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Bedrohter Greifvogel : Rettung für den Riesenadler Amazoniens?

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Ein weibliches Exemplar einer Harpiye, aufgenommen im brasilianischen Sooretama-Reservat. Bild: Plos One, Miranda et al.

Die ungebremste Rodung der Regenwälder hat den Lebensraum der Harpyie bedrohlich schrumpfen lassen. Schutzgebiete könnten das Aussterben des seltenen Greifvogels verhindern.

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          Mit neun Kilogramm ist die Harpyie die gewichtigste heute lebende Adler-Spezies. Als Waldbewohnerin gleicht sie in ihrem Lebensstil eher einem Habicht als einem Steinadler. Anders als beim Habicht stehen aber nicht Vögel ganz oben auf dem Speiseplan, sondern Faultiere und Affen. Schließlich ist die Harpyie (Harpia harpyja) in Mittel- und Südamerika zu Hause. Weil dort nach wie vor rücksichtslos Regenwald abgeholzt wird, schrumpft auch der Lebensraum dieses Greifvogels rapide.

          Brasilianische Forscher um Everton B. P. Miranda von der Universidade do Estadual de Mato Grosso in Alta Floresta wollten wissen, wo der imposante Vogel derzeit noch geeignete Biotope findet. Gemeinsam mit Jorge F. S. Menezes von der Ben Gurion Universität in Beersheba und Carlos A. Peres von der University of East Anglia in Norwich sind die Wissenschaftler zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen: Das Verbreitungsgebiet der Harpyie ist bereits 41 Prozent kleiner als nach jüngsten Schätzungen der „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN) zurzeit angenommen. Doch es gibt auch hoffnungsvolle Nachrichten: Nahe der Atlantikküste haben die Biologen Waldrelikte identifiziert, aus denen der Greifvogel zwar verschwunden ist, sich vermutlich dort aber wieder ansiedeln ließe.

          Da die küstennahen Regenwälder für europäische Siedler am leichtesten zugänglich waren, existieren sie nur noch sehr fragmentiert. Wie viele Harpyien sich dort tummeln, ist gut bekannt: Es sind etwa zehn Brutpaare und ein paar einsam umherstreifende Vögel. In den weitläufigen Wäldern des Amazonasgebiets ist die Lage weit weniger übersichtlich. Für die von Miranda und seinen Kollegen geplante Studie hat sich eine auf wissenschaftlichen Publikationen basierende Stichprobe als viel zu klein erwiesen. Deshalb entschieden sich die Forscher dafür, zusätzlich auf „Citizen Science“ zurückzugreifen: Sie durchstöberten das Internet nach gut dokumentierten Sichtungen von Hobby-Ornithologen. Häufig sind die Forscher auch mit diesen engagierten Bürgerwissenschaftlern direkt in Kontakt getreten.

          Gelockerte Umweltauflagen bedrohen Regenwald

          Wenn es um passende Lebensräume für Harpyien geht, spielen Beobachtungen eine zentrale Rolle, die auf ein Nest mit Nachwuchs schließen lassen. Mal ist ein Jungvogel vor die Kamera geflattert, mal ein erwachsenes Tier dadurch aufgefallen, dass sich die weißen Brustfedern braun verfärbt hatten, Das passiert stets beim Brüten. Denn die Brust schmiegt sich zwangsläufig nicht bloß an das Ei, sondern auch an feuchtes, gerbstoffreiches Nistmaterial.

          Harpyien haben von allen Spezies der Vogelwelt die niedrigste Reproduktionsrate: Alle zweieinhalb bis drei Jahre ziehen sie einen einzigen Nestling groß. Bis vor kurzem haben so wenige Nachkommen offensichtlich ausgereicht, um jeweils die Elterngeneration zu ersetzen – obwohl sich indigene Waldbewohner traditionell gern mit den eindrucksvollen Krallen oder Federn von Harpyien schmücken. Wo Indigene mit Jagdgewehren bewaffnet sind und illegal gehandelter Federschmuck hohe Preise erzielt, sieht es für die lokale Harpyien-Population allerdings schon viel schlechter aus.

          Die Rodung des Urwalds im Amazonas vernichtet nicht nur Regenwald, sondern  setzt auch Unmengen an Methan frei.
          Die Rodung des Urwalds im Amazonas vernichtet nicht nur Regenwald, sondern setzt auch Unmengen an Methan frei. : Bild: dpa

          In Amazonien angesiedelte Kleinbauern, die ursprünglich aus anderen Landesteilen stammen, kommen noch rabiater daher. Um ihre Hühner und anderes Kleinvieh vor Angriffen aus der Luft zu schützen, machen sie vorsichtshalber allen großen Greifvögeln unterschiedslos den Garaus. Als viel fataler erweist sich allerdings, dass der Amazonas-Regenwald weiterhin auf großer Fläche der Landwirtschaft weichen muss. In Brasilien boomt diese Form der Agrarindustrie sogar mehr denn je. Dort hat die Regierung nicht nur die Umweltauflagen großzügig gelockert. Sie hat auch die finanziellen Mittel für den Schutz der Wälder gründlich zusammengestrichen.

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