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Rätselhafte Vogelkrankheit : Blaumeisen verenden an Lungenentzündung

  • -Aktualisiert am

Wahrscheinlich starben viele Blaumeisen (Cyanistes caeruleus) in den vergangenen Wochen an dem Bakterium „Suttonella ornithocola“. Bild: Picture-Alliance

Tausende Blaumeisen sind in den vergangenen Wochen einer aggressiven Infektion zum Opfer gefallen. Nun haben Veterinärmediziner den Erreger gefunden.

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          Der Keim, an dem seit Mitte März zahllose Blaumeisen in Deutschland gestorben sind, ist identifiziert. Wie das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) auf seiner Homepage mitteilt, sei bei feingeweblichen Untersuchungen verendeter Tiere aus den Kreisen Ammerland und Diepholz eine von dem Bakterium Suttonella ornithocola ausgelöste Lungenentzündung festgestellt worden. Auch das Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des nordrhein-westfälischen Kreises Steinfurt hat den Erreger, der erstmals 1996 in Großbritannien beschrieben wurde, in toten Meisen nachgewiesen. Welche Ansteckungswege das Bakterium nimmt, lässt sich laut Laves noch nicht sagen. Denkbar sei eine „Übertragung via Aerosol oder durch Kontakt mit infizierten Sekreten“. Infektionen von Menschen und anderen Tierarten seien nicht bekannt.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zufolge werden erkrankte Meisen oft in Gärten und an Futterstellen entdeckt. Sie haben verklebte Augen und ein struppiges Gefieder, nehmen keine Nahrung mehr zu sich und scheinen unter Luftnot zu leiden. In den vergangenen anderthalb Wochen sind mehr als 11.000 Meldungen zu infizierten oder toten Vögeln beim Nabu eingegangen. Die Herkunftsorte der Beobachtungen deuten auf „eine klare Häufung in einem Streifen quer durch Westdeutschland von Rheinland-Pfalz und dem Saarland bis Hessen sowie in Teilen des westlichen Niedersachsen“. Inzwischen hat die Krankheit Mecklenburg-Vorpommern erreicht.

          Schon früh wurde deutlich, dass die in Deutschland regelmäßig auftretenden Vogelleiden nicht zu den aktuellen Todesfällen passen. Renke Lühken, Arbovirologe am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, sagt, man habe etwa das Usutu-Virus als Ursache schnell ausschließen können. Der aus Afrika stammende Erreger wurde 2010 erstmals bei uns nachgewiesen und befällt seit 2011 jedes Jahr vor allem Amseln. Überträger sind Stechmücken, deren Saison jedoch noch nicht begonnen hat. Auch der Einzeller Trichomonas gallinae, welcher besonders Grünfinken zusetzt, tritt erst im Sommer auf.

          „Social Distancing“ für Vögel

          Im April 2018 wurde schon einmal ein ungewöhnlich massives, durch Suttonella ornithocola ausgelöstes Meisensterben in Nordrhein-Westfalen beobachtet. Sabine Merbach, Martin Peters, Jochen Kilwinski und Daniela Reckling haben darüber im vergangenen Jahr einen Artikel in der „Berliner und Münchener Tierärztlichen Wochenschrift“ veröffentlicht. Sie berichten von Meisen mit nekrotisierenden Lungenentzündungen sowie rot-schwärzlichem Darminhalt und geben folgende Empfehlung: „Suttonella ornithocola stellt eine mögliche Ursache für das aktuelle Meisensterben in Nordrhein-Westfalen, Deutschland, dar und sollte daher als wichtige Differenzialdiagnose bei fatal verlaufenden Erkrankungen bei Meisen in Kontinentaleuropa berücksichtigt werden.“

          Der Dachverband Deutscher Avifaunisten hat 2019 ermittelt, dass die Blaumeise momentan auf Platz sechs der häufigsten Brutvögel Deutschlands rangiert. Sollte sich die Infektion weiter ausbreiten, ist die Chance für Gartenbesitzer groß, auf kranke oder tote Exemplare zu stoßen. In diesem Fall rät der Nabu dazu, „Fütterung und die Bereitstellung von Tränken sofort einzustellen – sozusagen als ‚Social Distancing‘ für Vögel“. Hilfreich sei es weiterhin, jeden Fund mit Ort und Datum auf der Homepage des Nabu zu melden; zudem könnten tote Meisen nach vorheriger Rücksprache beim zuständigen Kreisveterinäramt abgegeben werden. Lars Lachmann, Spezialist für Vogelschutz beim Nabu, geht davon aus, dass die Infektionszahlen Ende des Monats sinken werden. Bislang habe das Bakterium stets im März und April Vögel befallen: „Erklären kann das noch keiner.“

          Für den 8. bis 10. Mai ruft der Naturschutzbund wieder zur Zählaktion „Stunde der Gartenvögel“ auf. Die dabei gewonnenen Daten sollen Aufschluss darüber geben, ob der Bestand der Blaumeise in den betroffenen Gebieten eingebrochen ist. Im vergangenen Jahr haben mehr als 76.000 Menschen an dem Citizen-Science-Projekt teilgenommen.

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