https://www.faz.net/-gwz-850zz

Crowdsourcing : Der Masse ausgeliefert

  • -Aktualisiert am

Müssen sich Makler und Taxifahrer schon um ihre Zukunft sorgen?

Beim Crowdsourcing macht jeder einen kleinen Teil, gemeinsam erledigt die Menge Großes. Das Internet ist dabei ein wichtiger Faktor, denn es befördert die Aufgaben wie ein Fließband an eine Masse von Arbeitern. Doch erst mit Smartphones schafft Crowdsourcing den Sprung in die reale Welt, wie das Beispiel aus Nepal zeigt: Menschen schossen vor Ort mit ihren Handykameras Fotos zerstörter Gebäude und luden sie anschließend, versehen mit GPS-Koordinaten, ins Netz. So tauchten die Fotos schließlich auf Karten auf, und Helfer konnten sich ein Bild von der Lage machen.

Andere Beispiele für diese einfache Art von Crowdsourcing finden sich im Marketing. Die Firma Streetspotr schickt ihre Nutzer los, damit sie mit den Handys Fotos von Supermarktregalen schießen. Firmen können auf diesen Bildern direkt sehen, wie gut ihre Produkte ankommen. Damit hat das Crowdsourcing eine neue Dienstleistung geschaffen. Allerdings bedroht es auch etablierte Industriezweige.

Wie, das demonstriert der umstrittene Fahrdienst Uber. Das Konzept der Firma ist einfach: Praktisch jeder, der ein Auto besitzt, kann seine Dienste als Fahrer anbieten. Wieder ist das Smartphone das verbindende Element; über ein Programm auf dem Gerät finden Fahrer und Fahrgast zueinander. Wer eine Fahrt buchen will, gibt die Strecke in sein Handy ein, das System findet dank GPS den passenden Fahrer und schickt ihn los. Auch Makler müssen künftig wohl bangen. „Wohnungssuchende könnten die Crowd für einen Finderlohn mobilisieren, oder die Crowd markiert leerstehende Wohnungen und Häuser“, sagt David Link, Gründer der Crowdsourcing-Plattform Workhub.

Nicht unbedingt ein Erolgskonzept

Der amerikanische Ökonom Clayton Christensen hat das Uber-Konzept als „disruptive innovation“ bezeichnet, als eine Innovation, die bestehende Dienstleistungen verdrängen könnte. Er begründet es damit, dass Uber zwar Nachteile gegenüber etablierten Taxen hat, etwa könne man sich nicht auf die Ortskenntnis der Uber-Fahrer verlassen. Dafür biete es Vorteile, die neue Kunden ansprächen: niedrige Preise, Bedienung per Handy, Bezahlung per Internet. In dieser Nische kann Uber wachsen und mit dem professionellen Taxi konkurrieren.

Amazon möchte wohl etwas Ähnliches wie Uber entwickeln. Aber während Kuriere und Paketboten ihre Arbeit in der Regel vertrauensvoll ausüben, ist das bei wildfremden Menschen, denen man mitunter wertvolle Pakete anvertrauen soll, nicht garantiert. Andererseits spricht das Angebot vielleicht Kunden an, die ihre Pakete schnell, günstig und außerhalb normaler Lieferzeiten haben wollen.

Ein Erfolgskonzept? Nicht unbedingt. Christian Papsdorf, Techniksoziologe an der TU Chemnitz, geht davon aus, dass Crowdsourcing Einfluss auf haushaltsnahe Dienstleistungen gewinnen werde. „Einkaufsdienste, Reinigung, Kinderbetreuung, Privatunterricht und Pflege ließen sich recht einfach auslagern“, sagt Papsdorf und bezweifelt zugleich, dass sich das Prinzip überall durchsetzt. In einer Welt, in der Dienstleistungen durch Crowdsourcing immer weniger wert sind, wird ein anderes Gut zunehmend wertvoller: die Online-freie Zeit. Und die Menschen, sagt Papsdorf, würden wohl schon bald merken, dass sie die nicht für schlecht entlohnte Crowdsourcing-Jobs opfern sollten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Michael Kaufmann (AfD) im März 2020

Neuer Bundestag : Diesen Kandidaten schickt die AfD ins Rennen

In der vergangenen Legislaturperiode sind sechs Kandidaten der AfD bei der Wahl für das Amt eines Vizepräsidenten des Bundestages durchgefallen. Jetzt kandidiert Michael Kaufmann. Hat er eine Chance?
Zum ersten Mal Mitglied des Bundestages: Armin Laschet

F.A.Z. Frühdenker : Die neuen Abgeordneten gehen an die Arbeit

Rund vier Wochen nach der Wahl tagt der Bundestag zum ersten Mal in neuer Zusammensetzung. Zudem wirft der große Klimagipfel erste Schatten. In Japan erfüllt sich ein langgehegter Wunsch. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.