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Borderline-Therapie : Überlebenskampf im Kellerraum

  • -Aktualisiert am

Rund eine Million Menschen in Deutschland leiden unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung - die meisten von ihnen sind junge Erwachsene. Mit einer neuen Verhaltenstherapie soll ihnen in der psychiatrischen Klinik Littenheid in der Schweiz geholfen werden.

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          Heute schneidet sich Jenny (Name geändert) nicht mit einer Rasierklinge den linken Oberarm auf: Sie steht in einem kleinen kahlen Kellerraum, ihre dunklen Augen schauen auf einen schwarzen Sandsack, ihr Blick ist leer. Die zierliche, 20 Jahre junge Frau schlägt zu. Mit aller Kraft haut sie gegen den schweren Sack. Immer wieder. Nur die dumpfen Schläge sind zu hören. Nach zwanzig Minuten wird es still im Keller der psychiatrischen Klinik Littenheid bei Wil nahe dem Bodensee. Die Übung ist beendet.

          Gestern hat es Jenny nicht zum Boxen in den Keller geschafft. An ihrem linken Arm trägt sie einen Verband, getrocknetes Blut schimmert rotbraun durch den weißen Stoff. Für Jenny ist Boxen keine Fitneßübung, es ist ein Überlebenstraining. Mit körperlichen Anstrengungen und Stimulationen lenkt sie sich von dem Drang ab, sich selbst zu verletzen. Die Deutsche leidet an der Borderline-Persönlichkeitsstörung (siehe auch: Borderline-Persönlichkeitssyndrom: Unsicherheit, Leere und heftige Wut). Das Boxen ist Teil einer noch jungen Richtung der Verhaltenstherapie. Die schweizerische Klinik Littenheid hat sie als eine der ersten Einrichtungen angeboten. Die Patienten werden in der Klinik drei Monate lang therapiert - länger zahlen die Kassen meist nicht. Nach dem Klinikaufenthalt werden die psychisch Erkrankten ambulant weiterbehandelt.

          Traumatische Kindheitserlebnisse sind oft Auslöser

          Unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) leiden schätzungsweise 1,5 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland, rund eine Millionen Menschen. Vier Prozent von ihnen sterben an den Folgen der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Während erkrankte Männer oft Mitmenschen verletzen, richten Frauen die Gewalt eher gegen sich selbst.

          Der Film „Allein” zeigt die Seelenqualen der Borderline-Patienten
          Der Film „Allein” zeigt die Seelenqualen der Borderline-Patienten : Bild: picture-alliance/ dpa

          So wie Jenny: Als Teenager kratzte sie zunächst nur Mückenstiche auf, doch dann steigerten sich die Selbstverletzungen - bis hin zu tiefen Schnittwunden an Armen und Beinen. Wie bei vielen BPS-Patienten wurde Jennys Krankheit durch traumatische Kindheitserlebnisse ausgelöst. Mit Fremden spricht sie nicht über ihre Kindheit. Mitpatienten und Pfleger erzählen Teile ihrer Geschichte: Seit ihrem sechsten Lebensjahr wurde sie über Jahre hinweg von mehreren Männern sexuell mißbraucht. Mutter und Vater konnten dem Mädchen bei seinen körperlichen und seelischen Schmerzen nicht helfen. Jennys Eltern leben getrennt; ihr Vater ist Alkoholiker, zur Mutter hat sie kaum Kontakt. Als sie vor wenigen Monaten gegen einen der Täter vor Gericht aussagen sollte, kam sie in eine große Krise - und kurz darauf in die Klinik Littenheid.

          Hausaufgaben in Selbstachtung

          Hier lernt Jenny in einer Gruppentherapie „Skills“ (auf deutsch: Fähigkeiten), die sie in Krisenmomenten anwenden soll, anstatt sich zu verletzen. Das „Skillstraining nach der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT)“ ähnelt ein bißchen dem Schulunterricht. Die Fächer auf dem Stundenplan sind allerdings ungewöhnlich: „Achtsamkeit“, „zwischenmenschliche Fähigkeiten“, „Stresstoleranz“, „Umgang mit Gefühlen“. Die speziell ausgebildeten Pfleger unterrichten ihre zehn Patienten täglich in diesen Fähigkeiten. Jenny hat ihre Hausaufgaben gemacht: Um Selbstachtung zu trainieren, hat sie gelernt „fair und ehrlich gegenüber sich selbst zu sein“. Fair und ehrlich zu sein bedeutet für Jenny, sich zuerst die Einschätzung von Mitpatienten einzuholen, bevor sie sich vorschnell die Schuld für ein kleines Mißgeschick im Haushalt gibt. In der „Skillsgruppe“ spricht sie über ihre Erfahrungen und bekommt ein Feedback von Pflegern und Mitpatienten.

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