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Braille-Schrift : Der Gutenberg der Blinden

  • -Aktualisiert am

Büste Louis Brailles von der Hand eines unbekannten Künstlers Bild:

Vor 200 Jahren wurde Louis Braille geboren, dessen Schriftsystem heute etwa 40 Millionen blinde Menschen weltweit benutzen. Im Berliner Museum für Kommunikation ist ihm gerade eine Ausstellung gewidmet.

          Wenn Dave Janischak liest, ist er kaum ansprechbar. Konzentriert lässt der 13-Jährige seine Finger über die grauen Seiten gleiten, ertastet binnen Bruchteilen einer Sekunde die ins Papier geprägten Punkte, fliegt mit seinen Händen über die Zeilen und Seiten hinweg. Dave liest sein Lieblingsbuch, „Eragon“, in Braille.

          Erst vor einem Monat hat der Gymnasiast aus Marburg seine Abschlussprüfung in der Blindenkurzschrift gemacht. Nun steht auch ihm die Welt der dicken Wälzer offen: „Harry Potter“ etwa oder „Der Herr der Ringe“ und eben „Eragon“, ebenfalls Fantasy. Diese Bücher, aber auch Werke von Kant und Goethe, Grisham und Coelho, sind so umfangreich, dass sie für Blinde nur in einer speziellen Kurzschrift veröffentlicht werden. Diese stellt Silben und Laute verkürzt dar – ein kompliziertes, an die Stenografie erinnerndes System, das schwer zu erlernen ist. Einzelne Zeichen oder Zeichenkombinationen ersetzen dabei gebräuchliche Wörter: Ein „O“ steht dann zum Beispiel für „oder“, ein „TZ“ bedeutet „trotz“. „Ich habe aber gemerkt, wie schnell ich Fortschritte mache“, sagt Dave. „Bei Eragon bin ich von Kapitel zu Kapitel schneller geworden, bis ich am Schluss die Seiten ganz normal lesen konnte.“

          Ganz selbstverständlich lernen blinde Kinder wie Dave heute lesen und schreiben: Jede Blindenschule lehrt das Relief-Alphabet, Braille-Schrift genannt. Und auch Sehenden begegnen die kleinen Noppen immer häufiger: in öffentlichen Gebäuden, auf Medikamentenpackungen oder in Fahrstühlen. Für blinde Menschen sind die sechs Punkte heute unverzichtbar. Wie soll ein autonomes Leben funktionieren, wenn im Gewürzregal das Oreganoglas nicht von dem mit Thymian zu unterscheiden ist? Oder wenn sich die Hülle der CD von Peter Fox genauso anfühlt wie die von Peter Maffay?

          Der Name „Louis Braille” in Braille-Schrift

          Von Schreibtafeln zur Computertastatur

          Erst 1879 führte Deutschland die Prägepunkte offiziell als Blindenschrift ein. Da war das System bereits mehr als fünfzig Jahre alt: 1825 hatte es der französische Teenager Louis Braille entwickelt. Es war ein gewaltiger Schritt, für blinde Menschen vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks. Über Jahrhunderte hatten sie keinen eigenen Zugang zur Literatur gehabt. Der Weg zu höherer Bildung oder einem Beruf war dadurch fast allen von ihnen versperrt. Lehrbücher mussten ihnen vorgelesen, Bilder und Karten beschrieben werden.

          Braille gab den Blinden endlich ein Alphabet an die Hand, das leicht zu lesen und zu schreiben ist. Auf einen Schlag konnten sie Bücher und Zeitungen nutzen, Briefe und Beschwerden schreiben, chemische Formeln notieren oder Musik komponieren. Ein Meilenstein für die Selbständigkeit und das Selbstbewusstsein blinder Menschen.

          „Mit Braille können wir die ganze Bandbreite des modernen Lebens abbilden, nicht nur Buchstaben, sondern auch Zahlen und Noten, mathematische Zeichen und Computersymbole“, sagt Friederike Beyer, Kuratorin am Berliner Museum für Kommunikation. Noch bis Mitte Dezember wird dort eine Ausstellung über das Leben und Werk Louis Brailles und dessen Wirkung bis heute gezeigt. Schreibtafeln aus dem 19. Jahrhundert sind zu sehen, auf denen Blinde mit einem Stichel Braillezeichen notieren konnten – noch heute tragen viele solch eine Tafel in Miniaturform bei sich, um unterwegs Notizen machen zu können.

          Das Punkt-System

          Zu Anfang des 20. Jahrhunderts folgt eine erste Schreibmaschine mit Braillezeichen, die Pichlermaschine. Sie erschließt den Blinden Büroberufe. Rasch sind sie als Angestellte begehrt, weil sie schneller tippen als ihre sehenden Kollegen. Aber die Berliner Ausstellung zeigt auch den heutigen Standard: Computer mit Braillezeile unter der Tastatur oder mit einem Screenreader. Die entsprechende Software erfasst Bildschirminhalte und wandelt sie entweder in Braille um oder liest sie vor. Blinde können damit Websites oder Tabellen lesen, aber auch Menüfenster und Kurzbefehltasten bedienen. „Weil Braille so logisch und systematisch aufgebaut ist, lässt sich die Schrift recht problemlos in die Computertechnik integrieren“, sagt Friederike Beyer. „Braille ist noch heute unersetzlich, es gibt keine bessere Blindenschrift.“

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