https://www.faz.net/-gwz-adjih
Foto: dpa

Mutter, Tochter und bald ein Baby?

Text von KASPER GOETHALS und OLIVIA KORTAS
Fotos von JOHANNES DE BRUYCKER
Foto: dpa

13. Juli 2021 · Die beiden letzten Nördlichen Breitmaulnashörner leben in einem Reservat in Kenia. Dort stehen sie unter strenger Bewachung – und werden regelmäßig von ­Tierärzten besucht, die diesen Pflanzenfressern noch ­weitere Generationen bescheren möchten.

Am Nachmittag des 28. Juni 2000 merkte Jan Ždárek, dass es bald so weit sein könnte. Die Nashornkuh Najin war hochträchtig, seit Tagen tröpfelte Milch aus ihrem Euter. In freier Wildbahn suchen Nördliche Breitmaulnashörner schon Wochen bevor sie gebären im Dickicht Schutz und gehen auf Distanz zu anderen. Aber Najin war selbst im Zoo Dvur Králové im Norden Tschechiens zur Welt gekommen, und jetzt drehte sie nervös in ihrer Box Runde um Runde, warf mit Heu um sich. „Abends beruhigte sie sich, aber ich wagte es nicht, einzuschlafen“, erinnert sich Tierpfleger Ždárek. Nachts um halb drei war der große Moment gekommen. Die ganze Welt konnte damals via Liveübertragung zusehen, wie Najin sich hinlegte und ihr Junges hinauspresste. „Die Geburt des Millennium-Babys“ – für den tschechischen Fernsehsender ein TV-Event. „Man wird schon etwas nervös, wenn man weiß, worum es geht“, erzählt Ždárek, der als Einziger vor Ort war. „Wir hatten zehn Jahre auf diesen Moment gewartet. Dies war eines der seltensten, wenn nicht das seltenste Tier auf der Welt.“ Das Baby, Fatu, stand bald auf und trank. „Neue Hoffnung für eine gefährdete Art“, schrieb die Nachrichtenagentur Reuters. Die Euphorie war groß. 

Der heute 57-jährige Ždárek kümmert sich immer noch um die Nashörner in Dvur Králové. Für Fatu und Najin ist er nicht mehr verantwortlich: 2009 brachte ein Jumbojet die Weibchen von Tschechien nach Kenia, in Begleitung der beiden Bullen Sudan und Suni. Seither leben sie im privaten Reservat Ol Pejeta Conservancy, 130 Kilometer nördlich von Nairobi. Fatus Geburt war die letzte eines Nördlichen Breitmaulnashorns; in Kenia, hofften Experten, würde es mit dem Nachwuchs besser klappen.

Fatu, 21 Jahre alt, kam in einem tschechischen Zoo zur Welt und wurde weltweit als Millennium-Baby gefeiert.
Fatu, 21 Jahre alt, kam in einem tschechischen Zoo zur Welt und wurde weltweit als Millennium-Baby gefeiert.

Der Wunsch erfüllte sich nicht. Suni starb im Jahr 2014, Sudan vier Jahre später. Najin und Fatu sind die zwei letzten nördlichen Breitmaulnashörner auf dem Planeten – Bürgerkriege, Wilderei und Gier rotteten ihresgleichen aus. Sie gelten als „funktionell ausgestorben“, denn auf natürliche Weise können sich die Weibchen nicht länger fortpflanzen. Im Gegensatz zum Mammut oder dem Dodo sind sie allerdings noch nicht Geschichte, sondern lebende Mahnmale, wie der Mensch die Artenvielfalt von Fauna und Flora beschneidet.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, es ist kalt an diesem frühen Februarmorgen 2021. Nachts kann es gefrieren in dieser Höhenlage, 1.800 Meter über dem Meeresspiegel, tagsüber steigen die Temperaturen hier am Fuße des Mount Kenya auf 30 Grad Celsius. Irgendwo in der Nähe knurrt ein Löwenrudel, Affen hangeln sich über uns von Ast zu Ast. Der 32-jährige Ranger James Mwenda, Fatus und Najins charismatischer Pfleger, schlendert auf den Zaun ihres Nachtgeheges mit den Schutzverschlägen zu. „Good giiirls“, brummt Mwenda zur Begrüßung. Gute Mädchen. Fatu erwartet ihn schon, sie ähnelt längst nicht mehr dem Millennium-Baby auf den tschechischen Fotos. Ihre Haut wirkt rau wie trockener Schlamm, von silbergrauen Kratzern durchzogen. Sie ist eine 21-jährige Kuh mit breiter Schnauze und dunklen Knopfaugen, die kaum sehen, sie ist fast vier Meter lang und mehr als zwei Tonnen schwer. Abgesehen von Elefanten sind Breitmaulnashörner die größten lebenden Landtiere, und ihre Bewegungen erscheinen grobschlächtig, doch bei dieser Statur beeindruckend effizient. Hinter Fatu warten mit etwas Abstand Mutter Najin und Tauwo, ein Südliches Breitmaulnashorn. Das wurde den Zootieren in Ol Pejeta zur Seite gestellt, um ihnen zu zeigen, wie sich wilde Nashörner verhalten. In Dvur Králové hüpften Katzen auf ihnen herum, jetzt reiten Madenhacker auf ihren Rücken. Und Mwenda lässt jeden Morgen prüfend seine Hände über ihre Haut gleiten, bevor er sie auf eine 16 Hektar große Weide führt.

Ranger James Mwenda bringt Najin und Fatu morgens zur Weide von Ol Pejeta und abends zurück in ihr bewachtes Nachtgehege.
Ranger James Mwenda bringt Najin und Fatu morgens zur Weide von Ol Pejeta und abends zurück in ihr bewachtes Nachtgehege.

Genetische Analysen aus dem Jahr 2016 lassen annehmen, dass sich die Linie des Nördlichen Breitmaulnashorns (Cerato­therium simum cottoni) vor rund einer halben bis ganzen Million Jahre von der des Südlichen (Ceratotherium simum simum) trennte, vielleicht aber auch erst vor ein paar Hunderttausenden von Jahren. Sie sind in anderen Regionen Afrikas heimisch, und Forscher streiten, ob es sich um zwei Arten oder Unterarten handelt. Jedoch sind sie an verschiedene Habitate angepasst, und einige Unterschiede sind auf den ersten Blick erkennbar: Najin und Fatu haben breitere Füße als Tauwo, was in sumpfigen Gebieten von Vorteil ist; Haarbüschel krönen die Ohren, ihre Nacken sind mächtiger, die Schwänze länger. Auch in Zahnmorphologie und Schädelanatomie weichen sie voneinander ab.

Kurz bevor die Sonne gegen 18.30 Uhr untergeht, kündigt sich James Mwenda den Nashörnern laut rufend an: „Fatu! Fatu!“ Sobald die drei Nashornkühe ihren Pfleger wahrnehmen, lassen sie vom Grasen ab und trotten von allein auf das Nachtgehege zu. Als sie das Gatter passieren, halten sie kurz an einem Misthaufen: „Es ist ihre Website“, sagt Mwenda und grinst. Wenn in freier Wildbahn ein Nashorn an den Exkrementen eines anderen vorbeikomme, könne es alle Informationen erschnuppern, die es brauche. Die nun darauf fallenden frischen Kotbälle sind also ihre Art von Update. Meist spricht Mwenda spielerisch über die Nashörner und bezeichnet Fatu im Scherz auch als seine Freundin, aber die Arbeit geht ihm nah: „Es ist emotional anstrengend, sich um eine Art zu kümmern, die direkt vor deinen Augen ausstirbt.“ Den 19. März 2018, der Tag, an dem mit Sudan das letzte Männchen starb, nennt der Ranger „den traurigsten Tag meines Lebens“. Der altersschwache Bulle musste eingeschläfert werden, nachdem er nicht mehr von selbst auf die Beine gekommen war.

Der letzte Bulle: Sudan kam 1975 als Wildfang in einen Zoo, knapp 100 Kilometer östlich von Prag gelegen; 2009 flog man ihn nach Kenia, wo das Nördliche Breitmaulnashorn 2018 im Reservat Ol Pejeta starb.
Der letzte Bulle: Sudan kam 1975 als Wildfang in einen Zoo, knapp 100 Kilometer östlich von Prag gelegen; 2009 flog man ihn nach Kenia, wo das Nördliche Breitmaulnashorn 2018 im Reservat Ol Pejeta starb. Foto: dpa

Seit sich auf dem Planeten Erde Leben entwickelt hat, kam es bereits fünf Mal zu einem massenhaften Artensterben. Und laut Experten stecken wir mitten im sechsten – und dieses Mal ist der Mensch verantwortlich. Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, das geht aus einem UN-Bericht hervor. Betroffen sind 40 Prozent der Amphibien, 25 Prozent der Säugetiere und 14 Prozent der Vögel. Zu den vermutlich charismatischsten der bedrohten Arten zählt die Familie der Nashörner, von denen heute vielleicht noch etwa 27 000 existieren. Drei Arten sind in Asien beheimatet, Breitmaulnashörner und Spitzmaulnashörner wiederum in Afrika, und die Tiere in Ol Pejeta wurden gewissermaßen zu Botschaftern bedrohter Arten. ‚„Sudan hat als letzter Bulle ein Budget von rund 600 Millionen Dollar für den Erhalt der Artenvielfalt generiert“, sagt Richard Vigne, Geschäftsführer des Reservats, das Elefanten, Nashörnern und Schimpansen auf rund 364 Quadratkilometern Schutz bietet und sich durch Spenden und Tourismus finanziert.


„Sudan hat als letzter Bulle ein Budget von rund 600 Millionen Dollar für den Erhalt der Artenvielfalt generiert“
RICHARD VIGNE, Geschäftsführer des Reservats

Kümmert das jemanden? Neben dem ethischen Argument, dass die Gewinner eines Jahrmillionen langen Evolutionsprozesses nicht aufgrund der Menschheit verschwinden sollten, gibt es zahlreiche weitere, ganz praktische Argumente, warum eine Art nicht einfach verzichtbar ist. Jede Art führt in ihrem Ökosystem einen Job aus. Verschwindet sie, lässt sie eine Lücke zurück. Wenn eine Million Tier- und Pflanzenarten in einem kurzen Zeitraum verschwinden, droht das fragile ökologische Gleichgewicht grundlegend gestört zu werden. Najins und Fatus Tagesablauf inklusive Mittagsschlaf mag nicht besonders aufregend erscheinen, aber in ihrem angestammten Habitat, das sich über den Tschad, Sudan, der Demokratischen Republik Kongo und Uganda erstreckt, übernehmen Nördliche Breitmaulnashörner eine wichtige Rolle: als Landschaftsarchitekten. Indem sie den Pflanzenbewuchs kürzen, erleichtern sie kleineren Säugetieren, etwa Antilopen, das Fressen. Sie schaffen Flächen mit unterschiedlich hoher Vegetation und verhindern auch, dass sich Buschbrände ausbreiten. Sogar ihr Kot ist nützlich, weil sie damit Samen verteilen und Insekten ernähren. Keine andere Art kann sie dort ersetzen.

Auf den Nashörnern reiten Madenhacker, Vögel der Gattung Buphagus, sie befreien die Haut von Parasiten.
Auf den Nashörnern reiten Madenhacker, Vögel der Gattung Buphagus, sie befreien die Haut von Parasiten.

Begehrte Trophäen

„Das nahegelegenste Nashorn zeigte seine Breitseite. Ich traf es mit zwei Schüssen, und es brach zusammen, bevor es sich in schrecklichen Krämpfen erhob. Der Kopf, die Ohren, das Horn erhoben sich qualvoll über das Gras, als wollte es weiter, während ich zweimal nachlud und feuerte“, schrieb Winston Churchill, damals Unterstaatssekretär der britischen Kolonien, am 30. Mai 1909 in der New York Times. Koloniale Sportschützen wie Churchill waren auf der Suche nach begehrenswerten Trophäen, sie läuteten das Ende des Nördlichen Breitmaulnashorns ein. Damals lebten noch rund 100. 000 Nördliche Breitmaulnashörner in Zentralafrika. Nach den Jägern kamen bald Wilderer, die mit Kalaschnikows auf die Tiere schossen und ihnen die Hörner mit Macheten abhakten. Daraus wurden die Griffe jemenitischer Dolche, und in den 70er- und 80er-Jahren stieg die Nachfrage so stark, dass manche Forscher den Jemen für die fast vollständige Ausrottung des Nördlichen Breitmaulnashorns verantwortlich machen. Die Wilderei fand erst ein Nachsehen, als Hersteller 2008 anfingen, Griffe aus Hartgummi zu produzieren. Die waren günstiger.

Zur selben Zeit stieg allerdings die Nachfrage nach dem Material in Ostasien. Die wachsende chinesische Mittelschicht konnte sich kleine Stücke des Horns vom Rhinozeros leisten, dem alte Überlieferungen eine Heilwirkung zusprachen. In Vietnam fing die High Society an, es als Pulver in Cocktails und Wein zu mischen. Das Interesse hält bis heute an. Ein Kilogramm Rhino-Horn kostet mittlerweile 55.000 Euro, und ist damit teurer als Gold, obwohl es wie menschliche Fingernägel oder Haare aus dem Faserprotein Keratin besteht.

Ihrem Pfleger James Mwenda geht die Arbeit mit den Nashörnern nah.
Ihrem Pfleger James Mwenda geht die Arbeit mit den Nashörnern nah.

Bürgerkriege besiegelten das Schicksal der Nördlichen Breitmaulnashörner. Im Südsudan und im Osten der Demokratischen Republik Kongo konnte sie keiner mehr beschützen. „Die Ironie ist, dass die Afrikaner die eigentlichen Umweltschützer sind“, schreibt Lawrence Anthony (1950 - 2012) in seinem letzten Buch „The Last Rhinos: My Battle to Save One of the World’s Greatest Creatures“. „Die Einwohner dieses Kontinents haben nie mehr gejagt, als sie brauchten. Sie haben nie für Trophäen gejagt. Das war ein totales Tabu, die Tiere hatten einen intrinsischen, spirituellen Wert.“ Der in Südafrika geborene, international arbeitende Umweltschützer Anthony hatte versucht, die letzten Nashörner im Kongo zu retten. Vergeblich.

Alle Hoffnungen verlagerten sich auf Zootiere. Der abenteuerlustige Direktor des Zoos Dvur Králové, Jozef Vágner, hatte früh erkannt, dass die Nördlichen Breitmaulnashörner verschwinden würden, und organisierte 1975 eine Expedition ins Gebiet des heutigen Südsudan. „Wir zählten 264 Nashörner vom Flugzeug aus“, notierte Vágner damals und schätzte, dass noch etwa 770 Individuen in der Region lebten. Die sudanesische Regierung erlaubte ihm, sechs für seinen knapp 100 Kilometer östlich von Prag gelegenen Zoo zu fangen. Darunter ein zweijähriger Bulle, den er Sudan nannte und der 1989 Vater von Najin wurde.


„Sie reden über Tiere, aber es geht ihnen um dasselbe: Kontrolle über unser Land.“
MORDECAI OGADA, Ökologe und Autor

Eines Abends im Jahr 2017 kehrte James Mwenda mit einem Kollegen vom Nachtgehege der Nashörner zurück, als sie einen Schuss hörten. Ein Spitzmaulnashorn war erschossen worden. „Wir waren von 11 bis 17.50 Uhr bei ihm gewesen. Um 17.57 Uhr wurde es getötet. Die Wilderer hatten jeden unserer Schritte beobachtet“, erzählt Mwenda. Er holte die Sicherheitsleute. „Als wir zwanzig Minuten später ankamen, war das Horn weg.“ Ein Tierfriedhof erinnert an drei Dutzend solch blutiger Vorfälle, heute werden die Nashörner strenger bewacht. Mit Kameras, Patrouillen und Bluthunden halten Wächter die Wilderer fern, bleiben nachts in einem Häuschen nah beim Gehege. Chief Zakaria ist stolz, dass in Ol Pejeta seit 2017 kein Nashorn mehr zur Beute wurde. „2017 erwischten wir ein paar Wilderer. Sie hatten Vorstrafen, und wenig später waren sie, puff, verschwunden“, sagt er verschwörerisch. „Geschlachtet wie eine Ziege oder zerhackt und an die Krokodile verfüttert, wer weiß.“ Wer ein Nashorn tötet, muss offenbar mit harten Konsequenzen rechnen.

Der Konflikt zwischen Mensch und Tier besteht seit Urzeiten. Im globalen Süden steckt aber heute mehr dahinter als menschliche Dominanz: Die artenreichste Biodiversität befindet sich dort, wo die ärmsten Menschen leben. Länger anhaltende Dürren und das Bevölkerungswachstum drängen Wildnis und Menschen näher aneinander. Mordecai Ogada, Ökologe und Autor des Buchs „The Big Conservation Lie“, kritisiert in Meinungsbeiträgen, dass Naturschutzgebiete häufig von Enkeln britischer Kolonialherren betrieben werden und die Interessen der Bevölkerung verletzen: „Sie reden über Tiere, aber es geht ihnen um dasselbe: Kontrolle über unser Land.“ Naturschutz ist für ihn eine neue Form des Kolonialismus. Auch vor den Zäunen von Ol Pejeta leben etwa 50.000 Menschen größtenteils in Armut. Ihnen steht weniger fruchtbares Land zur Verfügung, Kenias Städte wachsen und nähern sich auch dem Reservat sowie dem Nationalpark am Mount Kenya an. Richard Vigne, in der Tat Nachkomme britischer Kolonialisten, versucht, die Menschen im Umland mit Ol Pejeta zu verbinden. Bauern können ihre Tiere auf Weiden des Reservats führen. „Manchmal wird eine Kuh von einem Löwen gefressen, und einige Touristen bleiben weg, weil sie auf Safari kein Nutzvieh sehen wollen, aber am Ende gewinnen alle.“


Eine Vision für die Zukunft

„Wir werden spätestens 2024 ein Nördliches Breitmaulnashornbaby haben“, sagt Thomas Hildebrandt und klingt, als habe er keinerlei Zweifel. Er leitet die Abteilung für Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. „Wir werden mit unseren Embryonen Erfolg haben. Nach dreißig Jahren Erfahrung habe ich ein gutes Gespür für Erfolgschancen.“ So schob Hildebrandt in diesem März einen zwei Meter langen Stab in Fatus Rektum. Fatu bekam davon wenig mit, sie lag betäubt auf dem Boden ihres vertrauten Geheges. Am Ende des Stabs befand sich eine Kanüle, mit der Hildebrandt ein Loch zu den Eierstöcken auf der anderen Seite der Darmwand stach: Es ist die einfachste Prozedur, um Eizellen zu gewinnen, denn die Eierstöcke der Nashörner liegen mitten im Körper, ihr Geschlechtstrakt ist komplex.

Die Berliner Tiermediziner Susanne Holtze und Thomas Hildebrandt (vorne) sind spezialisiert darauf, Eizellen von Nashornkühen zu gewinnen.
Die Berliner Tiermediziner Susanne Holtze und Thomas Hildebrandt (vorne) sind spezialisiert darauf, Eizellen von Nashornkühen zu gewinnen. Foto: dpa

Kaum hatte das Gerät genug Eizellen herausgesaugt, „geerntet“, flog ein Helikopter diese von Kenia ins Partnerlabor Avantea im italienischen Cremona. Fatu graste längst wieder, als ihre Eizellen dort in Petrischalen heranreiften und mit Spermien des 2014 verstorbenen Suni befruchtet wurden. In Flüssigstickstoff lagern derzeit insgesamt neun Embryonen – ein oder zwei werden wohl bald in die Gebärmutter eines Südlichen Breitmaulnashorns eingepflanzt. Hildebrandt und seine Teammitglieder sind Pioniere auf diesem Gebiet. Sie nahmen Nördlichen Breitmaulnashorn-Bullen schon zu Lebzeiten Sperma ab, ohne zu wissen, ob man es je verwenden werden könnte. 2018 gelang es dem Team zum ersten Mal, die Eizelle eines Nashorns künstlich mit Spermien zu befruchten; drei Jahre später stehen sie kurz vor dem Transfer eines Embryos in eine Leihmutter. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert ihr Projekt BioRescue mit 4,2 Millionen Euro.

In Ol Pejeta laufen die Vorbereitungen für den Embryo-Transfer. Seit November leben Najin und Fatu Zaun an Zaun mit dem Bullen Owuan, einem Südlichen Breitmaulnashorn. Er ist sterilisiert und wird den Tiermedizinern den besten Moment für den Embryotransfer zeigen, wenn er die auserkorenen Leihmütter besteigt. Sein Ejakulat enthält zwar keine Samenzellen, bereitet die Kühe aber auf den Embryo vor, auch damit ihr Immunsystem diesen nicht sofort abstößt.

Es stellen sich angesichts der Rettung der Nördlichen Breitmaulnashörner aber auch ethische Fragen. „Ich habe gestern gelesen, dass Wissenschaftler das Wetter manipulieren wollen“, erzählt Mwenda eines Morgens verärgert. „Ich finde das nicht richtig, die wollen Gott spielen.“ Aber gelte das nicht auch, wenn man die Nördlichen Breitmaulnashörner zurückbringt? Mwenda hält inne und beobachtet Fatu und Najin, die nur wenige Meter entfernt grasen. „Vielleicht ja, aber wenn wir die Chance haben, ein Baby zu sehen, dann ist es den Versuch wert.“


Nächstes Kapitel:

„Uns läuft die Zeit davon“


Foto: dpa

„Uns läuft die Zeit davon“

Text von SONJA KASTILAN
Foto: dpa

13. Juli 2021 · Wenn nur Methoden der Reproduktionsmedizin und Stammzellforschung noch helfen können, eine Art zu erhalten.

Endlich war es wieder so weit: Tiermediziner vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung reisten vergangene Woche von Berlin nach Kenia, um sich dort im Reservat Ol Pejeta um die zwei letzten Nördlichen Breitmaulnashörner zu kümmern. Einerseits sollten die Tiere umfassend klinisch untersucht werden, andererseits verfolgen Thomas Hildebrandt, Frank Göritz, Robert Hermes und Susanne Holtze im Team mit internationalen Kollegen ein weiter reichendes Ziel: Im Wettlauf gegen die Zeit wird versucht, diese Art – oder Unterart, je nach Betrachtungsweise – in letzter Sekunde vor dem Aussterben zu bewahren. Deshalb ging es jetzt zudem darum, weitere Eizellen für die künstliche Befruchtung zu gewinnen.

Najin und Fatu sind Mutter und Tochter, 32 beziehungsweise 21 Jahre alt – die letzten beiden Nashornkühe, von denen keine selbst eine Schwangerschaft durchhalten und Nachwuchs austragen könnte, und nur die jüngere ist gesund genug, um zumindest Eizellen zu spenden. Im Jahr 2009 wurden sie mit zwei – inzwischen verstorbenen – Bullen aus einem tschechischen Zoo in ein Reservat nach Kenia verfrachtet: „Uns ging da bereits wertvolle Zeit verloren, weil wir erst im Herbst 2014 wieder Zugang zu den Tieren erhielten“, sagt Thomas Hildebrandt. Damals hätten sich schon Veränderungen im Geschlechtstrakt beider Weibchen gezeigt: Bei Najin hatte sich eine Zyste am linken Eierstock gebildet, wie es nicht untypisch ist für weibliche Säugetiere, die in einem Zoo leben, dort zwar bestens versorgt, aber von der Fortpflanzung im natürlichen Rhythmus abgehalten werden. Außerdem war eine Achillessehne seit einem Deckversuch durch einen Bullen angerissen. Und bei Fatu hatte eine frühere Erkrankung das Endometrium so verändert, geradezu zerstört, dass auf eine Schwangerschaft nicht mehr zu hoffen war. „Bevor wir ihnen die ersten Eizellen entnehmen konnten, hat es allerdings weitere fünf Jahre gedauert“, sagt Hildebrandt.

Die Berliner Tiermediziner Robert Hermes, Thomas Hildebrandt und Susanne Holtze (von links nach rechts) entnehmen der betäubten Nashornkuh Fatu mit Hilfe eines Rohrsystems Eizellen und überwachen den Eingriff mittels Ultraschall.
Die Berliner Tiermediziner Robert Hermes, Thomas Hildebrandt und Susanne Holtze (von links nach rechts) entnehmen der betäubten Nashornkuh Fatu mit Hilfe eines Rohrsystems Eizellen und überwachen den Eingriff mittels Ultraschall. Foto: dpa

Bis dahin mussten er und seine Kollegen nicht nur medizinische Probleme lösen, sondern auch politische Hürden überwinden, und die Forschungsgelder waren knapp. „In den ersten vier, fünf Jahren haben wir die Entnahme der Eizellen intensiv an der Schwesternart geübt“, sagt Susanne Holtze. Sie erinnert sich an „wenig Funding, viel En­gagement“, man sei mit dem Auto quer durch Europa zu den Zoos gefahren, und Kuriere brachten frisch „geerntete“ Eizellen zum Partnerlabor in Italien. Dort, bei Avantea in Cremona, arbeiten Reproduktionsmediziner seit Langem erfolgreich auf dem Gebiet der Pferdezucht, was nur wenige Labore weltweit beherrschen. Die verwandtschaftliche Nähe von Nashörnern zu Pferden schürte die Zuversicht, dass die italienischen Spezialisten in diesem Fall helfen könnten. Und tatsächlich gelang es, derart exotische Embryonen in vitro zu zeugen. Nun liegen neun Nördliche Breitmaulnashörner in einem frühen Entwicklungsstadium auf Eis; zur Sicherheit werden nicht alle an einem Ort in flüssigem Stickstoff aufbewahrt, sondern sind verteilt auf zwei Lager. Als Leihmütter kommen für sie Südliche Breitmaulnashornkühe infrage, deren Empfangsbereitschaft dann ein sterilisierter Bulle testen darf: Im Reservat Ol Pejeta steht Owuan schon bereit.    

„Durch unsere Arbeit in den Zoos wissen wir, dass es mit zunehmendem Alter der Nashörner deutlich schwieriger wird, Eizellen – und daraus wiederum Embryonen zu gewinnen“, sagt Holtze, „uns läuft die Zeit davon.“ Erst im August 2019 konnten die erfahrenen Tiermediziner bei den Nördlichen Breitmaulnashörnern zur Tat schreiten und ihre gut erprobte Methode einsetzen. Was bedeutet, dass die Nashornkühe betäubt werden, um die zuvor hormonell stimulierten Follikel unter Ul­traschall-Kontrolle zu punktieren; die Eizellen werden mitsamt anderem Zellmaterial herausgespült und anschließend unterm Mikroskop verlesen, bevor man sie einfriert. Das gelang gleich beim ersten Mal, aber zugleich entdeckten die Tierärzte auch bei Fatu kleine Tumoren – und mussten feststellen, dass Najins Zyste gewachsen war. Dieses „dramatischere Bild“ von 2019 hat inzwischen nahezu die Größe eines Fußballs, der unter Umständen reißen könnte; daraufhin würde literweise Flüssigkeit in den Bauchraum dringen, was in einem ähnlichen Fall zum anaphylaktischen Schock führte, der für das Nashorn Nabire tödlich endete.


„Geht es ums Individuum oder um die Art? Diese Frage ist komplex und nicht einfach zu beantworten, deshalb müssen wir verschiedene Argumente abwägen“
THOMAS HILDEBRANDT, Tiermediziner

Aus diesem Grund, erklärte Thomas Hildebrandt im Gespräch wenige Tage vor Abflug nach Kenia, werde man nun eine kleine Fachkonferenz abhalten, um unter Berücksichtigung medizinischer sowie ethischer Aspekte das weitere Vorgehen im Fall Najin zu besprechen. Man könnte den betroffenen Eierstock entfernen – und auf diese Weise Follikel für die spätere Eizellreifung im Labor gewinnen, doch mit diesem Eingriff Najins Tod riskieren. Oder eben dem Tier das Leben so gut wie möglich gestalten, es zum Botschafter für Artenschutz machen, insbesondere von Nashörnern. „Geht es ums Individuum oder um die Art? Diese Frage ist komplex und nicht einfach zu beantworten, deshalb müssen wir verschiedene Argumente abwägen“, sagt Hildebrandt in der Hoffnung, dass Najin und Fatu die nächste Generation großziehen: „Wir haben sehr große Chancen, in naher Zukunft ein Kalb eines Nördlichen Breitmaulnashorns zu erzeugen, und das kann dann hoffentlich von Najin und Fatu lernen, wie sich ein Nördliches Breitmaulnashorn verhält, spricht, frisst. Wir können biologische Strukturen in flüssigen Stickstoff packen und dort womöglich 300 Jahre halten, aber soziales Wissen ist nicht konservierbar.“

In Zentralafrika besetzen Nördliche Breitmaulnashörner seit Jahrtausenden eine Schlüsselposition im Ökosystem: Die gewaltigen Pflanzenfresser gestalten eine Landschaft, in der sie nicht zu ersetzen sind. Nicht die Evolution habe versagt, sondern: „Der Mensch hat sie durch Trophäenjagd und Wilderei an den Rand getrieben“, stellt Hildebrandt klar. Dass jetzt ein enormer Aufwand getrieben werde, um diesen Fehler zu beheben, sei natürlich paradox, sagt Susanne Holtze: „Wenn es mit Hilfe der Reproduktionsmedizin klappt, diese Tiere zurückzubringen, ist das für uns ein Zeichen, ein ‚proof of concept‘, dass man diesen Weg für andere Arten vielleicht ebenfalls gehen könnte, aber so weit sollte es gar nicht erst kommen. Wir wollen mit dem BioRescue-Projekt nicht den Eindruck erwecken, dass Wissenschaft dazu da ist, menschliches Fehlverhalten auszubügeln.“ Wenigstens zeige das Beispiel des Südlichen Breitmaulnashorns, dessen Schicksal um 1900 besiegelt schien, dass wenige gesunde Individuen genügen können, um eine Population wieder aufleben zu lassen: Ob es nur noch zehn, zwanzig oder fünfzig Exemplare waren, kann niemand mehr sagen, jedoch dass es heute rund 29.000 sind. Und deren genetische Vielfalt scheint geringer zu sein als jene, die von den nördlichen Verwandten in Form von 300 Milliliter Sperma vierer Bullen nebst zwölf individuellen Hautzellkulturen vorliegt.

Die Corona-Pandemie stört auch das Rettungsprogramm, weil sowohl Zoos als auch Institute geschlossen und Reisen nach Kenia nicht erlaubt waren, dadurch fielen Termine für die Eizellgewinnung aus. Wenn fortan Fatu als einziges Weibchen zur Verfügung steht, schränkt das die Diversität ein. Deshalb sollen jetzt ausgeklügelte Verfahren der Stammzellforschung helfen, das Ende ihrer Linie abzuwenden: Hautzellen könnten in Ei- oder Samenzellen verwandelt werden, um damit Nachwuchs zu zeugen. Und was bei Mäusen bereits Erfolge zeigte, lässt die Forscher jetzt auf Nashörner hoffen.


GIRAFFENFORSCHUNG: Blauzüngige Grazien
NATURSCHUTZ IN BENIN: Von allen Göttern und guten Geistern verlassen . . .

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 13.07.2021 15:10 Uhr