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Botox : Ein Stoff, der alles ausbügelt

  • -Aktualisiert am

Bild: AP, dpa

Als tödliches Gift war das bakterielle Botulinumtoxin gefürchtet. Heute lassen sich mit „Botox“ Millionen verdienen. Und neben Falten auch Schweißfluss und Übergewicht behandeln.

          Linda Evangelista, David Hasselhoff und Brooke Shields haben es zugegeben, Madonna und Nicole Kidman verweigern dazu die Aussage. Dabei, so weiß es die Gerüchteküche in Hollywood, nimmt es im Showbusiness doch jeder über 40, entweder früher oder später: Botulinumtoxin, kurz Botox.

          Kaum einer von Hollywoods Celebrities oder den Tausenden Anwendern hierzulande, die sich das Verjüngungselixier injizieren lassen, um allzu tiefe Stirnfalten oder Krähenfüße an den Lidwinkeln zu eliminieren, verschwendet wohl einen Gedanken an die Herkunft dieser Stütze der kosmetischen Chirurgie oder an deren vielfältigen Nutzen in der Praxis.

          Botox ist ein Gift - und zwar ein denkbar starkes. Unter anaeroben, also sauerstofffreien Bedingungen produzieren die stäbchenförmigen Bakterien der Spezies Chlostridium botulinum dieses stärkste in der Natur vorkommende Toxin. Berüchtigte Botulinum-Brutstätten sind Fleisch- und Wurstprodukte oder unsauber abgefüllte Konserven: Wer solche verdorbenen Lebensmittel isst, kann durch eine Lähmung der Atemmuskulatur sterben, wenn nicht rechtzeitig ein Gegenmittel gespritzt wird. Sieben Varianten des Botulinumtoxins lassen sich immunologisch unterscheiden: Nur die als A, B, E und F bezeichneten Toxine sind beim Menschen wirksam.

          Faltenfrei: Botulinumtoxin wird gespritzt, um die Haut zu straffen und Falten zu mindern.

          Unterschiedlichste Anwendungen

          Das tödliche Gift hat aber durchaus positive Seiten. Seit etwa zwanzig Jahren wird das Botulinumtoxin auch jenseits des Schönheitswahns in der Medizin eingesetzt. Seine Fähigkeit, über die Blockade der Nervenzellen Muskeln zu lähmen, lässt sich therapeutisch nutzen, indem es in stark verdünnter Konzentration in jene Muskulatur injiziert wird, deren Tonus man abschwächen will, weil er auf krankhafte Weise erhöht ist.

          Doch damit sind die Möglichkeiten des Wirkstoffs längst nicht erschöpft. Der amerikanische Neurologe Mitchell Brin gerät über das Toxin geradezu ins Schwärmen: "Je mehr wir seine Wirkung verstehen, desto mehr neue Ideen zu seiner Anwendung kommen uns." Es gebe wohl kein Medikament auf der Welt, das sich bei so vielen unterschiedlichen Anwendungen bewährt habe. Brins Begeisterung ist nicht ganz selbstlos, er ist Chefwissenschaftler des amerikanischen Pharmakonzerns Allergan, für den das Bakteriengift zum Goldesel wurde. Allergan dominiert mit seinem Produkt Botox und einem Marktanteil von 83 Prozent deutlich das Geschäft mit dem Botulinumtoxin. Im vergangenen Jahr wurde damit weltweit ein Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar erzielt, zur Hälfte mit kosmetischen Anwendungen. Die andere Hälfte birgt noch erhebliches Wachstumspotential: Allergan hat bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung von Botox für nicht weniger als 90 Indikationen beantragt.

          Ein krampflösendes Mittel

          Weltweit ist das Gift bislang für die Behandlung von 16 Krankheitsbildern zugelassen. Doch der sogenannte Off-Label-Gebrauch ist inzwischen auch bei anderen Indikationen üblich. Und fast täglich erscheinen Fachartikel, die in optimistischem Ton neue Anwendungen beschreiben und weitere Einsatzgebiete propagieren. In Deutschland sind zurzeit fünf Botulinumtoxin-Präparate erhältlich. Neben dem Botox-Produkt des Herstellers Allergan enthalten die Präparate Xeomin (Merz), Dysport (Ipsen) und Vistabel (Allergan) das Botulinumtoxin A, Neurobloc (Solstice/Eisai) enthält dagegen Botulinumtoxin B.

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