https://www.faz.net/-gwz-7sk5h

Leihmutterschaft : Mein Bauch gehört nicht mir

  • -Aktualisiert am

Indien ist ein beliebtes Ziel für Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch. Bild: REUTERS

Leihmütter werden bezahlt, um gesunde Kinder abzuliefern. Aber das Geschäft kann auch schiefgehen. Was wird aus Gammy und seiner Schwester? Hintergründe zu einem aktuellen Fall.

          6 Min.

          Der heute acht Monate alte Gammy war in Thailand zur Welt gekommen, ausgetragen von einer Leihmutter im Auftrag eines Ehepaares aus dem australischen Perth. Doch das nahm nur Gammys Zwillingsschwester in Empfang. Den Jungen, der ein Down-Syndrom hat und angeblich am Herzen operiert werden muss, ließen sie zurück. Jetzt will die Leihmutter auch die gesunde Schwester bei sich haben.

          Es ist ein Fall, der nach salomonischen Richtern ruft. Jede Leihmutterschaft hebelt den alten Rechtsgrundsatz aus, nach dem es stets sicher sei, wer die Mutter ist. Im Zeitalter der Reproduktionsmedizin kann ein Kind gleich drei Mütter haben: eine biologische (von der die Eizelle stammt), eine austragende (die ihren Uterus zur Verfügung stellt) und eine soziale Mutter, bei der es am Ende aufwächst. Dass umgekehrt die Vaterschaft stets anzuzweifeln sei, ist ebenfalls überholt. Ein DNA-Test kann Gewissheit verschaffen. Anderseits ist der Vater bei einer anonymen Samenspende überhaupt nicht mehr zu ermitteln.

          Zahl der Leihmutterschaften steigt

          Wer sich auf eine Leihmutterschaft einlässt, muss nicht nur mit juristischen, sondern auch mit moralischen Fallstricken rechnen. Trotzdem wird dieser Weg, ein Kind zu bekommen, immer häufiger gewählt; allein in den Vereinigten Staaten verdoppelte sich die Zahl der bekannt gewordenen Fälle seit 2004 auf jährlich mehr als tausend.

          Anfangs waren es vor allem Paare, bei denen die Frau unfruchtbar war. Ersatzweise wurde eine andere Frau mit dem Samen des Ehemannes befruchtet. Technisch gesehen handelt es sich dabei um eine konventionelle Zeugung, die auch ohne die Hilfe von Medizinern gelingt. Schon die Bibel kennt ein Beispiel: Abraham, zum Stammvater eines großen Geschlechts bestimmt, war mit Sarah verheiratet, die zu alt war, um Kinder zu bekommen. „Geh zu meiner Magd, dass ich aus ihr mich aufbauen möge“, sagt sie. So gebiert Hagar, die ägyptische Sklavin, Abrahams ersten Sohn Ismael. Bereits in der Bibel führt das zu Eifersucht und genealogischen Verwicklungen.

          Traditionell wurden derartige Arrangements in Adelsfamilien getroffen, wenn es mit dem dynastischen Nachwuchs nicht klappen wollte. Die gewünschte Erbfolge konnte dann per Adoption geregelt werden. Heute sind es oft schwule und lesbische Paare, die sich gegenseitig einen Freundschaftsdienst erweisen.

          In der Petrischale gezeugt

          Wenn reine Freundschaft nicht weiterhilft, kommen kommerzielle Interessen ins Spiel. Der britische Sänger Elton John und sein Partner David Furnish beauftragten eine kalifornische Agentur; im Dezember 2010 wurde ihr Sohn Zacher Jackson Levon Furnish-John geboren. Sie ließen offen, wer der leibliche Vater sei, angeblich wissen sie es selbst nicht. Bekannt ist nur, dass Lady Gaga als Patentante einsprang. Auch weibliche Prominente wie Nicole Kidman oder Sarah Jessica Parker haben ihren Nachwuchs einer Leihmutter anvertraut. In amerikanischen Talkshows und in zahlreichen Kinofilmen spielt das Thema inzwischen eine große, fast immer positiv besetzte Rolle.

          In der Praxis geht es weniger glamourös zu. Fast immer steht am Anfang eine In-vitro-Befruchtung, bei der die Wunscheltern ihre eigenen Ei- und Samenzellen zur Verfügung stellen. Der Embryo wird in der Petrischale gezeugt und vier Tage später im Stadium der Blastozyste in die Gebärmutter einer Leihmutter eingepflanzt, die dafür bezahlt wird. Auftraggeber sind vor allem Paare, bei denen die Frau zwar imstande ist, zu empfangen, aber das Kind aus medizinischen oder psychologischen Gründen nicht austragen kann oder will. Die Preise schwanken: In den 18 nordamerikanischen Bundesstaaten, in denen das Prozedere erlaubt ist, werden mindestens 100 000 Dollar fällig. Deutlich billiger ist es in Ländern wie Indien, Thailand, Russland oder der Ukraine. In Georgien soll es mit zirka fünftausend Dollar zur Zeit am günstigsten sein.

          Was ist mit den Geburtspapieren?

          Deutschland und viele andere Staaten haben die kommerzielle Leihmutterschaft verboten. Aus altruistischen Gründen ist sie unter anderem in Dänemark, Griechenland, Großbritannien und Israel zugelassen. Aber gern gesehen wird sie nicht. Wer sich deshalb auf dubiose Vermittler im Ausland einlässt, muss mit erheblichen Problemen rechnen. Ein deutsches Ehepaar, das vor sechs Jahren Zwillinge in einer indischen Klinik austragen ließ, musste das erfahren: Die dortigen Behörden stellten den Kindern keine Papiere aus, weil sie ihrer biologischen Herkunft nach Deutsche seien, das Auswärtige Amt aber stellte sich auf den Standpunkt, die rechtmäßige Mutter sei nun mal diejenige, die die Zwillinge geboren habe. Erst nach monatelangem Hin und Her wurde aus humanitären Gründen eine Ausnahme gemacht.

          Fälle von Kindern ohne gültige Geburtspapiere häufen sich. Halbwegs sicher können sich Wunscheltern nur in den Vereinigten Staaten sein. Dort werden meist Verträge geschlossen, die auch vor Gericht Bestand haben. Amerika verleiht die Staatsbürgerschaft automatisch an alle Kinder, die dort geboren werden, sie können jederzeit ausreisen.

          „Baby M“ sorgte in den achtziger Jahren für Aufsehen

          Anwälte und Richter haben aus dem Fall „Baby M“ gelernt, der Mitte der achtziger Jahre für Aufsehen sorgte. Die Eheleute William und Elizabeth Stern wünschten sich ein Kind, doch die Ehefrau litt an multipler Sklerose, was bei einer Schwangerschaft zu einer Lähmung hätte führen können. Die Sterns annoncierten in der Zeitung, woraufhin sich eine junge Frau namens Mary Whitehead meldete, die einverstanden war, mit dem Samen des Ehemanns befruchtet zu werden und das Kind nach der Geburt auszuhändigen.

          Es wurde eine Tochter, und die Leihmutter wollte sie urplötzlich behalten. In erster Instanz gewannen die Sterns, ein Berufungsgericht hob den Spruch auf. Leihmutterschaften gegen Bezahlung seien „illegal, kriminell und für die betroffene Frau entwürdigend“, hieß es in der Begründung. Das Sorgerecht wurde dennoch den Wunscheltern zugesprochen, weil das nach sorgfältiger Abwägung für das Kind das Beste sei. Melissa Stern, wie Baby M getauft wurde, schrieb später eine Doktorarbeit über die Verwicklungen, die sie am eigenen Leibe erfahren hatte.

          „Eine Tochter geht irgendwann sowieso aus dem Haus“

          Dass eine Leihmutter zu dem Kind, das sie neun Monate lang spürt, eine emotionale Beziehung entwickelt, ist verständlich. Die Soziologin Amrita Pande von der University of Massachusetts hat Leihmütter in einer Klinik in Anand im indischen Bundesstaat Gujarat befragt. Dort wohnen bis zu fünfzig Frauen unter einem Dach, um fremde Embryonen auszutragen. Die Klinik wirbt sie in den umliegenden Ortschaften an, unter der Bedingung, dass sie verheiratet und körperlich fit sind und bereits ein eigenes Kind zur Welt gebracht haben. Die Leihmutterschaft bringt ihnen zwischen drei- und fünftausend Dollar ein, was ungefähr dem Zehnfachen eines Jahreseinkommens entspricht.

          Amrita Pande traf auf Frauen, die durchaus eigene Vorstellungen von ihrer Rolle als Leihmutter entwickelt hatten. „Natürlich gerät das Kind nach mir“, gab eine von ihnen zu Protokoll, „die Spenderin hat nur die Eizelle geliefert, aber es ist mein Blut, mein Schweiß und meine Arbeit.“ Eine andere Frau, die nach der In-vitro-Prozedur Drillinge trug, protestierte energisch dagegen, eine selektive Abtreibung vornehmen zu lassen, um die Zahl der Föten zu reduzieren. Allerdings vergebens, die Ärzte setzten sich durch.

          Über den Gedanken, das Kind nach der Geburt fortgeben zu müssen, trösteten sich die indischen Frauen hinweg. „Wenn es eine Tochter ist, geht sie irgendwann sowieso aus dem Haus“, sagte eine der Befragten. Manche hegten die Hoffnung, eine enge Freundschaft zu dem Spenderpaar aufzubauen, um den gemeinsamen Nachwuchs später regelmäßig besuchen zu können. Trost fanden die Frauen auch in der Gemeinschaft mit anderen Leihmüttern: „Wir schwimmen im selben schmutzigen Wasser.“

          Zehntausend Dollar für eine Abtreibung

          Die Sozialpsychologin Sharvari Karandikar von der Ohio State University hat ebenfalls Interviews mit den Leihmüttern von Anand geführt. Dabei stellte sich heraus, dass die Frauen zwar von ihren Männern unterstützt wurden, aber in der übrigen Gemeinde geächtet waren, wenn sich herausstellte, welcher Beschäftigung sie nachgingen. In den Augen der Nachbarn war das Prostitution.

          Schmutzig, wie die indischen Frauen sagen, sind viele Praktiken im Geschäft mit der Leihmutterschaft. Häufig fordern die Wunscheltern, dass ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht wird, auch wenn dafür keine medizinische Indikation vorliegt. Die Austragende muss alle möglichen Untersuchungen über sich ergehen lassen und die Ergebnisse offenlegen. Am heikelsten wird es, wenn dabei herauskommt, dass das Kind behindert sein könnte.

          Der Fall Gammy, der jetzt für Schlagzeilen sorgt, ist nicht der einzige dieser Art. Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass ein Ehepaar aus dem amerikanischen Bundesstaat Connecticut ihrer Leihmutter zehntausend Dollar angeboten hatte, damit sie den Fötus abtreiben ließe, der Anzeichen von Herz- und Hirnschädigungen aufwies. Sie weigerte sich, floh in einen anderen Bundesstaat, der den geschlossenen Vertrag für nichtig erklärte, das Kind kam zur Welt und wurde erfolgreich zur Adoption freigegeben.

          Der Wunsch, schwanger zu sein

          Wie viele Schicksale dieser Art sich abspielen, lässt sich kaum sagen, verlässliche Zahlen gib es nicht. In Studien aus den neunziger Jahren klagte immerhin ein Viertel der Leihmütter über Depressionen und Schuldgefühle, nachdem sie das Neugeborene abgeliefert hatten. Auch ihr soziales Umfeld war betroffen, sowohl im positiven wie im negativen Sinne. Rund die Hälfte der Befragten gab an, die Familie sei durch die Leihmutterschaft enger zusammengerückt, die übrigen berichteten, Beziehungen seien daran zerbrochen.

          Bei all dem wundert es, wenn sich als Leihmütter sogar Frauen zur Verfügung stellen, die nicht in prekären Verhältnissen leben. Die amerikanische Autorin Alexandra Robbins hat ein halbes Dutzend davon ausfindig gemacht und für das Monatsmagazin Washingtonian interviewt. Eine Hausfrau, deren zwei Söhne fast erwachsen waren, gab an, sie habe mit vierzig erneut den Wunsch verspürt, ein Baby zu bekommen. Ihr Ehemann sei strikt dagegen gewesen. Dann habe sie gemerkt, dass sie eigentlich gar kein Kind, sondern einfach nur schwanger sein wollte. „Das sind meine Hormone“, sagt sie, „nur während einer Schwangerschaft bin ich richtig glücklich.“ Ihr Wunsch ging sogar mehrfach in Erfüllung: Mit 48 brachte sie im Fremdauftrag noch einmal gesunde Drillinge zur Welt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lieber was Eigenes: Ein Einwohner von Wuhan erhält eine Impfung mit dem chinesischen Sinopharm-Vakzin.

          Impfstoffe : China bremst BioNTech aus

          Die Verhandlungen liefen bereits, man war zuversichtlich. Eine Milliarde Impfstoffdosen im Jahr wollte das Unternehmen auf dem größten Markt der Welt verkaufen. Doch daraus wird wohl nichts.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.