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Bootsflüchtlinge : Sie kamen, um zu bleiben

Gerettet von der „Cap Anamur“: Vietnamesische Flüchtlinge im Jahr 1979 Bild: Gerard Klijn

Vor vierzig Jahren endete der Vietnam-Krieg. Damals nahm Deutschland Tausende Boatpeople auf. Wie geht es ihnen heute? Und was können wir aus der Geschichte lernen?

          Als am vergangenen Wochenende gemeldet wurde, dass bei einem Schiffsunglück schätzungsweise siebenhundert Flüchtlinge vor der libyschen Küste ertrunken sind, ging es plötzlich schnell. Schon am Montag legte die Europäische Kommission einen Plan vor, der die Rettung Schiffbrüchiger erleichtern soll, aber auch die Einreise über das Mittelmeer erschweren. Am Donnerstag trafen sich dann die Regierungschefs in Brüssel auf einem Sondergipfel. Um zu verhindern, dass noch mehr Menschen auf See ums Leben kommen, beschlossen sie, die Mittel zur Seenotrettung aufzustocken, gegen die Schlepper vorzugehen und die Flüchtlinge besser auf die Mitgliedsländer der EU zu verteilen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Angesichts der drastisch gewachsenen Flüchtlingszahlen wird dieser Beschluss nun von vielen als halbherzig kritisiert. Weil er nicht ausreiche, Europa gegen unerwünschte Migranten abzuschotten, sagen die einen; sie fordern unter anderem mehr militärische Präsenz vor der libyschen Küste. Weil er nicht ausreiche, um das Leben der Flüchtlinge zu schützen, sagen die anderen und fordern großzügigere Regelungen zur Einreise.

          Rund 219 000 Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr über das Mittelmeer in die EU, mehr als dreimal so viel wie im Jahr zuvor. Wie viele unterwegs ertrunken sind, ist ungewiss. Dass diese Flüchtlingswelle von den Bürgerkriegen im Nahen Osten und in Nordafrika ausgelöst wurde, liegt auf der Hand.

          Als der Vietnam-Krieg zu Ende ging

          Die Entwicklung erinnert an die Zeit Ende der siebziger Jahre nach dem Ende des Vietnam-Kriegs. Auch damals gingen dramatische Bilder von sogenannten Boatpeople um die Welt. Viele von ihnen verschlug es ebenfalls nach Europa. Kann man aus ihrem Schicksal vielleicht Lehren ziehen, wie man heute reagieren sollte?

          Vietnam war damals schon seit Jahrzehnten geteilt, in einen kommunistischen Norden und den antikommunistischen Süden. Daraus entstand ein Krieg, in den die Sowjetunion, die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten eingriffen. Mit verheerenden Folgen: Nach unterschiedlichen Schätzungen gab es bis zu fünf Millionen Tote, darunter etwa viermal so viele Zivilisten wie Soldaten. Nach der Eroberung der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon im April 1975 durch den Vietcong flüchteten 130 000 Menschen bereits zusammen mit den Amerikanern. 263 000 weitere emigrierten auf dem Landweg in die Volksrepublik China. Die meisten aber flüchteten, wie heute, über das Meer.

          Für viele war das der einzige Ausweg. Die Südvietnamesen - und auch die als Minderheit im Land lebenden Chinesen - wollten vor allem nach Malaysia, Indonesien, Singapur oder Hongkong. Viele der hoffnungslos überfüllten Boote gerieten in Seenot und sanken. Piraten lauerten den Flüchtlingen auf, oft reichten die Lebensmittel und das Trinkwasser nicht entfernt für alle Passagiere. Erreichten die Schiffe das Land, wurden die Flüchtlinge dort meist unter entwürdigenden Bedingungen kaserniert. Oder zurück auf See geschickt. Schätzungen zufolge gelang einer halben Million Menschen die Flucht in ein anderes Land, weitere 250 000 starben auf See oder in Internierungslagern.

          „Cap Anamur“ und die Folgen

          Das Elend der Boatpeople erregte bald die Aufmerksamkeit der westlichen Medien. In der Bundesrepublik kam es dadurch zu einer Solidarisierungswelle in der Bevölkerung. Gefordert wurde, die Flüchtlinge nach Westdeutschland zu holen, ohne erst - wie im Asylrecht vorgesehen - das jeweilige Fluchtmotiv zu prüfen, um die Aufnahme von sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen auszuschließen. Besonders der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht engagierte sich in dieser Frage.

          Im November 1978 beschloss die Bundesregierung, die Flüchtlinge aufzunehmen. Die ersten 163 Menschen trafen am 3. Dezember 1978 in Deutschland ein. Dass es in der Folge sehr viel mehr wurden, liegt nicht zuletzt an dem deutschen Journalisten Rupert Neudeck. Gemeinsam mit Prominenten wie Heinrich Böll gründete er den Verein „Ein Schiff für Vietnam“. Finanziert durch Spendengelder, wurde der Frachter „Cap Anamur“ zum Tagessatz von etwa 15 000 Mark gechartert und zum Hospitalschiff umgebaut. Neben einer Großküche wurde die Cap Anamur auch mit Toiletten und Duschen, einem Operationssaal und einer Apotheke ausgestattet. Die erste Fahrt begann am 9. August 1979, der Verein führte die Aktion bis 1986 fort. Insgesamt wurden damit 10 375 Menschen aus Seenot gerettet.

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