich stark von ihrer Umgebung unterscheiden, dürften diesen scharfsichtigen Jägern besonders ins Auge fallen.

          Wenn im Monat Mai der Schnee in Finnlands Wäldern endgültig dahinschmilzt, haben die Moorschneehühner schon größtenteils ihr Sommerkleid angelegt. Gescheckt oder braun, sind sie selbst für Adleraugen nur schwer auszumachen. Die britische Unterart des Moorschneehuhns, das auch in Irland und Nordengland heimische „Schottische Moorschneehuhn“ (Lagopus lagopus scoticus), trägt das gesamte Jahr über sommerliche Farben. Vermutlich hat es nach dem Ende der Eiszeit eine ganze Weile gedauert, bis diese westliche Population des Moorschneehuhns ihr weißes Winterkleid komplett abgelegt hatte. Ob die Evolution schnell genug verlaufen wird, um die Waldbewohner unter den finnischen Moorschneehühnern mit dem Klimawandel zu synchronisieren, bleibt eine offene Frage.

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