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Bilinguale Erziehung : Mehr Sprache wagen

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Mindestens zweisprachig: Der „jodelnde Japaner“ Takeo Ishii lebt in Reit im Winkl und blickt auf zahlreiche Auftritte im deutschen Fernsehen zurück. Bild: SZ Photo

Deutschpflicht für Migrantenfamilien oder Mandarin in der Grundschule: Werden Kinder damit mehrsprachig?

          Vor ein paar Tagen erregte ein Vorschlag aus CSU-Kreisen die Gemüter: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen“, hieß es in einem Antrag zum CSU-Parteitag.

          Dass man in Deutschland nur Deutsch spricht, ist allerdings gar nicht so selbstverständlich. Die Vorstellung, dass zu jeder Nation auch eine gemeinsame Sprache gehöre, bildete sich erst im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts heraus. Vorher gab es unzählige Dialekte, mitunter sprach man schon im Nachbardorf ganz anders als zu Hause. Erst mit der Entstehung der Nationalstaaten in Europa wurde die Sprache neben den geographischen Grenzen zu einem Merkmal, um ein Staatsvolk von einem anderen zu unterscheiden. Die Etablierung allgemein zugänglicher Schulsysteme begünstigte die sprachliche Einebnung der Dialektvielfalt, weil die im Land verbindliche Sprache auch dem Unterricht zugrunde lag. Der Nationalismus verschärfte dies noch, die Benutzung der Staatssprache wurde zum Loyalitätsbeweis.

          Der Boom der bilingualen Kitas

          „Auf dieser historischen Idee baut unser Unterrichtssystem immer noch auf“, sagt Ingrid Gogolin, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Es setzt voraus, dass alle Kinder eine gemeinsame Muttersprache haben und diese dann in die Schule mitbringen. Doch die Realität sieht mittlerweile anders aus. Durch die Migration der vergangenen 50 Jahre ist die Bundesrepublik Deutschland heute mehrsprachiger denn je. „Schaut man sich Kindergärten und Schulen an“, sagt Gogolin, „haben die Kinder eine sehr unterschiedliche Bandbreite von sprachlichen Vorkenntnissen und Fähigkeiten.“

          Diese Unterschiede können entstehen, wenn die einen Kinder in den Familien nur ihre Muttersprache sprechen, die anderen aber mit mehreren Sprachen aufwachsen – und das nicht nur, weil die Eltern einen Migrationshintergrund haben. Manche wollen auch die Berufschancen ihrer Kinder durch eine mehrsprachige Erziehung verbessern. Auch deshalb stieg, einer Umfrage des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen zufolge, die Anzahl von bilingualen Kindergärten von 340 im Jahr 2004 auf 1035 im Jahr 2014. Dabei ist Englisch die Fremdsprache der Wahl, sie wird an 41 Prozent der Kitas angeboten.

          Wann sind mehrsprachige Kinder im Vorteil?

          Aber ist, wer bilingual aufwächst, automatisch im Vorteil? Tatsächlich haben Kinder, die mehrere Sprachen gebrauchen, zunächst einen kleineren Wortschatz. Denn die Entwicklung des Vokabulars hängt vom sprachlichen Input ab. Und der ist pro Sprache geringer, wenn Kinder zwei statt nur einer Sprache hören. Dabei lernen Kinder in verschiedenen Sprachen auch verschiedene Wörter. Im heimischen Gespräch etwa mit den türkischen Eltern tauchen andere Themen und Vokabeln auf als im deutschsprachigen Austausch im Kindergarten.

          Nimmt man also beide Sprachen zusammen, entwickelt das Kind durchaus einen größeren Wortschatz. Wenn aber in der Schule nur Deutsch gesprochen wird, entstehen einem nicht muttersprachlich deutschen Kind dort Nachteile – und das nicht nur im Deutschunterricht. Diese Defizite im Vokabular können auch über die Kindheit hinaus bis ins hohe Alter bestehen bleiben. Das belegen auch gängige Tests: Gibt man Kindern etwa die Aufgabe, in 60 Sekunden so viele Wörter wie möglich zur Kategorie „Tiere“ aufzuschreiben, finden einsprachige mehr davon – weil ihnen die richtigen Wörter schneller einfallen.

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