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Bioakustik : Symphonien aus dem Gras

  • -Aktualisiert am

Die Welt aus der Sicht des Wachtelkönigs. Wenn es auf der Wiese ratscht und knarrt, verbirgt sich dort vielleicht ein solcher Vogel aus der Familie der Rallen. Mit Mikrophonen lässt er sich dann besser aufspüren als mit Ferngläsern. Bild: dpa

Bioakustiker erforschen gewöhnlich die Lautäußerungen einzelner Tiere. Einige aber belauschen die Klangteppiche ganzer Ökosysteme und versuchen daraus abzuleiten, wie ungestört die Natur dort ist – oder wie gefährdet.

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          Wenn der Abend dämmert, schallt zu dieser Jahreszeit ein unverwechselbares Knarren über die Auwiesen im brandenburgischen Nationalpark Unteres Odertal. Rerrp-Rerrp, als ratsche jemand mit dem Fingernagel an einem grobzinkigen Kamm entlang. Mit diesem schnarrenden Ruf markieren die männlichen Wachtelkönige ihr Revier. Wer den kleinen braunen Vogel zu Gesicht bekommt, hat Glück. Meist hält sich der sogenannte Wiesenknarrer – dessen wissenschaftlicher Name tatsächlich Crex crex lautet – im hohen Gras versteckt.

          Wissenschaftler des Berliner Museums für Naturkunde spüren Crex crex darum mit Mikrofonen auf. Sie hängen die Rekorder in Bäume oder plazieren ihre Stative mitten auf der Wiese. Über Wochen können sie jeden Ton aufzeichnen, den die Vögel von sich geben. Auch Insekten oder Säugetiere werden zu Forschungszwecken abgehört. Im Grunde kann alles, was Geräusche macht, bioakustisch untersucht werden, wie man es schon von Walgesängen kennt. Mittlerweile belauschen Forscher sogar ganze Ökosysteme. Denn der Klang der Natur verrät viel über ihren Zustand.

          Eine Frage der Mustererkennung

          Wer an warmen Maitagen über eine Wiese spaziert, wird im besten Fall zum Publikum eines vielstimmigen Konzerts. An den Blüten brummen die Erdhummeln, Feldgrillen zirpen, Braun- und Schwarzkehlchen trällern schon. Auch der pfeifende Singsang des Wiesenpiepers könnte über die Wiese klingen, vielleicht kräht ein Fasan. „Auf einer intakten Wiese würden wir hoffentlich eine Menge von Feldlerchen hören“, sagt der Zoologe Karl-Heinz Frommolt und fügt hinzu: „Es kommt natürlich immer darauf an, wo die Wiese liegt.“ Frommolt leitet das Tierstimmenarchiv am Berliner Museum für Naturkunde. Bioakustiker wie er versuchen aus dem Summen, Brummen und Zwitschern einzelne Spezies zuverlässig herauszufiltern. Um heimische Vogelarten genau auseinanderzuhalten, bedürfe eines geübten Gehörs, sagt Frommolt. Das gelinge auch dank moderner Technik: Sogenannte Mustererkennungsalgorithmen könnten Tierarten bereits gut heraushören, zumindest in sauberen Aufnahmen mit nur einer Art oder wenigen Hintergrundgeräuschen. In freier Wildbahn herrscht jedoch meist ein Durcheinander an Lauten.

          Ein neuartiges Sensorsystem soll nun helfen, anhand solcher Klanggemische Tierarten automatisch zu erfassen und zu verorten. Frommolt und seine Kollegen testen es an den Wachtelkönigen im Unteren Odertal. Auf den Wiesen brüten rund fünfzig Paare der stark gefährdeten Vogelart. Wird das Gras zur falschen Zeit gemäht, verscheucht das die Wachtelkönige aus ihren Nestern. Das neue Sensorsystem stellt nicht nur fest, ob die Vögel in dem Gebiet vorkommen, sondern auch, wo genau sie sich dort aufhalten. Der Rekorder der Wissenschaftler thront dazu auf einem Ständer, mit dem er sich fast überall aufstellen lässt. Vier Mikrofone nehmen die Umgebungsgeräusche gleichzeitig auf, die angeschlossene Software lokalisiert die Vögel und meldet ihren Standort in Echtzeit. Die Forscher entscheiden so, welche Teile der Wiese gemäht werden können, ohne die Wachtelkönige aufzuschrecken.

          Vom Musiker zum Naturalisten

          Frommolt und seine Kollegen konzentrieren sich auf nur eine Art. Manche Wissenschaftler versuchen hingegen die Klangkomposition ganzer Ökosysteme zu entschlüsseln. Jedes Biotop hat gewissermaßen einen akustischen Fingerabdruck. Die Tiere sind so aufeinander eingespielt, dass sich möglichst viele Arten Gehör verschaffen können – jeder singt, krächzt oder brüllt in seinem eigenen Frequenzbereich.

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